„Onkel Wanja kommt. Eine Reise durch die Nacht“ spielt wieder in Berlin. Warum lieben Sie die Stadt als Kulisse?
Ich schreibe über das, was ich im Kaleidoskop der Alltäglichkeiten sehe und versuche, ein Muster des Lebens zu erkennen. Für mich steht die Stadt an der Spitze einer Entwicklung, die noch weit vor ihrer Vollendung steht. Ich meine damit die moderne Geschichte Europas, den Zusammenhalt verschiedener Kulturen, Staaten, Lebenseinstellungen. Als ich vor 22 Jahren nach Berlin kam, waren wie heute überall Baustellen zu sehen. Damals dachte ich: „Sie bauen zu Ende und dann wird dies eine schöne neue Stadt.“ Inzwischen weiß ich, dass es das Ende nie geben wird.

Im Buch gehen Sie mit Ihrem Onkel auf einen nächtlichen Spaziergang durch die Stadt …
Er schrieb mir in einem Brief, er wisse nicht, wie lange er noch auf dieser Welt sei, und bat mich um eine Einladung nach Berlin. Ich holte ihn am Hauptbahnhof ab, uns wurden die Taxis vor der Nase weggeschnappt und wir machten uns zu Fuß auf den Weg. Es folgt eine Odyssee durch das nächtliche Berlin, bei der wir unglaubliche Menschen kennenlernen und Orte sehen. Mein Onkel glaubt, er wäre auf einem anderen Planeten gelandet. Indem ich ihm erkläre, was wir sehen, versuche ich auch für mich auf der Baustelle Berlin die Konturen der Zukunft zu erkennen.

Wie könnte die Zukunft aussehen?
Neblig. Was hier geschieht, erinnert mich an den Turmbau zu Babel. Viele Menschen mit eigenen Geschichten versuchen, einen neuen Lebensentwurf zustande zu bringen. Jeder sieht diesen Entwurf anders.

Auf dem Spaziergang kommt auch die Frage auf, was wir mal hinterlassen werden. Was könnte das in Ihrem Fall sein?
Meine Geschichte. Ich habe mich ja im Grunde genommen aufgelöst in meinem Schreiben. Die menschliche Geschichte wird nie langweilig. Alles andere hat keinen Bestand. Die Häuser werden zu Staub, die Autos zu Schrott gefahren. Die Menschen sterben.

Was kommt nach dem Tod?

Ich glaube nicht, dass der Tod ein Problem darstellt. Er ist nichts anderes als ein fehlendes Erinnerungsvermögen. Das ist keine Metapher. Auch physikalisch gesehen hat jeder Gegenstand eine Erinnerung, nichts verschwindet einfach. Wenn ich einen Löffel verbiege, wird er sich zurückstellen wollen, weil er eine Erinnerung an die frühere Form hat. So haben auch alle Teile eines Menschen eine Erinnerung. Wenn dieser Mensch gut zu allen seinen Teilen war, dann werden sie versuchen, in ihrer neuen Existenz – ob nun als Gras oder Hund oder Katze – wieder zu dem Menschen zu werden.


Nehmen wir an, Sie würden wie Onkel Wanja das letzte Stündlein herannahen sehen. Wohin gehen Sie?

In den Mauerpark. Diese riesige leere Fläche in der Stadt ist mir wie ein zweites Zuhause geworden. Sie wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt – und so fühle ich mich auch.

Sie lesen im August im Boutique Hotel Indigo. Man würde Sie eher in einer schummrigen Kneipe vermuten, wo man die Wodkagläser auf den Boden werfen darf …
Ich bin gar kein Wodka-Russe, sondern ein Wein-Russe. Dieses Hotel hat Stil. Und erzählt auf seine Art lokale Berliner Geschichte. Weniger mit Worten, sondern mit seinem Design. Das passt zum Anlass und gefällt mir.