Samy Deluxe
Dein aktuelles Album "SchwarzWeiss" ist im Juli erschienen. Im Angebot hattest du über 100 geschriebene Songs. Wie konntest du bei dieser großen Fülle eine Auswahl treffen?

Bei "SchwarzWeiss" ging's mir um die Kontraste. Ich wollte mich nicht in eine Schublade stecken lassen. Deswegen gibt's harte Raps genauso wie persönliche Songs - also viele verschiedene Perspektiven auf der Platte. Um Auszuwählen hab' ich lange meine Musik gehört, viel aufgenommen und dann selber gemerkt, welche Lieder gehen und welche schnell wegfallen. Und ab einem gewissen Punkt ist auch Berechnung dabei. Aber ich hab' nie bewusst einen richtig schlechten Song gemacht.

Anscheinend war die Songauswahl auch sehr gut, denn "SchwarzWeiss" hat es sofort auf Platz eins der Album-Charts geschafft. Gibt es dennoch Momente, in denen du an dir und deiner Arbeit zweifelst?

Ich hab' sehr viele Höhen und Tiefen. Momente, wo man drei Texte an einem Abend schreibt, die Beats macht, das Demo schon mischt und alles geht von alleine. Und Momente, wo einem nichts einfällt. Gerade wo die Nummer eins kam, hab' ich ein paar Tage oder Wochen eine Ehrfurcht davor gehabt. Jedes Album, das ich rausgebracht hab', war Top fünf. Aber das war das erste Mal Platz eins. Das ist dann schon krass und man fragt sich, wie man das überhaupt noch toppen kann. Dann muss man an den Punkt zurückkommen, wo man sich sagt, man macht die Musik auch nicht für die Top eins, zwei oder drei, sondern um seine eigene Weiterentwicklung zu dokumentieren. Ich will nicht zum Sklaven meiner Karriere werden.

Video-Tipp: "Poesie Album" von Samy Deluxe



Hat sich deine Einstellung zu deiner Karriere in den ganzen Jahren verändert?

Als ich angefangen hab', ging es mir nur um die Musik und ich war sehr anti was Industrie und Medien betraf. Irgendwann hab' ich gemerkt, dass das alles Teil des Jobs ist, vieles akzeptiert und Sachen gemacht, wo ich mich nicht wohl gefühlt habe. Jetzt hab' ich wieder gemerkt, dass es eigentlich nur um die Musik geht und scheiß auf alles andere. Man wird zwangsläufig als bekannter Musiker Person der Öffentlichkeit, aber manche Sachen sind einfach nicht meins. So wie dieser ganze Celebrity-Kram. Setz dich da ins Dschungelcamp, da in irgendeine Jury. Ich würd' da den Respekt vor mir selbst verlieren. Ich will nur durchs Musikmachen bekannt sein.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Samy Deluxe über Rap-Poesie, Künstler, die ihn inspirieren und die Entwicklung der deutschen Kunstszene.


Auf deinem aktuellen Album "SchwarzWeiss" gibt es viele persönliche Songs. Die Musik scheint dein Ventil zu sein. Meinst du, das macht dich von außen angreifbarer?

Ich bin angreifbar, egal was ich mache. Ich kann was Unpersönliches machen und Leuten ist es zu unpersönlich. Und ich kann was Persönliches machen und das wird kritisiert. Man kann es nie jedem Recht machen. Ich denke, man muss Musik so nutzen, wie sie kommt. In dem Entstehungsjahr der Platte hatte ich sehr tiefgründige, poetische Momente, wo man Melodisches machen will. Und ich hatte viele "Auf die Fresse"-Momente, wo man harte Beats braucht. Mein Album "Dis Wo Ich Herkomm" war sehr konzeptlastig. "SchwarzWeiss" sollte ein Gefühl sein, eine Collage.

Ein persönlicher Song des Albums heißt "Poesie Album". Wann ist deiner Meinung nach Rap Poesie?

Ich mag ehrlichen Ausdruck. Wenn ich merke, da steckt was dahinter. Das kann auch simpel sein. Beim rappen kann das ein Rapper sein, der nur zweisilbige Reime benutzt oder "House" auf "Mouse" reimt. Aber der ist mir lieber, als irgendein Studentenfreak, der 27-silbige Reimstrukturen baut, aber überhaupt keinen Soul in der Stimme hat, nicht den Groove vom Beat trifft und keinen Flow hat. Von individuellem Ausdruck bin ich Fan. Viele Leute machen aber Einheitsbrei.

Video-Tipp: "Zurück Zu Wir" von Samy Deluxe feat. Max Herre & Kahedi Band



Welche Künstler inspirieren dich denn?

Natürlich Samy Deluxe! (lacht) Ansonsten hab' ich tierisch viele Inspirationsquellen. Teilweise Rap, teilweise aber auch ganz andere Sachen. Teilweise auch Kunst. Ich hab' ganz viele Idole, hör' viel Musik und mach' viele Sessions mit befreundeten Musikern und Produzenten. Jeden Abend im Tourbus machen wir auch Beats. Das inspiriert mich. Fünf, sechs Sänger in einem Raum, jeder hört eine andere Art von Melodie und jede ist gut. Das mag ich einfach, wenn viel Kreativität um einen 'rum ist.

Du bist in Hamburg aufgewachsen und lebst nun außerhalb der Stadt. In den vergangenen Monaten gab es dort viele Proteste gegen Kulturkürzungen und geplante Luxusquartiere. Wie siehst du die Entwicklung der deutschen Kunstszene?

Ich war schon immer der Meinung, dass wir in Deutschland ein Riesenproblem damit haben, dass deutsche Kultur nie wieder neu definiert wurde. Alles, was alt ist, wie Schiller, Goethe, steht auf einem hohen Podest. Alles, was in der Nazizeit passiert ist, darf keine deutsche Kultur sein. Und alles, was danach passiert ist, ist für die alten Leute nur Pop. Meiner Meinung nach sollten wir moderne Sachen aber auch als Kunst ansehen und schützen.

Vielen Dank fürs Gespräch.

Interview: Jana Hannemann


Samy Deluxe & Tsunami Band 2012 live on Tour

02.04. Hannover - Musikzentrum
03.04. Osnabrück - Rosenhof
04.04. Dortmund - FZW
05.04. Krefeld - Kulturfabrik Krefeld
09.04. Ingolstadt - Eventhalle Westpark
11.04. Karlsruhe - Substage
12.04. Würzburg - Posthalle
13.04. Heidelberg - Karlstorbahnhof
14.04. Köln - Gloria