Damit war der 190 SL vom ersten Tag an der kleine Bruder des großen 300 SL und ist es bis heute geblieben. Die Preise für 300 SL, egal ob Roadster oder Flügeltürer sind seit ihrem Erscheinen in Preisregionen angelangt, die nur wenigen Sterblichen erreichbar sind. Der 190 SL hingegen ist je nach Zustand ein Auto, das auch für Durchschnittsverdiener finanzierbar ist. Grund genug, dem 190 SL einmal unters Blech zu schauen und zu erforschen, wo die Stärken und Schwächen des schönen Roadsters liegen.

Zur Historie des Mercedes 190 SL

Was haben ein Porsche 356 Speedster, der BMW 507 und die Mercedes 300 SL Flügeltürer und Roadster mit dem 190 SL gemeinsam? Alle diese Premium-Klassiker entstanden auf Anregung des amerikanischen Auto-Importeurs Max Hoffman. Der führende Auto-Importeur in den USA holte neben VW, Porsche, BMW und Mercedes auch die Automobile von Jaguar und Austin Healey in das, zumindest damals noch, reiche Land USA. Aber auch Exoten war Max Hoffman durchaus zugetan und verkaufte in den Staaten einen beträchtlichen Teil der französischen Facel Vega Gesamtproduktion.

Geburtsstunde zweier Autoträume: New York, 6. Februar 1954

Das Tempo, in dem der Mercedes 190 SL (Baureihe W 121) entwickelt und auf die Räder gestellt wurde, war ein Paradebeispiel für die Leistungsfähigkeit von Daimler-Benz:  Im September 1953 fällte der Vorstand die Entscheidung zur Produktion und ganze 5 Monate(!) später, am 6. Februar 1954 stand ein Prototyp des 190 SL auf der New Yorker
Motorshow neben dem neuen 300 SL Flügeltürer.  Bis zum Anlauf der Serienproduktion dauerte es freilich noch etwas:
Die ersten Kundenfahrzeuge wurden im Mai 1955 ausgeliefert, die letzten verließen im Februar 1963 die Sindelfinger Werkshallen. Nach Angaben des Werks wurden insgesamt 25.881 Wagen produziert, 10.368 davon gingen in die USA.

Der New Yorker Ur-SL noch mit Lufthutze, anderer Motorhaube und betonten Heckkotflügeln


Über die gesamte Produktionszeit gab es nur eine Motorisierung, die mit einer unveränderten Leistung von 105 PS vom ersten bis zum letzten Produktionstag beibehalten wurde. Während der Produktion experimentierte die Mercedes Versuchsabteilung mit einer Benzin-Einspritzung und einem 3 Liter Motor. Mit einer Dieselversion des 190 SL wurden sogar Rekorde aufgestellt. Doch für die Kunden blieb es bei dem Vierzylinderreihenmotor mit 1897 cm³ und 105 PS.
Erhältlich war der 190 SL als Roadster mit Faltverdeck und optionalem Hardtop oder als Coupe, das ein abnehmbares Hardtop hatte, aber kein Faltverdeck hatte. Die gelegentlich auftauchenden Mercedes 190 SL Rennversionen, die gerne als 190 SLS bezeichnet werden, obwohl diese Bezeichnung in keiner 190 SL Werksunterlage auftaucht, sind fast immer nachträgliche Umbauten. Nur 17 Kunden sollen die auf Sonderwunsch erhältlichen,  leichteren, fensterlosen und tiefer ausgeschnittenen „Sportwagentüren“ und die kleine „Sport-Windschutzscheibe“ geordert haben. Eine Option, die bereits 1956 wieder aus der Liste der 17 Sonderausstattungen gestrichen wurde. Dies lag in erster Linie daran, dass der 190 SL in der GT-Klasse antreten musste. Mercedes Rennleiter Alfred Neubauer sah hier wortwörtlich „keinerlei Chance“ für den kleinen SL. Die wenigen Kunden, die es dennoch versuchten, scheiterten meist an der Konkurrenz von Porsche.Mercedes 190 SL in originaler Sportausführung, man beachte die Rechtslenkung Dieser Fahrer gewann mit diesem Wagen 1956 den Macao Grand Prix. Nicht die Motorleistung verhalf zum Sieg sondern Regen und die Straßenlage des 190 SL.

Das ist ein Mercedes 190 SL heute

Wenn man den 300 SL Roadster einmal außer Acht lässt, stellt der Mercedes 190 SL den wohl schönsten Nachkriegs-Roadster der Daimler-Benz, bzw. Daimler-Chrysler, bzw. Daimler-Produktion dar. Entsprechend begehrt ist der betörend schöne „Tourensportwagen“ (O-Ton Verkaufsprospekt). Perfekte Proportionen, göttliche Kurven, eine vernünftige Sitzposition und Chrom soweit das Auge reicht. Selbst Ehefrauen lassen sich noch relativ leicht von seiner Notwendigkeit überzeugen. Schließlich ist der Kofferraum durchaus wochenendtauglich und mit dem möglichen dritten Sitz (hinten quer) ist er sogar bedingt familientauglich. Die Ersatzteilversorgung ist fast genauso gut, wie die
Wertbeständigkeit. Was also kann uns vom Kauf abhalten?

Das Manko der Leistung

Die im Prospekt genannte Leistung von 105 PS klingt ja nicht mal schlecht. Allerdings hatte Daimler-Benz schon zu Produktionszeiten immer wieder Beschwerden und Reklamationen von Kunden, deren 190 SL die angegebene Höchstgeschwindigkeit von „ca. 175 km/h“ nicht erreichten. Im ersten Prospekt hatte man sogar 190 km/h versprochen. Konstruktionsabteilung und Versuch hatten ihre liebe Mühe mit der Leistung des neu  entwickelten  Motors (M 121). Die Leistung dümpelte 1954 bei nur knapp über 90 PS. Obwohl später die versprochenen 105 PS
vorhanden waren, ist der 190 SL leider nicht so schnell, wie er aussieht. Zudem wird der Motor oberhalb von 4.000 U/min ausgesprochen brummig und verbreitet starke Vibrationen. Selbst eingefleischte 190 SL Fans geben nach dem zweiten Bier zu, dass „es halt ein Traktor ist, aber ein verdammt schöner!“ Wer den 190 SL überwiegend als Cruiser einsetzt und damit unter 4.000 U/min bleibt, kann richtig glücklich werden. Alle Leistungshungrigen sollten andere Klassiker ins Auge fassen.

Wie wählt man einen 190 SL aus?

Das Angebot ist groß. Der Marktplatz in Carsablanca listete am 23. Juni 2009 auf das Stichwort 190 SL satte 171 Angebote zwischen € 16.500,-- bis über € 100.000,-- auf. Zunächst sollte man sich über sein Budget und die eigene Erwartung im Klaren sein. Wer mit schlappen € 30.000,-- einen echten Zweier Zustand sucht, der wird nicht fündig werden, denn solche „Schnäppchen“ gibt es nicht. 
Es gibt aber sehr viele Autos, die zwischen Note drei und vier liegen, aber als Note zwei angeboten werden. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass professionelle Händler nie eine Zustandsnote angeben? Das liegt daran, dass man sie darauf festnageln könnte, denn eine genannte Zustandsnote ist eine juzistiable  Eigenschaft und für den Verkäufer damit ein möglicher Klagegrund. Blumige Formulierungen wie „sehr gepflegt“, „aufwändig restauriert“ oder „Superzustand“ sind hingegen dehnbar wie ein totes Gummibärchen. Privatanbieter kennen oft selbst den wahren
Zustand ihres Autos nicht, weil die Sachkenntnis fehlt. Deshalb muss man immer genau und gründlich hinschauen. Am besten geht man dabei mit System vor und nimmt sich ausreichend Zeit für die einzelnen Baugruppen. Wenn Sie an einem Werktag oder Samstags vor 12 Uhr besichtigen können tun Sie dies. Klären Sie vorher ab, wo das nächstgelegene Mercedes-Autohaus ist. Dieses können Sie dann bei der Probefahrt ansteuern und nett fragen, ob Sie den 190 SL auf der Hebebühne von unten anschauen können. Abweisen wird man Sie bestimmt nicht. Nehmen Sie auch einen Bierdeckel mit. Was es mit dem auf sich hat, sage ich Ihnen später.Titelblatt des Prospekts von 1955

Der erste Eindruck

Besichtigen Sie nach Möglichkeit im Freien und bei sonnigem Tageslicht. Lassen Sie den SL auf sich wirken. Wenn Sie zum Besichtigungstermin kommen und der Besitzer den SL startet, achten Sie darauf wie willig er anspringt, bläut er stark aus dem Auspuff? Wenn der Wagen aus der Garage heraus gefahren ist, werfen Sie mal einen Blick auf den Boden wo er stand. Sehen Sie dort nur ein oder zwei Tropfen am Boden oder gleich ein halbes Dutzend? Sind die Chromstoßstangen dran? Wenn nicht wird es teuer. Die vordere Stoßstange z.B. besteht aus insgesamt 10 Teilen plus Keder, Schrauben und Halterungen. Unter € 4.000,-- kommen Sie da nicht weg. Wenn jetzt noch der Kühlergrill mit Stern und die hintere Stoßstange fehlen- Au Weia!

Die Karosserie

Die Karosserie ist wie bei allen Oldies der Punkt, der die höchste Aufmerksamkeit verdient. Schauen Sie sich den SL ausgiebig von allen Seiten an. Prüfen Sie zuerst den Lack: Charakteristische, ungleichmäßige Blasen und Hubbel  unter dem Lack? Die findet man besonders am unteren Rand der Karosserie und an den Radlaufenden, an denen das
Spritzwasser hängen bleibt. Blasen kündigen eine kommende oder bereits bestehende Durchrostung an. Besonders unter den verchromten Steinschlagblenden nistet gerne der Rost. Lassen Sie Ihre Augen an den Spaltmassen von Türen und Motorhaube entlang wandern. Die originale Verarbeitung war legendär und die Spaltmasse der Stolz der
Karosseriewerker. Türen und Hauben haben entsprechend perfekt und bündig geschlossen.  Verkäufer betonen gerne, dass schlechtes Schließen an neuen Türgummis liegt oder Einstellungssache sei. Wenn das Auto aber krumm geschweißt wurde, lässt sich da nicht mehr viel einstellen. Deshalb sind gute Spaltmaße wichtig. Als Faustregel gilt:
Wenn sich der Bierdeckel (den Sie hoffentlich mitgenommen haben) durch alle Spalten von Türen und Hauben ziehen lässt, ohne eingeklemmt zu werden, dann ist das Auto nicht krumm. Vergessen Sie nicht den Blick unter die Tür. Die Außenhaut der Türen ist aus Aluminium, der Türrahmen mit Boden aus Stahlblech. Der Türboden ist ein kritischer Bereich. Kurbeln Sie bei der Gelegenheit die Fenster gleich mal ganz rauf und ganz herunter. Abschließend ein prüfender Blick auf die Fensterschachtabdichtung und die Tür-Inspektion ist so gut wie um.  Perfektionisten prüfen noch ob sich die Türen auch auf- und zuschließen lassen und zu jedem Schloß am Auto auch ein Schlüssel da ist, Handschuhfach und Tankdeckel nicht vergessen.. Prüfen Sie bei geöffneter Türe die Schweller und vor allem den Übergang von der A-Säule zum Schweller und vom Schweller zu B-Säule. Wenn Sie in der Rundung Poren im Lack finden, ist hier fast immer gespachtelt worden. Ein Qualitätsindiz ist das Einstiegsblech unter der Türe. Es war zwischen zwei hellen Kunststoff-Kedern eingesetzt. Sind die vorhanden, hatte der Restaurator Ahnung. Wenn das Einstiegsblech aber mit dem vorderen und hinteren Kotflügel nahtlos bündig ist und nicht einmal zwei Sicken erkennbar sind, dann ist es kein gutes Auto.Indikator für Qualität oder Murks: Keder, Fugen oder zugespachtelt?

Kofferdeckel und Motorhaube waren aus Aluminium gefertigt und bereiten entsprechend selten Probleme. Die Motorhaubeninnenseite und der Motorraum waren ab Werk immer in tiefdunkelgrau (Farbcode DB 164 bzw. DB 7164) lackiert. Optisch ist das ein seidenmattes schwarz. Mattschwarz, Glanzschwarz oder die Karosseriefarbe in diesem Bereich sind also nicht korrekt. Besonders bei insgesamt nur mäßig wirkenden Exemplaren sollte man die Batterie herausnehmen und den Batteriekasten inspizieren. Durch die Säuregase der Batterie und eingedrungenes Wasser ist dieser Bereich besonders gefährdet.

Batteriekasten oder das was davon übrig ist bei einem 190 SL

An der Schottwand gegenüber der Batterie sollte sich möglichst ein Bremskraftverstärker befinden. Bis Mai 1956 war der eine Sonderausstattung und wurde zwar häufig, aber eben nicht immer geordert und hilft den rundum Trommelgebremsten 190 SL mit immerhin 1.400 kg zulässigem Gesamtgewicht besser zu entschleunigen. Ab Mai 1956 war immer ein Bremskraftverstärker drin. Die Mulde darunter ist ein klassischer Schwachpunkt. Auch der Kofferraum war immer in seidenmattem tiefdunkelgrau lackiert. Räumen Sie den Kofferraum aus und schauen Sie sich die Bereiche an, deren Rückseite Regenwasser und ausgesetzt sind bzw. waren. Vor allem die beiden Reserveradmulden. Davon gibt es zwei, weil Mercedes die Tropenausführungen immer mit zwei Reserverädern auslieferte. Bei allen anderen wurde die in Fahrtrichtung linke Reserveradmulde als Ablagefach genutzt und mit einem einfachen, mattschwarzen Holzdeckel versehen. Nehmen Sie also auch das Reserverad heraus und schauen Sie gleich mal ob das mitrestauriert ist und ob der Wagenheber vorhanden ist. Klopfen Sie den Kofferraum mit einem metallischen Werkzeug ab. Zeigen Sie bei der Wahl des Werkzeugs Gefühl und denken Sie an die Nerven des Verkäufers. Die meisten 190 SL Eigner neigen zu Nervosität, wenn sich ein Fremder mit einem Einkilohammer zielgerichtet auf ihr Auto zu bewegt. Notfalls tut es auch ein Schlüssel, denn es geht nicht darum Löcher ins Blech zu dreschen, sondern mit dem Gehör zu arbeiten: Ein heller Klang ist ein befriedigendes Geräusch, ein dumpfer Ton dagegen ein Indiz für angemorschte Stellen. Schauen Sie nach eingeschweißten Blechen. Bei einer guten Restaurierung werden  kranke Bleche in Originalform- und Format großflächig ersetzt. Eingebrutzelte Flicken sind immer ein Indiz für
ein schlechtes Auto.  

Fachgerecht restaurierte Bodengruppe eines 190 SL

Wenn Sie den 190 SL auf der Hebebühne des netten Mercedes-Servicemeisters haben, gehen Sie von vorn nach hinten. Die Vorderradaufhängung verfügt über 14 Schmiernippel, die alle 3.000 km abgepresst werden wollen. Die dürfen also nicht staubtrocken sein, sonst sind ausgeschlagene Gelenke die Folge. Kontrollieren Sie die Gummilager der Vorderachse auf Risse und poröse, brüchige Stellen. Beim Motor sollte es sich nicht um ein Auslaufmodell handeln, doch leichte Ölschwitze ist kein Grund zur Besorgnis. Auf der Hebebühne kann man auch gut nachsehen, ob das Abstützrohr zwischen den Vergasern und dem Motorblock vorhanden ist. Fehlt dieses, senkt sich der Ansaugkrümmer durch das Gewicht der schweren Vergaser- und Saugrohranlage mit der Zeit nach unten ab und zieht oben Falschluft. Ist dies der Fall, kann man die Vergaser einstellen wie man will- der Motor läuft nie sauber. Ein prüfender Blick auf Ölverlust des Getriebes, der Hinterachse sowie der gummierten Hardyscheiben, die an den beiden Enden der
Kardanwelle sitzen und wir können uns dem Blech widmen. Die Bodengruppe des 190 SL stammt von der  Mercedes 180 Limousine ab, wurde um 25 cm gekürzt und mit aufgeschweißten Kastenholmen verstärkt. Auch hier gilt abklopfen, auf hässliche Schweißstellen und den Zustand der Wagenheberaufnahmen achten. Die Auspuffanlage ist an den unteren Rundungen der Töpfe auf Löcher kontrollieren. Vergessen Sie nicht, dem netten Servicemeister einen 5 Euroschein in die Hand zu drücken. Möglicherweise hat er Ihnen gerade einen teuren Fehlkauf erspart.

Das bewährte Fahrgestell des 190 SL: Verkürzte 180er Limousine mit aufgeschweißten Versteifungsholmen. Der Radstand entspricht dem des 300 SL!


Das Interieur

Der Mercedes 190 SL war serienmäßig mit MB-Tex, einem hochwertigen und pflegeleichten Kunstleder gepolstert. Leder gab es nur gegen einen satten Aufpreis von DM 780,--. Heute erwartet jeder 190 SL Interessent ganz automatisch Lederpolsterung. Aber besonders US-Importe haben des Öfteren eine neue Kunstlederpolsterung. Wer sich nicht sicher ist, was er vor sich hat, der kann unten am Sitz den Bezug umstülpen. Kunstleder hat als Trägermaterial und Reißschutz ein Textilgewebe, während die  Rückseite von echtem Leder eine leicht raue, wildlederartige Struktur aufweist. Die Teppiche waren anfangs nur Gummimatten, später gab es Haargarnbouclé, eine Schlingenware. Ein hochfloriger Velours ist also fehl am Platz.

Mein Insidertip:
Bei angeblich voll restaurierten Autos immer alle Heizungszüge und Lüftungshebel betätigen. Sind die schwergängig oder federn auf halbem Wege zurück, wurde zumindest schon mal die Heizungs- und Lüftungsanlage bei der Restaurierung vernachlässigt. Die Instrumente sollten metrisch sein. Ein Meilentacho mag für die Meisten noch angehen, aber spätestens bei der Kühlwassertemperaturanzeige führen 170 Grad Fahrenheit zum Grübeln. Die Uhr im Handschuhfachdeckel (ab März 1958) ist mechanisch und wird über den Rändelring auf der Innenseite des Deckels aufgezogen. Wenn Sie nicht funktioniert kostet die Überholung zwischen € 100,-- und € 400,-- je nach Adresse.

So war es original: Mercedes 190 SL von Innen. Profis erkennen an den gepolsterten Sonnenblenden eine Produktion ab März 1958.

Nehmen Sie die Teppiche heraus und entfernen Sie die Holzböden darunter. Dann haben Sie Einblick in die Bodengruppe. Hier dürfen Sie noch einmal ausgiebig abklopfen. Last but not least steht das öffnen und schließen des Verdecks an. Das sollte relativ leichtgängig geschehen und sich stramm, aber gut schließen lassen. Wichtig: Die Passung der geschlossenen Seitenscheiben an das Verdeck. Liegen die Seitenscheiben nicht sauber an, entstehen Windgeräusche und während der Fahrt kann Regenwasser eindringen.

Beifahrerfußraum eines 190 SL: Deswegen sollte man die Teppiche und Holzböden herausnehmen

Von Anfang an gab es die Sonderausstattung Hardtop. Diese Dinger braucht man in der Praxis nie. Machen Sie es drauf, haben Sie keinen Roadster mehr und fahren, wie schon die ganze Arbeitswoche über, im geschlossenen Auto. Im Winter, wenn es Zeit für ein Hardtop ist, sollte Ihr SL längst seinen Winterschlaf angetreten haben und hat auf der Straße nichts mehr zu suchen.  Das Hardtop ist nur zu einer Sache nütze: Zur Preisverhandlung- was kostet er ohne Hardtop?   


Motor/Getriebe/Mechanik

Die Mechanik des 190 SL ist generell robust und unkompliziert. Am Motor bereiten nur die Solex 44 P HH Flachstrom-Registervergaser Ärger, wenn die Drosselklappenwellen ausgeschlagen sind. Die Überholung ist teuer und erfolgt meist im kompletten Vergaser-Austausch für etwa € 2.500,--. Viele 190 SL wurden daher auf Weber-Vergaser umgerüstet, was aber nicht original und streng genommen auch nicht zulässig ist. Allerdings hatte Daimler-Benz 1954 selbst zwei Weber 45 DCOE Vergaser im Testbetrieb und kam damit auf eine Leistung von 111 PS. Wegen freundschaftlicher Beziehungen entschied man sich jedoch für  Solex Vergaser.  Wer von Weber auf Solex zurückrüsten will, muss tief in die Tasche greifen und Geduld mitbringen. Neue Vergaser sind nicht mehr zu bekommen und Gebrauchte extrem selten.

Falsche Vergaser: Zwei Weber-Vergaser statt zweier Solex 44 P HH

Wenn es an der Leistung hapert, kann es aber noch eine ganz andere Ursache geben: Im Laufe seines fünfzigjährigen Lebens wurde mancher SL vom Gebrauchtwagen zum Verbrauchtwagen und dann mal eben mit einem 80 PS Motor aus der 190 Ponton-Limousine wieder flott gemacht. Erkennen kann man den Unterschied anhand des  Motorcodes.
Ein SL Motor trägt die M 121.921 und ab August 1961 die M 121.928. Zu finden auf einem Metallschildchen das in Fahrtrichtung links am Motorblock angenietet ist.
Bei verschlissenen Getrieben springt gerne der vierte Gang heraus. Die nicht optimale Synchronisation des ersten und zweiten Ganges ist hingegen normal und erfordert zuweilen eine etwas nachdrückliche Gangwahl. Aber wir sprechen hier auch über ein Auto dessen Konstruktion über 50 Jahre zurück liegt.Motorraum des 190 SL. Bei diesem Ausstellungsfahrzeug ist der Ventildeckel lackiert und das Ansaugrohr poliert.


Teileversorgung, Verfügbarkeit von Informationen

Generell hat der 190 SL eine gute Ersatzteilversorgung. Aber es kann durchaus sein, dass man mehrere Adressen ansprechen muss, bevor man alles Benötigte beieinander hat. Restauratoren bescheinigen den Originalteilen, die über jeden Mercedes Händler bestellt werden können, die Daimler-Benz eigene Qualität, aber auch deren Preis. Eine ganze
Reihe von langjährig etablierten Ersatzteilhändlern versorgt ebenfalls die Mercedes-Fangemeinde. Auch an Literatur rund um den 190 SL herrschte kein Mangel. Ersatzteilkataloge, Reparaturhand-bücher, Literatur zum und über den SL sind in Hülle und Fülle verfügbar. Das Mercedes-Classic-Center bietet z.B. hochwertige Prospekt-Nachdrucke für € 10,-- bis 15,-- und umfangreiche Werkstattliteratur sowie Nachdrucke der Bedienungsanleitungen an. Aber auch originale
Verkaufsprospekte sind auf Oldtimermärkten noch regelmäßig zu finden.
 
Fazit

Der Mercedes 190 SL ist so schön und technisch so robust, dass er auch als fünfzig Jahre alter Gebrauchtwagen noch höchst begehrenswert ist. Das wissen leider auch die Verkäufer und Teilehändler. Dementsprechend hoch ist das Preisniveau. Wer das nicht scheut und wem Schönheit wichtiger als überbordendes Temperament ist, der erwirbt mit einem sorgfältig ausgewählten SL einen Gebrauchsklassiker mit Stil und Wertstabilität.

Tips & Adressen

Eine 190 SL Restaurierung in Bildern

Sachverständige Kaufberatung und Begleitung

Der Marktplatz für Mercedes 190 SL Angebote

Ein gutes Buch:
Günter Engelen Mercedes-Benz 190 SL – 280 SL, Motorbuch Verlag, ISBN 3-613-01367-3

Die Erstellung dieser Kaufberatung wurde durch die freundliche Erlaubnis zur Verwendung von urheberechtlich geschützten Fotos unterstützt. Der Autor dankt Herrn Dr. Hans Sproß, Daimler AG, Frau Silvie Kiefer, Daimler AG und dem Mercedes 190 SL Besitzer Herrn Harald Knöppel (Restaurierungsfotos).