1. Wolokolamsker Chaussee & Das Leben der Autos
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Von Heiner Müller / Ilja Ehrenburg




Es sähe nicht so aus, schrieb Vaclav Havel 1978, als ob die westlichen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich grundsätzlich der Eigenbewegung der technischen Zivilisation, der Industrie- und Konsumgesellschaft widersetzen könne. Nur sei die Art, wie sie den Menschen manipulierten, unendlich feiner und raffinierter als die brutale Art des posttotalitären - sozialistischen - Systems.



Im Herbst 1941, 2000 Kilometer vor Berlin und nur 120 vor Moskau - an der Wolokolamsker Chaussee - beginnt mit dem verzweifelten Versuch sowjetischer Soldaten, den Einmarsch der Wehrmacht zu stoppen, die Geschichte der DDR. Sie endet mit dem ebenso verzweifelten Versuch eines Vaters, die Ausreise des Sohnes in den Westen zu verhindern. In fünf exemplarischen Szenen - jede für sich eine eigenständige Tragödie - verhandelt Heiner Müller in wechselnden Konstellationen die grundsätzlichen Fragen politischen Handelns: Welche Opfer sind mit der Durchsetzung unserer Ziele verbunden? Wie wird das Ziel, das wir zu erreichen hoffen, durch jedes notwendige Opfer unseres Handelns korrumpiert? Er entwirft dabei ein historisches und gleichzeitig berührend persönliches Panorama des Scheiterns der DDR.



Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall konfrontiert Regisseur Lars-Ole Walburg Müllers Stück mit Ilja Ehrenburgs umfassender und verblüffend aktueller Biografie des totalen Erfolgs »Das Leben der Autos«. Der zwischen 1928 und 1935 entstandene Text zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven - Fließband, Kautschukplantage, Ölfeld, Börse - den atemberaubenden Siegeszug einer Ware und das Panoptikum seiner entfesselten Produzenten. In beklemmender Weise spiegelt dieser Triumph die Unhaltbarkeit unserer gegenwärtigen Situation.


Regie: Lars-Ole Walburg

Bühne: Robert Schweer

"In den ersten, im 2. Weltkrieg angesiedelten Szenen ist noch der Glaube an eine gerechte Gesellschaft eingeschrieben. Walburg feiert ihn geradezu provozierend schön mit chorischer Musikalität. Die folgenden, in der real existierenden DDR spielenden Szenen werden zunehmend satirisch zugespitzt und enden mit einer schwer emotionalisierten Vater-Sohn-Auseinandersetzung über die gesellschaftliche Umbruchsituation: Republikflucht oder sich weiter etwas vormachen? Walburg schält aus Müllers Dickicht der Bezüge und den didaktischen Schemen die Individuen in ihrer Körperlichkeit heraus, die im dialektischen Kampf zwischen totalitär-korruptem System und sozialistischer Utopie zerrieben werden. Bitter ironische Trauerarbeit im pietätvoll abgedunkelten Saal." (Die Deutsche Bühne)




"Die Opfer von der "Front der Dialektik, die katastrophale Verquickung von Politischem und Persönlichem - das ist Walburgs Generalthema! Er stellt es ernüchtert, nicht ohne angemessenes Pathos und nicht ohne den grotesken Aberwitz aus. Packendes Geschichts- und Geschichtentheater. Gedanklich schwer, im Spiel hoch konzentriert, aber frappierend leicht." (Die Welt)



"Diesen Start darf man als gelungen bezeichnen: Lars-Ole Walburg, der neue Intendant am Schauspiel Hannover, hat mit seiner Eröffnungsinszenierung sein spürbar erwartungsfreudiges Publikum im Beifallssturm erobert. Eine sichere Nummer war das nicht (...) Der Gewinn: Man merkt seiner Inszenierung an, dass er nicht nur ein Anliegen, sondern auch etwas zu erzählen hat, und zwar auf unmodische, ästhetisch durchaus dialektische Art." (Süddeutsche Zeitung)

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