Großraumdisco. Was für ein hässliches Wort. Trotzdem wohnt ihm ein gewisser Zauber inne. Irgendwann in dunkler Vergangenheit haben nämlich die meisten von uns schon mal zu Mr. Vain oder Dr. Alban getanzt und Spaß dabei gehabt. Vermutlich mehr als in so manch angesagtem Club in der Stadt. Denn in der Vorstadtdisco darf man leidenschaftlich abspacken, der Alkohol ist spottbillig, und der DJ nervt nicht mit musikalischen Experimenten. Die beiden PRINZ-Reporter setzten für diese Reportage bewusst ihr Image aufs Spiel. Im Schneesturm kämpften sie sich an einem klirrend kalten Samstagabend im Januar durch den Schneesturm von Hamburg in die Schlafstadt Henstedt-Ulzburg ins Joy. Dort recherchierten sie ohne Rücksicht auf Verluste und scheuten weder Cola-Korn noch die Vengaboys, um dem Phänomen Vorstadtdisco auf den Grund zu gehen.

Guns N' Roses - November Rain
"When I look into your eyes, I can see a love restrained"



Schneegestöber im Gewerbegebiet. Irgendwo hier muss das Joy sein. Das Taxi schlittert über die Straße, hält vor einem großen quadratischen Gebäude, das von breitschultrigen Männern mit Bürstenhaarschnitt bewacht wird. Sie werfen einen prüfenden Blick auf unser Schuhwerk und signalisieren dann mit einem Nicken, dass wir eintreten dürfen. Was für ein Auftakt: Der DJ spielt "November Rain" von Guns N' Roses in voller Länge. Im dichten Kunstnebel sind Plastikpalmen und ein paar Jungs zu erkennen, die hektisch Zigaretten paffen. An der Bar kippen die ersten Jägermeister-Shots für einen Euro.

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Snap - Rhythm Is A Dancer
"Rhythm is a dancer, it's a soul's companion, you can feel it everywhere"



Am Anfang des Abends besteht immer die Gefahr, sich ein wenig verloren zu fühlen. Deshalb führt der erste Weg an die Bar. Jedem Gast, der ein Getränk bestellt, reicht die Barfrau einen Würfel. Wer das Hirschmotiv würfelt, bekommt einen Jägermeister gratis. Wer kein Glück hat, muss für den Kräuterschnaps aber auch nur einen Euro bezahlen, denn heute ist Jägermeister-Nacht. "Die Ein- Euro-Partys laufen am besten", sagt Eric, der Inhaber des Joy. Der Club füllt sich nur langsam. Ein Vertreter des Bürstenhaarschnittpersonals lehnt lässig an der Theke und beobachtet aufmerksam das überschaubare Treiben. Einen Gast hält er mit einem kurzen Fingerschnippen auf und bellt: "Kette rein!" Demütig lässt der Zurechtgewiesene den goldenen Halsschmuck unter seinem Ed-Hardy-T-Shirt verschwinden.

Dr. Alban - It's My Life
"It's my life - my worries"



In Brasilien gibt es Clubs, in denen Männer und Frauen zunächst durch eine Wand getrennt sind und erst nach Mitternacht aufeinander losgelassen werden. Im Joy gibt es diese Wand auch, nur ist sie unsichtbar. Während sich die Jungs schon geschlossen in der Black Lounge versammelt haben, fehlt von den Mädchen noch jede Spur. Sie sind entweder noch zu Hause, um ihr Partydress abzustimmen, oder sie schminken sich in der Videobox in der Main Area. Die Jungs tanzen sich derweil in Kleingruppen warm und achten dabei auf maximale Souveränität. Zu Beats von Timbaland imitieren sie Gesten aus Jay-Zoder Eminem-Videos und bewegen sich dabei möglichst langsam und keinesfalls ausladend - zum Auffallen oder gar Durchdrehen ist es noch viel zu früh. An der Theke wird weiter fleißig gewürfelt.

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Fury In The Slaughterhouse - Time To Wonder
"Don't worry 'bout the meaning, don't worry 'bout the world"



Zwei Stammgäste gibt es im Joy. Einer von ihnen ist Arne. Er hat schütteres Haar, einen blässlichen Teint und leicht schiefe Zähne. Er sitzt am Tresen und blickt gedankenverloren zur Tanzfläche. "Seit der Laden vor fünf Jahren aufgemacht hat, komme ich jedes Wochenende her", erzählt er und kratzt an seiner Beck's-Flasche. Alle kennen den freundlichen, aber stillen Teilnehmer der Party, trotzdem bleibt kaum jemand bei ihm stehen. In jeder Großraumdisco gibt's einen Typen wie Arne. Einer, der zum Inventar gehört, aber nicht so richtig dazu. Maik, Stammgast Nummer zwei, humpelt auf Krücken vorbei: "Egal, ob es draußen schneit oder stürmt, ins Joy schaffe ich es immer", ruft er.

Culture Beat - Mr. Vain
"I know what I want and I want it now, I want you, cause I'm Mr.Vain"



Was bringt die Leute dazu, jedes Wochenende hierherzukommen? Es hat mit Tradition zu tun. Ein fester Punkt auf demWeg zum Erwachsenwerden, wir haben das alle erlebt. Die Jugend von Henstedt-Ulzburg weiß, dass hier immer am meisten passiert. "70 Prozent der Gäste sind Stammpublikum", erzählt Discobetreiber Eric, während er uns herumführt. Mit seinem gegelten Haar und dem engen Shirt könnte er selbst als älterer Gast durchgehen. Er ist jedes Wochenende vor Ort und hält sich mit Red Bull wach. "Mitfeiern ist nicht", so der Mittzwanziger, er sei immer beschäftigt. Getränke müssten bestellt und ständig neues Tresenpersonal gefunden werden. "Unsere Barkeeper sind meist erst um die 18, arbeiten auf 400-Euro-Basis und haben schnell keinen Bock mehr. Die erleben alles vom Hochzeitsantrag bis zur Morddrohung."

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La Roux - Bulletproof
"This time, baby, I'll be bulletproof"



Plötzlich leistet sich der DJ dann doch noch einen kurzen Ausrutscher ins Experimentelle: La Roux oder Kanye West klingen im Joy eher ungewöhnlich. Wir vermuten inzwischen längst, dass irgendwo da draußen schon seit Jahrzehnten eine universelle Playlist existiert, an der sich alle Großraumdiskotheken der Republik orientieren, zumindest in ihrer Main Area. Schließlich funktioniert "Summer Of 69" von Bryan Adams nicht erst seit dem vergangenen Sommer, und auch zu Gloria Estefan und Whitney Houston haben schon die Eltern der Teenager getanzt. Die Musik im Joy entspricht exakt dem Radiomotto "70er, 80er, 90er und das Beste von heute". Ein Typ mit einem schwarzen Drachen auf seinem ärmellosen weißen Shirt tanzt völlig enthemmt zu "Oh Jonny" von Jan Delay und wird dabei von mehreren Mädchen interessiert gemustert.

Peter Wackel feat. Chriss Tuxi - Joana (Du Geile Sau)
"Joana, du geile Sau, geboren, um Liebe zu geben (du Luder)"



Inzwischen wird in allen Ecken geknutscht. Ein-Euro-Schnäpse und Antanzsoundtracks sorgen gezielt dafür, dass das Balzverhalten allmählich eskaliert. Wer noch keinen Partner hat, kann sich berechtigte Hoffnung machen, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Die Musik wird immer dumpfer und lauter. Vor uns versuchen zwei Mädchen zu tuscheln, müssen sich aber gegenseitig ins Ohr schreien. Plötzlich wankt eine der beiden zur Seite, hält sich an einem der Stehtische fest und übergibt sich in geübter Haltung, als würde sie eine speziell dafür angelegte Markierung auf dem Boden treffen wollen. Ihre Freundin springt hinterher und hält ihr die Haare zur Seite. Innerhalb weniger Sekunden bildet sich ein Halbkreis aus amüsierten und angewiderten Schaulustigen um die Unfallstelle. Einige applaudieren.

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Bill Medley & Jennifer Warnes - I've Had The Time Of My Life
"I never felt like this before"



Jenny und ihre Freundin Sandra stehen vor der Video Box, in der man kurze Filme drehen kann, die dann am nächsten Tag auf der Website der Disco zu sehen sind. Die beiden wollen dem süßen Typen, der eben neben ihnen getanzt hat, eine Botschaft senden. Ihn direkt anzusprechen trauen sie sich nicht. Die beiden schauen etwas betrübt. Seit dem Nachmittag haben sie überlegt, was sie anziehen sollen - jetzt hätten sie gern mal ein Erfolgserlebnis.

Black Eyed Peas - I Gotta Feeling
"I gotta feeling that tonight's gonna be a good night"



Jetzt sind alle Arme in der Luft, die Leute geben sich der Musik endgültig hin, schreiend, glücklich. Zu den "Whoohoo"-Stellen des aktuellen Black-Eyed-Peas-Hits "I Gotta Feeling" dreht der DJ selbstverständlich die Musik runter. Mitgegrölt wird um diese Uhrzeit sowieso alles, und wenn ein Song nicht nur Masseneuphorie auslöst, sondern auch noch aktuell ist und Formatcoolness ausstrahlt, dann erst recht. Die Nacht hat ihren Zenit erreicht. Jetzt wird man angetanzt, angerempelt, angemacht, von der Atmosphäre im Allgemeinen, von den Leuten im Speziellen. Wer jetzt die Kontrolle verliert, wird auch den Rest der Nacht nicht mehr fähig werden, sie aus eigener Kraft wieder an sich zu reißen.

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Take That - Never Forget
"Never forget where you've come here from"



Die Luft steht, es riecht nach Bier, Schweiß und Drogeriedüften. DJ Alex Drop zieht die Regler hoch. Jenny tanzt eng umschlungen mit einem Jungen im engen Rippshirt - ihre Freundin Sandra lehnt allein an einem Stehtisch. Ein letztes Mal bäumt sich die Party auf, als "Infinity" von Guru Josh ertönt. Jetzt noch mal Vollgas! "Och, so schlimm ist das hier gar nicht", haben wir erst gesagt. Dann "Wie geil ist bitte dieser Song?". Beats wummern, die Nebelmaschine läuft auf Hochtouren, und wir reißen die Hände hoch. Mainstreammusik und billiger Schnaps haben unsere Sinne erfolgreich benebelt. Alle haben sie uns gekriegt: Mr. Vain, Dr. Alban und Lady Gaga. "Das geht ab!", erklären Frauenarzt und Manny Marc. Aber was ist jetzt bitte los? Um 4.30 Uhr beendet der DJ einfach die Party. Mit "Never Forget" von Take That. Bis auf ein paar völlig Besoffene verstehen alle die Botschaft und räumen die Tanzfläche. Als wir die Disco verlassen, sind wir plötzlich nicht mehr 19. Unsere Heimfahrt wird zur Reise in die Gegenwart.

Unsere Autoren Aileen Tiedemann, 33, und Tim Sohr, 29, haben beide unterschiedliche Erinnerungen an früher. Aileen hat mit 14 im Haus der Jugend in Hamburg- Farmsen zu Vanilla Ice HipHop-Schritte geübt und ist dann auf Heavy Metal und Hardcore im Molotow auf der Reeperbahn umgeschwenkt.Tim hat in seiner Jugend in Düsseldorf selten in der Vorstadt gefeiert, hält aber die Atmosphäre in der dortigen Altstadt für durchaus vergleichbar.