Zwei Ausstellungen mit ganz besonderer Sogkraft wollen wir hier ausdrücklich empfehlen: artfinder Galerie/Mathias Güntner zeigt Fotografien und ein Video von Alexandra Ranner und die Produzentengalerie Hamburg Malerei von Jonas Burgert. Sie finden beide Galerien im Hinterhaus der Admiralitätstrasse 71.

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Ein Lichtspot in der artfinder Galerie/Mathias Güntner ist auf ein Fenster und eine Glastür in hinterem Teil des farbigen Pigmentabzugs "Raum IV" von Alexandra Ranner gerichtet. Dort ist es sowieso so gleißend hell, dass man sofort mit den Augen hin will, um den vermeintlichen Steinstrand und das windstille Meer ab zu wandern. Erst danach erkennt man im dunklen, unbeleuchteten Vordergrund des Fotos zwei benutzte Schlafstätten in einem beengten Zimmer. Alles sieht verlassen und so unwirklich aus, dass ich mir auf einmal nicht mehr so sicher bin, ob ich wirklich sehe, was ich sehe.

Diese Verunsicherung der Wahrnehmung würde der 43jährigen Künstlerin und Professorin an der Universität der Künste in Berlin sicher gefallen. Spielt Alexandra Ranner doch mit Realitäts- und Wahrnehmungsebenen in ihrer Kunst. Ausgangspunkt für die gezeigten Fotos sind gebaute Modelle. Mit der von mir gesehenen Wirklichkeit haben die abgebildeten Räume also gar nichts zu tun. Ranners Kunst macht vielmehr innere Räume sichtbar. Wir schauen in unsere eigenen emotionalen Befindlichkeiten und Ängste oder sehen unsere Träume. Die den Galerieraum dominierende Arbeit dieser Ausstellung ist das Video Silencio Súbito (Mann). Ein Mann lauscht angestrengt in die absolute Stille, fängt leise zu singen an und brüllt dann plötzlich irrsinnig laut: "A Ruah iss!" Ich finde das Video wichtig in Ergänzung zu den Fotos, weil es noch einmal die allen Arbeiten zugrunde liegende, sinnentleerte Spannung und den schrägen Humor der Künstlerin vorführt.

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Mit Humor hat die verzauberte, altmeisterliche Malerei des Jonas Burgerts hingegen nicht viel zu tun - auch wenn er Närrisches und Zirkusszenen abbildet. Hier geht es um Fragen der nackten Existenz! Zentral gehängt in der Produzentengalerie ist das großformatige Bild "Kaltlauf". Ein kleiner Mann läuft vor einem großem Mann, der eine bunte Stange hält, an der sich Clownsähnliche Gestalten hangeln. Hinten links mit Blick zur Wand - ein Mann ohne Kopf. Der Raum mit den hohen Wänden scheint endlos lang zu sein. Ein höllisches, apokalyptisches Szenario, in das man als Betrachter geradeaus hinein spaziert. Die Ausstellung zeigt auch kleine Formate. Zum Beispiel "Hauptstück". Ein junger Mann mit Turban liegt halb und hält einen rot-gelben Ziegenkopf im Arm. Eine Arbeit, die an alte holländische Porträtkunst des 17. Jahrhunderts zum Beispiel an Bilder von Franz Hals erinnern mag.

Der 1969 geborene Berliner Jonas Burgert ist 2005 zum ersten Mal in Hamburg aufgeschlagen - in der Galerie der Gegenwart und wurde sofort als nächster Neo Rauch gehandelt. Denn seine Malerei ist unglaublich faszinierend, auch wenn man nicht wirklich verstehen kann, warum ein junger Mann solcher Art Szenen malen will oder muss. Irgendwie packen einen die schaurig schönen Bilder. Und die Farben leuchten wunderbar! Dieser Maler kann offensichtlich malen. Das Leuchten der Ölfarben entsteht allein durch die Untermalung und den Hell-Dunkel-Kontrast. Vielleicht fesseln die Bilder auch deshalb, weil man spürt, dass Burgert sich in seinen Bildern intensiv mit sich selbst beschäftigt. Alle männlichen Modelle sind Selbstporträts, alle weiblichen Porträts zeigen seine Freundin. Kennt man diesen Hintergrund entführen die manierierten, spektakulären Szenen einen nicht mehr ins Mittelalter, sondern mitten ins heutige Berlin. Im braven Hamburg hingegen fänden Burgerts Szenen nicht statt.

Angela Holzhauer

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ALEXANDRA RANNER: NEBENMEER. artfinder Galerie/Mathias Güntner, Admiralitätstr. 71. Bis 23. Oktober 2010. artfinder.de

JONAS BURGERT. Produzentengalerie Hamburg, Admiralitätstr. 71. Bis 30. Oktober. produzentengalerie.com

Ebenfalls stofflich schöne Räume und Szenerien: KERSTIN KARTSCHER: STILL POINT. Galerie Karin Günther, Admiralitätstr. 71. galerie-karin-guenther.de

Komplexe Assoziations-Räume nur aus Worten des "Großvaters" der Konzept Kunst ROBERT BARRY zeigt die Galerie Sfeir-Semler in ihrem zweiten Ausstellungsraum: RECENT WORK, Admiralitätstr. 71, 2. Stock. sfeir-semler.com

Im dritten Stock finden Sie immer noch die in der Kolumne 7 schon ausführlich beschriebenen Arbeiten des Engländers DAVID TREMLETT: IDEAS ON PAPER, Galerie Dörrie * Priess Hamburg, Admiralitätstr. 71. doerrie-priess.de

Und Siegfried Sander - wir lieben diesen Galeristen wirklich sehr! - zeigt in seiner Galerie MULTIPLE BOX die Ausstellung POLKE und POLKE: Grafiken von Sigmar Polke, Fotografien von Sohn Georg Polke und die Fotoserie "Mitten in der Luft" von Angelika Platen. Admiralitätstr. 76. multiple-box.de