Denn: "Die Kunst drückt Stopp- und Rücklauftasten im Lebensfluss. Sie hält die Zeit an," sinniert Holger Liebs in der Süddeutschen Zeitung über das vergangene Kunstjahrzehnt. Der Mann hat ja so Recht! Also los, verlangsamen wir unsere Leben, folgen den guten Vorsätzen und gehen in die Hamburger Kunsthalle zu den medialen Bastarden Sigmar Polke und Kollegen.

Gleich im Treppenhaus der Galerie der Gegenwart hängt ein Foto aus dem Jahr 1976. Es zeigt Sigmar Polke lässig in einem Apfelbaum sitzend. Er hat Cowboystiefel und eine Lederhose in Schlangenoptik an. Er beißt herzhaft in einen Apfel und blickt auf uns Kleinbürger herab. Das macht Stimmung für die Ausstellung. Wir ahnen: Gleich kommt ein Polke zwischen Sex, Drugs and Rock ´n`Roll. Ich muss zum ersten Mal grinsen. Und dann steht man im großen Raum mitten im zehnteiligen, Titel gebendem Ensemble Wir Kleinbürger - Zeitgenossen und Zeitgenossinnen. Großformatige Arbeiten auf Papier, die vor Experimentierfreude nur so strotzen. Der Künstler nahm in dieser Zeit gern Vorlagen von Plattenhüllen, Hochglanzmagazinen oder Underground-Comics. Er übermalt, klebt, reiht die Motive. Ja, er sprüht sie mit Schablonen. Polke, der Künstler, der die Pop-Art zitiert und karikiert, nimmt damit stilistisch schon in den 70ern Techniken der Streetart vorweg, wie wir sie heute an jeder Straßenecke in Hamburg vorfinden. Eine tolle Entdeckungsreise!

In einem anderen Raum: Der Künstler und seine männlichen Künstlerfreunde posieren wie einst Hemingway nach erfolgreicher Hochseeangeltour mit Gewehren im Staub von Afghanistan. Und darüber weibliche Waffen: eine barbusige, sexy Frau in Hotpants. Moment mal, das ist doch Katharina Sieverding, heute Professorin an der Universität der Künste in Berlin (UdK) und eine wichtige Künstlerin der Gegenwart. Polke und seine Künstlerfreunde und -freundinnen, sie lebten wild und gefährlich. Das spiegelt die Zeit der 70er Jahre wieder, zwischen Hippiekultur, Frauenbewegung und Terrorismusangst. Eben die Stimmung und Ängste der Kleinbürger der BRD. Wie erschreckend aktuell die Posen noch immer sind.

Jetzt verstehe ich, warum Paolo Moretto, ein Künstler, den ich in meiner Galerie vertrete, den Künstler-Punk Polke so liebt. Es ist diese Kombination aus Politik und anarchischem Skeptizismus, gleichzeitig Humor und Ironie. Polke, der neben Martin Kippenberger, Jörg Immendorf und Gerhart Richter zu den international anerkanntesten deutschen Künstlern zählt, dieser Polke hat der Kunst das Lachen zurückgebracht. Nicht umsonst ist diese dreiteilige Polke-Ausstellungsreihe von der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbands AICA zur "Ausstellung des Jahres" gekürt worden. An alle Artgenossen und Artgenossinnen: Nichts wie hin! Schon am Sonntag endet diese schräg-schöne Schau.

Prinz.de-Autorin und Galeristin Angela Holzhauer streift durch Ausstellungen und Hamburger Galerien und gibt Insider-Tipps aus der Kunst-Szene. Dabei liebt sie Kunst, die sich an das berühmte Motto des amerikanischen Videokünstlers Nam June Paik hält: "Nicht zu perfekt machen, sonst liebe Gott böse."


Was sonst noch sehenswert in dieser Woche ist:

Mittwoch, 13. Januar, 20 Uhr: Das Künstlerhaus Frise eröffnet die Ausstellung "LIGHT MY FIRE". Auch samstags und sonntags zwischen 16 und 19 Uhr. Bis 24. Januar. www.frise.de

Donnerstag, 14. Januar, 18:30 Uhr: Künstlergespräch in den Deichtorhallen - Katharina Fritsch befragt von Dr. Robert Fleck, der die aktuelle Katharina Fritsch-Werkschau kuratierte und heute Intendant der Bundeskunsthalle in Bonn ist. www.deichtorhallen.de

Donnerstag, 14. Januar, 19 Uhr: Feinkunst Krüger präsentiert im Westwerk, Admiralitätsstraße 74, Anja Huwe - Listen to the Pictures; zur Vernissage gibt es Sound und Musik von Timo Blunck (Ex-Palais Schaumburg, Die Zimmermänner) www.feinkunst-krueger.de

Samstag, 16. Januar, 10 Uhr: Finissage und Videotag des dreiteiligen Projektes Sigmar Polke. Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen. Die Galerie der Gegenwart/Hamburger Kunsthalle zeigt im 1. Obergeschoß Film und Video mit, über, von Sigmar Polke & Company www.hamburger-kunsthalle.de