Ja, das Leben in Berlin ist bunt, aufregend und einzigartig. Jeder Tag gleicht einem Abenteuer und neue Menschen kennenzulernen ist nirgendwo einfacher als hier. Was aber viele eingefleischte  oder Neu-Berliner irgendwann bemerken, ist die traurige Erkenntnis, dass die meisten dieser Bekanntschaften von Oberflächlichkeit geprägt sind. Ein Problem, welches die Anonymität in vielen Großstädten der Welt mit sich bringt. Ebenso schnell, wie du hier neue Freundschaften knüpfst, verpuffen diese auch wieder und der Kontakt verliert sich. Langfristiges findest du in der deutschen Hauptstadt hingegen nur schwierig – was auch für die Liebe gilt. Berlin war lange Zeit die Hochburg der Singles, sprich die Stadt mit den meisten Einpersonenhaushalten in Deutschland. Nun scheint sich das plötzlich zu ändern…aber wieso?

Berlin muss seine Spitzenposition abtreten

Die Berliner sind unabhängig und das spiegelt sich auch in den Statistiken wider: Knapp die Hälfte der Berliner lebt alleine und pflegt somit keine klassische Partnerschaft im Sinne von Heirat, Eigenheim, Kindern & Co. Wer also überhaupt eine Liebesbeziehung eingeht, hält diese gerne auf Distanz. Jeder hat seine eigenen vier Wände und sein eigenes Leben. Auch mit Beziehungskonzepten abseits der traditionellen Modelle wird in Berlin oft und gerne experimentiert – mit offenen Beziehungen beispielsweise. 

Umso überraschender ist es, dass die Zahlen plötzlich rückläufig sind. Mittlerweile führt das kleine Regensburg in Bayern die Liste der Single-Hochburgen an, dicht gefolgt von Würzburg, Leipzig, Passau und Flensburg. Sie alle liegen deutlich über der 50-Prozent-Marke und damit weit über dem Bundesdurchschnitt von 37,9 Prozent, wie der Tagesspiegel berichtet. Auch München und Köln haben Berlin mit seinen nunmehr 49 Prozent Single-Quote überholt. Die Hauptstadt ist somit vom ersten auf den 20. Rang abgerutscht. 

Die Berliner und die Liebe 

Hand aufs Herz: Diese Spitzenposition gibt Berlin sogar gerne ab, denn manche Wettkämpfe will man bekanntlich nicht gewinnen. Für die Berliner ist diese Entwicklung nämlich eine gute Nachricht. Es ist schließlich nicht so, als stünden sie der Liebe gänzlich abgeneigt gegenüber. Stattdessen war es in der Vergangenheit einfach schwierig, den passenden Menschen für das eigene Leben zu finden. Denn Berlin bringt auch für Singles viele Besonderheiten mit sich – und diese machen das Thema Beziehung oftmals schwieriger als in kleineren Städten sowie Orten von Deutschland:

  • Berlin ist riesig und somit ist auch die Auswahl an potenziellen Partnern ebenso riesig. Wer die Wahl hat, hat bekanntlich die Qual – und so fällt es vielen jungen Menschen in Berlin schwer, sich auf eine Person festzulegen und mit ihr eine monogame Beziehung einzugehen. 
  • Sich festzulegen ist überhaupt eine Eigenschaft, welche jungen Menschen aus der sogenannten „Generation Y“ zunehmend Probleme macht. Sie wurden von ihren Eltern als unabhängige Individuen erzogen, was zwar per se nichts Schlechtes ist – doch in Liebesbeziehungen sowie auch im Job kann diese Grundhaltung zu Problemen führen. Gerade Berlin zieht exzentrische sowie auch egoistische bis hin zu narzisstische Persönlichkeiten an. All jene Menschen also, die Probleme damit haben, sich auf eine Beziehung einzulassen und entsprechend auch Kompromisse einzugehen. Das bedeutet aber nicht, dass es hier nicht durchaus auch beziehungsfähige Singles gibt.
  • Nur müssen diese Singles eben auch zusammenfinden. Wer denkt, dank Tinder & Co sei das mittlerweile einfacher als je zuvor, hat sich mächtig getäuscht. Solche digitalen Erfindungen machen die Liebe stattdessen transparenter als je zuvor. Plötzlich suchen auf Tinder eigentlich verheiratete Menschen nach einem Abenteuer oder auf Facebook entpuppt sich der angebliche Traumprinz als Fake-Profil. Liebe ist im Zuge der Digitalisierung schwieriger geworden und viele Singles sind frustriert, haben Verletzungen sowie Enttäuschungen erlitten und den Glauben an traditionelle Werte wie eben Liebe, Treue, monogame Beziehungen und das ganze Konstrukt von Heirat, Eigenheim sowie dem Kinderkriegen verloren.

Du siehst: Es gibt viele verschiedene Gründe, weshalb Berlin lange Zeit die Hochburg der Singles war und sich die Generation Y im Allgemeinen mit der Liebe zunehmend schwertut. Woher also kommt jetzt der plötzliche Sinneswandel?

Die Generation Y ist besser als ihr Ruf – und die Liebe auch!

Ganz einfach: Die missverstandene Generation Y, welche oftmals auch als „Generation beziehungsunfähig“ belächelt wird, hat der Liebe in Wahrheit überhaupt noch nicht abgeschworen. Im Gegenteil spielt die Familie laut einer Shell-Jugendstudie die wichtigste Rolle in ihrem Leben. Die jungen Berliner möchten also durchaus eine monogame Beziehung oder Ehe führen, gemeinsam wohnen oder ein Eigenheim kaufen und eines Tages Kinder in die Welt setzen. Genau genommen ist die Generation Y deutlich traditioneller und „spießiger“ als die heutigen Mittdreißiger bis Mittfünfziger. Genau deshalb geht der Trend nun wieder weg im Single-Haushalt und hin zur klassischen Familiengründung. Selbiges gilt übrigens für die noch jüngere Generation Z. 

Liebe zwischen Selbstverwirklichung und Tinder

Die Generation Y sowie Generation Z sind also in Wahrheit überhaupt nicht beziehungsunfähig. Dennoch nimmt die Selbstverwirklichung für sie einen großen Stellenwert im Leben ein. Sie möchten erst einmal sich selbst finden und alleine wohnen, bevor sie eines Tages eine Familie gründen. Sie lassen sich also einfach mehr Zeit als früher, wählen ihre Partner bewusster aus und ziehen verschiedene Möglichkeiten in Erwägung. Der Eine oder Andere verzettelt sich dabei im Entweder-oder und bleibt schlussendlich doch alleine. Die Meisten sind aber nur eine gewisse Zeit lang „beziehungsunwillig“, lösen irgendwann zwischen dem 25. und 35. Geburtstag den Einzelpersonenhaushalt auf, um daraus einen Mehrpersonenhaushalt zu machen, und müssen am Valentinstag zukünftig nicht mehr alleines ein.