OSTERTOR
Was die Schanze für Hamburg, ist das Ostertor für Bremen: angesagt, vielseitig und weltoffen.


"Geh da bloß nicht hin, da spritzen sie Haschisch!" Lange Zeit kämpfte das Viertel, genauer gesagt das Ostertor mit einem fragwürdigen Image. Hier tobte in den Siebzigern die alternative Szene, Subkultur konnte sich wunderbar etablieren, dafür gab es entsprechenden Raum. Die Krawalle am ersten Mai und die jährliche Silvester-Bamboule gehörten einfach dazu. Im angrenzenden Steintor ist ein kleines Rotlichtmilieu beheimatet, und lange Zeit war "das Eck", die trennende Sielwallkreuzung, Drogenumschlagplatz Nummer eins. Alles Probleme, die heute nur noch rudimentär vorhanden sind. Und so ein bisschen subversiv lebt es sich ja auch ganz kommod. Und so zieht dieser Kiez Individualisten aller Altersklassen an. Hier leben viele Kreative und Bildungsbürger, und die Kneipen/Bar/Club-Kultur ist echt, nicht künstlich aus dem Boden gestampft. Clubs wie die Lila Eule, das Lagerhaus, später auch der Römer, das Heartbreak Hotel und das Litfass werden seit Generationen frequentiert.

Auch optisch ist das Ostertor attraktiv, hier stehen überproportional viele toprenovierte Altbauten, darunter wieder viele Altbremer Häuser mit kleinen Gärten. Und wer früher solch ein Haus besetzte oder in der Mega-WG wohnte, ist heute oft etablierter Immobilienbesitzer und lässt sich das Wohnen teuer bezahlen. Die Mieten sind happig, aber Wohnraum ist weiterhin sehr begehrt. Klar, im Ostertor stolpert man direkt in seinen Kiez, man kennt sich, und selbst das Fahrrad ist hier überflüssig. Für eine kurze Auszeit im Grünen eignen sich die nahen Wall-Anlagen oder der Osterdeich, direkt an der Weser kommt Urlaubs-Feeling auf. Was am Ostertor nervt: Das Geschwätz mancher Leute, Arroganz gegenüber anderen Quartieren und die steigenden Preise. So mancher fürchtet die "Verprenzlauerbergung" des Ostertors - und das nicht ganz zu Unrecht.


Mein Viertel: Mahnaz Moghaddamnia, 45, Inhaberin von Beverly Boyer
"Der Halli-Hallo-Faktor ist hier extrem groß, ich könnte die ganze Zeit am O-Weg sitzen und winken, irgendwen kennt man immer. Wenn Bremen ein Dorf mit Straßenbahn ist, dann ist das Ostertor der Prototyp. Hier leben Individualisten - Alter, Geld und Prestige spielen kaum eine Rolle, und das obwohl sich hier inzwischen die Haute Volée zum Shoppen, Ausgehen und Kaffeetrinken trifft. Was mich nervt: Hier muss alles schwer politisch ausdiskutiert werden, ein reelles "Butter-bei-die-Fische" geht nicht. Und dass Zugezogene immer ihre heile Welt wollen, ich erinnere nur an diese leidige Kopfsteinpflaster-Debatte. Wer Ruhe will, soll aufs Land ziehen!"

Ostertor: Die Bewertung im Überblick



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Schwachhausen
Mit dem Namen lässt sich spielen, aber wer hier lebt, übersetzt ihn längst in "Stark wohnen".



Durch den Bürgerpark ist Schwachhausen Bremens grünster Stadtteil. Vor rund 200 Jahren war hier nur plattes Bauernland, ein Jahrhundert später begann die Besiedelung: Wohlhabende Bremer Kaufleute bauten sich ihre repräsentativen Sommerresidenzen vor den Toren der Stadt und erholten sich vom Alltag. Später, als es ihnen in der Innenstadt zu eng wurde, verlagerten sie ihre Wohnsitze gleich ganz nach Schwachhausen. Heute ist hier Wohnen mehr als nur Leben: Während die "Neureichen" am Stadtrand in Oberneuland residieren, ist der alteingesessene Geldadel dichter dran am Geschehen, denn Schwachhausen liegt zentral zwischen Bürgerpark, Uni mit Autobahnanbindung, der Innenstadt und dem Hauptbahnhof. Das Verkehrsnetz ist mit fünf Straßenbahnlinien (1,4, 5, 6 ,8) und den Bussen 21, 22 und 24 gut ausgebaut. Da gibt es wenig zu meckern.

Zählt man die Mängel auf - keine Haupt- und Realschule, keine Bürgerhäuser und kein Jugendfreizeitheim - schärft sich das Profil eines gut situierten, konservativen Bürgertums. Und weil die Statistik beweist: Gutsituierte haben oft mehr als ein Kind, gibt es elf Schulen, darunter zwei private, und 30 Kindergärten, Kitas und Kindergruppen. Das hört sich zwar enorm an, aber trotzdem steht Schwachhausen kurz vor dem Generationswechsel. Dazu ziehen viele Oberneuländer, die zwar weiterhin gediegen-großbürgerlich wohnen, gleichzeitig aber wieder dichter dran an der Innenstadt leben wollen, nach Schwachhausen. Bürgerprotest gibt es wegen geplanter Autotrassen und dreispuriger Fahrbahnen. Zudem werden hier gerade Parkplätze "wegrationalisiert". Das bringt selbst unterkühlte Hanseaten in Wallung.


Mein Viertel: Andra Stoevesandt, 40, Juristin
"Wir wohnen hier sehr privilegiert und das Straßenbild ist richtig was fürs Auge. Da gibt es die buntverputzten Patriziervillen neben Altbremer Häusern. Wir leben mitten in der Stadt und dabei ruhig und idyllisch. Klingt vielleicht kitschig, aber hier gibt es so etwas wie heile Welt. Ich mag diese dezentralen Strukturen mit mehreren Kiezen, Wochenmärkten und vielen individuellen Geschäften. Meine Lieblingsbuchhandlung Thorban fällt mir da ein oder Articolo und das Summerhouse. Was nervt: besserwisserische Verkehrserzieher. Aber die Leute wohnen hier gern und engagieren sich, das fühlt sich nach Zuhause an."

Schwachhausen: Die Bewertung im Überblick



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Neu ist sie nicht mehr, die Neustadt, aber sie hat mehr als erstaunlich viel alte Bausubstanz zu bieten.



Im 17. Jahrhundert wuchs Bremen über die Weser hinaus. Aus vorwiegend strategischen Überlegungen entstand ein neuer Stadtteil, komplett mit Befestigungsanlagen, die zumindest im Namen der Neustadtswallanlagen weiterleben, einem Grünzug, der sich durch den Stadtteil zieht. Einst wohnten in der Neustadt vor allem Kleinbürger, Handwerker und Arbeiter, die erst 1863 den Altstadtbürgern rechtlich gleich gestellt wurden. Mittlerweile ist die Neustadt einer der beliebtesten Stadtteile Bremens, und das hat nicht nur mit den relativ moderaten Mieten zu tun. Mit dem Theater am Leibnizplatz, der Schwankhalle und dem Schnürschuh-Theater gibt es gleich drei beliebte Bühnen, das Modernes ist nicht nur dank seiner Architektur mit einer Decke zum Öffnen ein beliebter Tanztempel, die Weserburg und die Gesellschaft für Aktuelle Kunst auf dem Teerhof, das Künstlerhaus am Deich und die Städtische Galerie im Buntentor gehören zu den lebendigsten Kunstgalerien der Stadt. Zugleich ist der Stadtteil geprägt durch wichtige Industriebetriebe: Das weltweit bekannte Beck's Bier wird ebenso in der Neustadt hergestellt wie Hachez-Schokolade sowie Teile für den Airbus und die Weltraumrakete Ariane. Auch die Hochschule hat ihren Hauptsitz in der Neustadt, und schließlich landen und starten jedes Jahr über zwei Millionen Passagiere am Bremer Flughafen, der auch zur Neustadt gehört.

Noch was vergessen? Das Schwimmbad, die kleine Weser, den Stadtwerder, das Planetarium und die Sternwarte - und das ist längst noch nicht alles. Warum also eigentlich überhaupt noch auf die andere Weserseite gehen? Es gibt angeblich tatsächlich Neustädter, die so denken, und einige lieferten sich in den letzten Jahren mit der anderen Seite eine Gemüseschlacht auf der Brücke über den Werdersee. Allerdings gibt es dann doch ein paar Sachen, die man besser in der City oder im Viertel erledigt: Shoppen und Ausgehen zum Beispiel. Zwar lockt in der Kornstraße der Soziale Wohnungsbau und Happy Shopping, aber vor allem modisch gibt sich die Neustadt eher bodenständig. Und auch wenn es mit Auszeit, Mono und Furchtbar einige Kneipen gibt, für die das Publikum auch mal die linke Weserseite aufsucht, ist das Quartier eher beschaulich. Aber genau das schätzen viele Neustädter. Und wenn sie es dann mal krachen lassen wollen, sind sie in einer Viertelstunde im Bremer Nachtleben.


Mein Viertel: The Bernie (38, Friseur) & The Jörgi (37, Musiker)
"Die Neustadt ist auf positive Weise multikulturell, man kann hier hervorragend essen gehen, zum Beispiel im Falstaff, im Kuß Rosa oder im Novazena, es gibt viel Kultur, viel Grün und herrlich pittoreske Ecken. Wir sind vor sechs Jahren in die Neustadt gezogen, weil es sich so ergeben hat. Aber jetzt möchten wir hier nicht wieder weg. Zumal mittlerweile fast unser ganzer Freundeskreis hierhergezogen ist. Den ganzen Viertelfreaks sagen wir: Ihr zerfallt nicht zu Staub, wenn ihr mal die Weser überquert!"

Neustadt: Die Bewertung im Überblick



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Für junge Familien ist das Viertel neben dem "Viertel" eine grüne und ruhige Alternative.



Ruhig? Okay, es sei denn, es ist Samstagnachmittag, 14 Uhr. Dann regiert das Fußballfieber. In den Eckkneipen stapeln sich die Fans vor den Leinwänden und bei Heimspielen im Weserstadion wehen die Gesänge über das Quartier. Ist der Rummel vorbei und die Verwüstung auf den Gehwegen beseitigt, wird Peterswerder wieder zu dem, was es sonst ist: eine heile Welt. Nur einen Katzensprung vom Steintor liegt Peterswerder zwischen Weserufer und Hulsberg. Hier werden trotz der zentralen Lage nachts die Bürgersteige hochgeklappt. Das Straßenbild prägen gepflegte Altbremer Häuser, spielende Kinder und viel Grün. Seit den Siebzigern wohnen hier konstant um die 10 000 Menschen. Die Peterswerder- Bewohner haben einen ähnlichen Werdegang wie im Ostertor: Früher Rebellen - heute etabliert im Eigenheim. Auch hier ist Baumfällung ein Reizthema und Hundebesitzer werden von Passanten zur Säuberung aufgefordert. Doch es gibt auch Unterschiede zum anliegenden "Viertel": Beschaffungskriminalität fällt hier kaum ins Gewicht und Nightlife ist praktisch nicht vorhanden.

Dafür glänzt Peterswerder mit dem Stadionbad: 2008 kamen knapp 70 000 Besucher, um Naturbecken und Turborutsche zu nutzen - trotz Schlechtwetterperiode. Mit Grünflächen kann der Ortsteil außerdem wuchern: Die Pauliner Marsch bietet ein großflächiges Naherholungsgebiet mit Sportanlagen und Spazierwegen, das vor einigen Jahren von wehrhaften Bürgern erfolgreich gegen ein Drive-In verteidigt wurde. Herzstück ist der Brommyplatz. Die kürzlich sanierte Grünanlage wird von Boulespielern und Kindern frequentiert. Die Mieten im Peterswerder sind ähnlich hoch wie in schicken Abschnitten des Steintors, der große Unterschied ist aber, dass hier seltener was frei wird - wer hier mal wohnt, zieht nicht so schnell wieder weg. Und vielleicht geht die Entwicklung in die hippe Richtung: Immerhin gibt es schon zwei Tätowierstudios (Hellfish und Tiki-Lounge), ein vegetarisches Restaurant (Vegefarm) und einen Trödler (Vitrine).


Mein Viertel: Kathrin Thurn, 26, Grafikerin
"Ich lebe mit meiner kleinen Tochter und einer Freundin in einer richtigen Mädels-WG, und wir finden es hier wunderschön. Für mich ist Peterswerder mit dem Stadion das Herz von Bremen. Man ist überall ganz schnell, es ist wunderbar ruhig - außer, wenn Werder spielt, doch dann genieße ich auch den Trubel. Ausgehmöglichkeiten sind hier rar gesät, dafür wird mehr auf spielende Kinder geachtet. Ich habe das Gefühl, dass nach und nach immer mehr junge Leute hierher ziehen. Das kann dem Peterswerder nicht schaden, denn es ist schon sehr etabliert hier. Doch trotzdem: Ich bin schon oft umgezogen und zum ersten Mal in meinem Leben denke ich: Hier ziehe ich nie wieder weg."

Peterswerder: Die Bewertung im Überblick



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Hafenromantik, Kunstateliers und kulturelle Vielfalt prägen das "Arbeiterviertel" im Westen.



Was viele nicht wissen: Der Stadtteil entlang des Hafengebiets bietet urbane Romantik, kulturelle Vielfalt und einen Klacks künstlerische Kreativität - eine zauberhafte Mischung, die andernorts schwer zu finden ist. Und doch hat Gröpelingen keinen leichten Stand in Bremen. Viele verbinden Armut, Kriminalität und Verfall mit dem bodenständigen Quartier. Wer hip ist, zieht ins Ostertor, wer Kohle hat nach Schwachhausen, zugezogene Studenten kennen es nicht und andere rümpfen die Nase. Dabei steht Gröpelingen für lebendige Stadtgeschichte, wehrhafte Bewohner und eine lange Arbeitertradition. Früher war Gröpelingen eine dörfliche Gegend mit Bauernhöfen und vereinzelten Sommerresidenzen reicher Kaufleute. Dann kam die Industrialisierung und aus dem Dorf wurde ein Arbeitervorort mit einfachen, kleinen Häusern, wie sie nur hier zu finden sind. In den Sechzigern zogen Gastarbeiter in die Nähe ihrer Arbeitsstätte und machten den Stadtteil bunter. Das Elend begann mit der Schließung der AG Weser im Jahr 1983: Mit der Arbeitslosigkeit der Gröpelinger wurde der Stadtteil zum sozialen Brennpunkt. Erst seit Beginn der neunzige Jahre, als das Gebiet zur Sanierungszone erklärt wurde, passiert viel in Sachen Architektur, Kultur, Wirtschaft und Soziales.

Der Gröpelinger Verein "Kultur vor Ort" veranstaltet ein lokalpatriotisches Programm wie zum Beispiel das Erzählfestival "Feuerspuren", bei dem im Gänsestall oder Copyshop Geschichten aus aller Welt vorgetragen werden. Zwei "Freizis", ein Kletterbunker und ein Streichelzoo bieten ein sattes Freizeitprogramm, die sanierte Stadtbibliothek West wurde zum Treffpunkt. Stadtweit bekannt ist Gröpelingen auch für seine Atelierhäuser: Viele Künstler zog es in alte Fabrikgebäude, wo sie für kleines Geld viel Raum zum Wohnen und Arbeiten fanden. Auch große Events haben sich in Gröpelingen etabliert. Das Pier 2 sorgt seit Jahren für Partys und Konzerte. Und wem das alles nicht reicht, der setze sich einmal auf die Mole mit den Pappeln vor der Waterfront und genieße die Aussicht auf den Holzhafen. Spätestens dann wird klar: Bremen ist eine Hafenstadt.


Mein Viertel: Christina Vogelsang, 36, Künstlerische Projektleiterin
"Ich bin hier geboren, aufgewachsen und nach einigen Jahren in Berlin und New York wieder hierhin zurückgekehrt. Wegen der günstigen Mieten und dem angenehmen Miteinander. Das angeblich negative Image kann ich so nicht erkennen, für mich gibt es hier auch magische Orte, die den gewohnten Blickwinkel verändern. Erst kürzlich habe ich den Breitenbachhof mit seinen skurrilen Häuschen entdeckt. Ich gehe oft auf die Mole und halte die Nase in den Wind oder sitze mit meiner Freundin am Fenster ihrer Atelierwohnung und genieße den Blick auf das Hafenbecken. Gröpelingen ist überhaupt nicht hip, dafür aber total gemütlich."

Gröpelingen: Die Bewertung im Überblick