Bis zu ihrem 30. Lebensjahr ist Krankheit für Dahlia Finger ein Fremdwort - ihre ärgsten Leiden bislang waren Schlaflosigkeit, eine Blasenentzündung und eingewachsene Haare. Sie liegt gerne stundenlang zu Hause auf dem Sofa, raucht Gras, schaut Videos und macht sich so wenig Gedanken wie möglich. Eines Abends schiebt sie eine Pizza in den Ofen und fällt in Ohnmacht. Als sie sechs Tage später im Krankenhaus erwacht, erfährt sie die fatale Diagnose: In Dahlias linkem Schläfenlappen wächst und gedeiht ein inoperabler Hirntumor. Die Ärzte geben ihr noch neun Monate.

"Krebsbehandlung ist wie Hochzeitsvorbereitung oder Kindererziehung: Keiner sonst schert sich einen Deut um die Einzelheiten oder will die Einzelheiten erfahren", schreibt Elisa Albert - und liefert selbst den besten Gegenbeweis. Ihre respektlose Chronik eines angekündigten Todes liest sich wie ein Krimi, die Autorin unterläuft jede Leseerwartung und ignoriert alle Tabus. So unterzieht sich ihre Romanheldin Dahlia zwar der herkömmlichen Bestrahlungs- und Chemotherapie und probiert auch den "ganzen Eso-Kram": Akupunktur, Shiatsu-Massage, makrobiotische Ernährung, Darmspülung. Doch statt ihre Kräfte für den Kampf gegen den Krebs zu sammeln, holt sie zu einem furiosen Rundumschlag aus: gegen ihre Familie, unter der sie ihr Leben lang litt.

Die Inspiration für ihren Kreuzzug holt sich Dahlia aus der "Krebs-to-do-Liste", einem Ratgeber, den ihr ihre Eltern aufdrängen. "Das machen die Juden so, wenn die Kacke am Dampfen ist: Sie suchen sich Bücher." Die aufmunternden Kapitel heißen "Lebe jetzt", "Heile dich selbst" oder "Sei dankbar", und um zu verstehen, was in ihrem Leben schief gelaufen ist, hangelt sich Dahlia von einem zum nächsten.

Elisa Albert vollbringt das Kunststück, in einem ganz eigenen Ton ein erschreckend lustiges Buch über Krebs zu schreiben. Die allerletzte Antwort bleibt sie uns dennoch schuldig: "Ich glaube, dass es nicht immer eine Erklärung für den Tod gibt", sagt die 31-jährige Amerikanerin. "Manchmal hört das Leben einfach auf."

Tina Rausch