Es ist einer dieser Dezembertage. Feucht. Trübe. Und im Dämmerlicht sieht man der Zollverein kaum an, dass es mit PACT, Design- und Ruhrmuseum ein Zentrum der Kreativwirtschaft ist. Mit den schlichten Backsteinwänden und dem weit sichtbaren Fördergerüst wirkt die Architektur von Schupp und Kremmer wieder wie echte Industrie. Vielleicht der richtige Tag, um von einem ehemaligen Bergmann zu hören, wie es früher hier war.

Gerhard Greiwe führt zuallererst in den "Hobbyraum" des Hauses. Das kleine Zimmer im oberen Stockwerk teilen sich die Puppen seiner Frau mit der beeindruckenden Grubenlampensammlung des 67-Jährigen. "Hier in Stoppenberg hatten Sie ja damals überhaupt keine Chance auf eine Wohnung, wenn Sie nicht auf Zollverein arbeiteten", erzählt der Rentner. "Und eine Stelle zu bekommen, das war schwierig." Ein echtes Privileg sei das gewesen, weil die Bergleute immer gut versorgt waren - und die auf Zollverein insbesondere. Greiwe ist seiner Zeche bis heute treu geblieben: "Ich bin froh, dass der Schacht 12 noch steht. Wenn wir an PACT vorbeigehen, kann ich so sagen, : ‘Guck mal, wo heute die Hupfdohlen sind, da war früher mal mein Büro.'"

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"Selbst alteingesessene Essener haben von Katernberg oft nur Klischees im Kopf", sagt Hans Peter Leymann-Kurtz vehement. Der 44-Jährige zog mit Freundin vor einem halben Jahr von Bredeney nach Katernberg. "Das war purer Vorsatz", betont er. "Nach acht Jahren wurde mir der Süden einfach zu bürgerlich. Wir gehen immer noch sehr gerne abends in Rüttenscheid aus, aber tagsüber fühlte ich mich unentspannt." Seine Tochter Lisa bringt es auf ihren den Punkt: "Ich genieße die Freiheit, einfach auch mal ungeschminkt auf die Straße zu gehen, ohne dass irgendwer schräg guckt." Die 22-Jährige zog eigentlich nur übergangsweise bei ihrem Vater ein. Aber mittlerweile könnte sie sich vorstellen, in Katernberg zu bleiben.

"Dieser Stadtteil wird völlig unterschätzt", erzählt Leymann-Kurtz. "Er ist jung, lebendig und bietet eine hohe Wohn- und Lebensqualität. Kolditz beispielsweise ist einer der ganz wenigen Biometzger der Stadt. Wir haben hier sehr gute türkische, libanesische und russische Geschäfte. Da lernt man schnell, dass italienische Küche nicht alles ist. Und vielleicht ist das auch der Grund, weshalb der Rewe erst vor kurzem Parmesan und Rucola in sein Angebot aufgenommen hat."

Das Miteinander der Nationalitäten funktioniert gut in dem fast dörflichen Stadtteil - auch weil viele Türken einen Bezug zur Bergbautradition haben und selber noch auf der Zeche arbeiteten. "Und all die Studenten, die wegen der noch niedrigen Mieten herziehen, werden zum weiteren Anstieg der Lebensqualität beitragen", prophezeit Leymann-Kurtz. "Einen zusätzlichen Schub würde der Stadtteil bekommen, wenn die ÖPNV-Anbindung an die Stadt schneller wäre", merkt Lisa an. Aber ihr Vater fürchtet fast schon, dass die Entwicklung Katernberg überforden könnte. "Wir schätzen ja den Charakter des Stadtteils, so wie er jetzt ist", betont Leymann-Kurtz. "Hier ist Bewegung und Musik drin. Aber ein zweites Essener Trendviertel brauchen wir im Norden nicht. Das gibt es ja schon in Rüttenscheid. Dort trinken wir gerne Cocktails, aber leben kann man besser hier."
Honke Rambow

Wo wir gegessen haben
Casino In der beeindruckenden sechs Meter hohen Kompressorenhalle wird exzellente internationale Küche serviert.
Kokerei Café Das Ausflugslokal auf Zollverein mit guter Bistroküche, leckeren Kuchen und einem der schrägsten Biergärten der Welt.

Was wir gesehen haben
PACT Internationale Topstars des modernen Tanztheaters gastieren regelmäßig auf Zollverein.
Gold vor Schwarz In der ehemaligen Kohlenwäsche wird bis 11.1. der Essener Domschatz gezeigt. Ruhrmuseum, Gelsenkirchener Str. 181, Tel. 0201/830 12 98, tägl. 10-18 Uhr, 5 Euro.