Vielleicht fing es damit an, dass ich in frühen Jahren meinen Vater dabei beobachtete, wie er hingebungsvoll seinen dunklen Mercedes mit einem schaumigen Schwamm bearbeitete, abspülte, trocknete und mit Lederlappen polierte. Spinnen suchten beim Waschvorgang entsetzt das Weite, die langsamen Modelle waren schnell im Eimer. Zwischen den Schaumbläschen ragten Fliegenbeine hervor, Fühler, Flügel, Spinnenleiber, ein Potpourri von abgetrennten Gliedmaßen.

Während des ganzen Prozederes steckte eine Tube Autosol in der ausgefransten Gesäßtasche der labbrigen Schlaghose meines Vaters. Kein Wort wurde gesprochen, volle Wassereimer mit Schwung über dem Wagen ausgeleert, der ölige Schaum rann unschuldig ins Gras, schmierige Finger wurden nachlässig an der Hose abgewischt. Überall lagen und hingen Fußmatten herum, staubig und dalíesk, dem Ausklopfen harrend. Auf dem Boden wurde das Innenleben des Kofferraums ausgebreitet – keine Invasion von Regenschirmen, Schuhen und Bonbonschachteln wie bei meiner Mutter – sondern ein schwerer Hammer, eine Flasche Wasser. Das gepflegte Werkzeug wie OP-Besteck in speckigen Stoff gehüllt und zur Rolle gezurrt. Dazwischen das Kissen vom Rücksitz, sonnengebleichtes 70er-blassblau, vollgeschnuffelt von mir und meinem Bruder, ein Geruch nach Autohimmel, Pfeifenrauch, Kindernasen und Straßenschmutz. Noch heute kann ich mir den duftigen Muff dieses Kissens in Erinnerung rufen.

Während mein Vater das Auto wusch, saß ich oft still daneben, kaute auf einem ölfreien Grashalm herum und lernte eine wichtige Sache: Putzen ist mehr als Putzen. Erstens verströmte der Vorgang etwas hoch Konzentriertes und Meditatives, zweitens sah mein Vater bei diesem Staatsakt – und als der wurde die Autowäsche von ihm immer angekündigt – irgendwie cool aus. Cool sein war schon immer eine unheimlich wichtige Sache. Und um die Rollenverteilung meiner Kindheit zu komplettieren: Meine Mutter kochte derweil. Kochen war eindeutig nicht so cool.

Seitdem habe ich die Autopflege immer als würdevollen Akt begriffen, dem eine ganz eigene Gravität innewohnt. Schließlich schrubbt man die Kiste nicht nur, man weiht sie mit Tinkturen und edlem Balm, lässt ihr Shampoo, Wachs, Konzentrate, Polituren und Tiefenpfleger angedeihen. Die Produkte sind mit den Jahren immer bunter und lustiger geworden, die Zeit ist knapper, und die Schatten sind länger. Doch beim Waschen und Polieren wird noch immer geschwiegen, während die Spinnen flüchten und das Werkzeug von einst auf dem Boden neben einem dunklen Mercedes liegt.

Dieser Artikel von Wiebke Brauer erschien am 11.04.2011

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