Die 1958 als Nachfolger des „hessischen Ponton“ präsentierte Version des Opel Kapitän entsprach dem Geschmack der damaligen Zeit: Eine repräsentative Limousine mit Panoramascheiben vorn und hinten sowie den damals unverzichtbaren Heckflossen. Doch der Kapitän „P“, so die interne Bezeichnung, stieß bei Testern und Publikum bald auf Kritik. Vor allem die geringe Kopffreiheit im Fond und die engen hinteren Türen missfielen und sorgten schon nach einem Jahr für das „Aus“ jener Baureihe, die aufgrund ihrer unverwechselbaren Heckleuchten als „Schlüsselloch-Kapitän“ in die Automobilgeschichte eingehen sollte.
Der 1959 vorgestellte Kapitän PL-V brachte es immerhin auf eine Bauzeit von vier Jahren und mehr als 145.000 Exemplare. Eines davon gehört seit Herbst 1982 dem Kfz-Mechanikermeister Günter Marotzki. Er entdeckte den savannegelben Viertürer mit dem schwarzen Dach seinerzeit an einer Tankstelle, wo er zum Verkauf stand. „Das Auto hatte zwei Vorbesitzer und war – laut Tacho – in den vergangenen 22 Jahren noch keine 80.000 Kilometer gefahren. Ich hatte schon seit langem mit einem solchen Wagen geliebäugelt. Nachdem auch meine Frau ihr Einverständnis erklärt hatte, habe ich ihn gekauft,“ erinnert sich der 58jährige.
Dass ihn der Wagen nun seit mehr als einem Vierteljahrhundert begleitet, wundert Marotzki immer noch. „Anfangs sah es nicht danach aus: Bereits auf der ersten Fahrt zeigte sich, dass der Kühler kaputt war. Prompt bin ich wieder zu der Tankstelle zurück gefahren und habe daraufhin einen Preisnachlass bekommen. Die Rechung für die notwendige Kühlerüberholung in einem Spezialbetrieb war dann aber doch um einiges höher“, erinnert sich der Mann mit dem Vollbart. Auch die Kupplung des Dreiganggetriebes erwies sich als völlig verschlissen und bedurfte der Erneuerung.

Die nächste unangenehme Überraschung erwartete den Kfz-Meister, der sein Handwerk in einem Opel-Autohaus gelernt hatte, als er seine Neuerwerbung erstmals auf einer Hebebühne von unten ansah: „Der Rahmen des Kapitän war mit Blechen geflickt, die von der Qualität her eher für Coladosen, maximal aber für Golf 1 Türhäute getaugt hätten. Dem TÜV mag das damals gereicht haben, mir aber nicht!“ Denn zu diesem Zeitpunkt hatte Marotzki sich gerade entschlossen, sich mit einer eigenen Werkstatt selbständig zu machen, und der Kapitän sollte sein Aushängeschild sein: Bis heute führt er dessen Silhouette im Firmenlogo.
Also machte sich der Fachmann an die Arbeit und erneuerte die geschwächten Rahmenpartien. Dazu verwendete er Teile von Stoßstangen alter „Barock“-Japaner, die sich im Lager seines frisch übernommenen Werkstattbetriebes fanden. „Und wenn irgendwann der ganze Wagen auseinander fallen sollte – dieser Rahmen steht!“ war damals das Resümee seiner Arbeit.

Davon, auseinander zu fallen, ist der inzwischen 46 Jahre alte Opel allerdings – trotz einer gewissen Patina – weit entfernt. Nach dem Günter Marotzki sich seinerzeit entschieden hatte, den Kapitän einmal gründlich in Kur zu nehmen, ersetzte er auch angegammelte Blechteile wie die beiden vorderen Türen und die Schweller unterhalb der Einstiege. Eine Neulackierung in der originalen Farbkombination hellgelb und schwarz bildete den Abschluss der Renovierung, die mit einer gründlichen Konservierung des Kapitäns einherging. Aber die Investition von Zeit und Geld hat sich rentiert: „Seitdem waren eigentlich nur Erhaltungsarbeiten und Wartung notwendig“, zeigt sich Marotzki zufrieden. Dazu gehört auch ein regelmäßiger Ölwechsel, der für den Sechszylindermotor mit 2,6 Litern Hubraum noch alle 3.000 Kilometer vorgeschrieben ist.
Die erste Fahrt nach der Wiederinbetriebnahme geriet denn auch zum familiären Ereignis: „Am Karsamstag 1984 habe ich den Kapitän erstmals heraus geholt. Meine Großeltern feierten ihren 60. Hochzeitstag, und ich habe sie anlässlich dieses seltenen Jubiläums chauffiert.“

Seine ersten Jahre verbrachte der üppig dimensionierte Opel in Dortmund als Fahrschulwagen. Als der Inhaber der Fahrschule ihn nach fünf Jahren verkaufen wollte, übernahm ihn eine allein stehende Dame, die vermutlich auf diesem Wagen ihren Führerschein erworben hatte. Von der ursprünglichen Funktion seines Autos erfuhr Günter Marotzki per Zufall von einem Kunden seiner Autowerkstatt: „Ich sah den Opel im Hof stehen und sagte zu dem Meister, auf genau so einem hätte ich Mitte der sechziger Jahre meine ersten Fahrstunden gemacht“, erinnert sich Heinz Berkemeyer. „Damals empfand ich den Kapitän als riesig, ein Kadett als Fahrschulauto wäre mir lieber gewesen.“
Neugierig geworden, warf Günter Marotzki seinerzeit zu Hause einen Blick in den Fahrzeugbrief: Der Erstbesitzer war tatsächlich jener Fahrlehrer gewesen, bei der sein Kunde einst den Führerschein erworben hatte.

Heute kann der Kapitän, der zum Zeitpunkt seiner Auslieferung im Frühjahr 1962 ein echter Konkurrent zum Heckflossen-Mercedes 220 S war, seinen Ruhestand genießen. Seit mindestens 20 Jahren dient er seinem Eigentümer, der langjähriges Mitglied der „Oldtimerfreunde Dortmund“ ist, nur noch als Spaßgefährt. Wobei der Spaß für den nach wie vor selbständigen Kfz-Meister, der sich von jeher der traditionellen Automobiltechnik verpflichtet fühlt, oft zu kurz kommt: „Im letzten Jahr ist der Kapitän keine 1000 Kilometer gefahren – schade eigentlich!“ Denn trotz seines Betriebsgewichts von rund 1300 Kilogramm begnügt sich der 2,6 Liter Reihensechszylinder nach Marotzkis Angaben mit gut 10 Litern Super auf 100 Kilometern. Das gilt im automobilen Oberhaus auch heute noch als alltagstauglicher Wert.
 
Diese Heldengeschichte über den Opel Kapitän PL entstand mit freundlicher Unterstützung des Carsablanca-Mitglieds Günter Marotzki.
 
 
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