NEUKÖLLN NEU ENTDECKT

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Neukölln, das fremde Territorium. Ob Urberliner oder Zugereister, die meisten assoziieren diesen Stadtteil als Erstes mit diffusen Klischees wie Hartz-IV-Hotspot, Kleinkriminalität und randalierende Rütli-Schüler. Doch wer sich in die Seitenstraßen zwischen Maybachufer und Sonnenallee, den sogenannten Reuter- Kiez, wagt, gerät schnell in den Bann eines ganz anderen, unerwartet beschaulichen und auf angenehme Art und Weise unprätentiösen Neukölln. In diesem tagsüber eher grau anmutenden Viertel hat es sich in den letzten Jahren eine kleine, aber stetig expandierende Kulturszene gemütlich gemacht, die frei von jeder Selbstdarstellerambition gerade durch ihre entspannte Intimität besticht.
Als Vorreiter des neuen Neuköllner Nachtlebens darf sich der Kinski e.V. in der Friedelstraße rühmen. Seit 2001 ist der Kulturverein Anlaufstelle für alle, die ihr Abendprogramm aufgrund eigenen Talents aktiv mitgestalten oder auch nur ein gemütliches Feierabendbierchen in trauter Nachbarschaftsrunde zischen wollen.

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Nachdem man sich erfolgreich am Mikro, an den Plattentellen oder an der Leber vergangen hat, kann es weitergehen zum gepflegten Bar-Hopping auf Neuköllns frisch erblühter Ausgehmeile Weserstraße. Im erst kürzlich eröffneten Kuschlowski, das dank loungig-lauschigem Ambiente seinem Namen alle Ehre macht, kann der Gast zu den Beats wechselnder Plattentellerhelden die Werke junger Berliner Künstler an den Wänden bewundern. Das Silverfuture versteckt sich unschuldig hinter Gardinen, die stark an Omas Brüsseler Spitze erinnern, und hat mit verboten günstigen Spirituosenpreisen und einem bezaubernden kleinen Dragqueen-Umkleidebereich echte Absturz- Qualitäten. Im Freies Neukölln hingegen trinkt und speist es sich dank heimeligem Interieur à la Berliner Landgasthof dann wieder etwas gediegener, aufgrund hoher Nachtschwärmerfrequenz jedoch nicht weniger unterhaltsam.

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In der ebenfalls erst blutjungen Programmwirtschaft Ä, die mit einem Sammelsurium skurriler DDR-Reliquien an Honis beste Zeiten erinnert, gibt es regelmäßig Konzerte und wohl Berlins einzige monatliche Schmusetiersoap – mittlerweile schon in Folge 42. Unweit des Medienlieblings Rütli-Schule versteckt sich in einer kleinen Seitenstraße ein weiteres Bar- Juwel, das mit viel Liebe zum Detail eingerichtete Jansa 7. In kuschelig-rotem Retroschick vergeht die Nacht hier bei kriminell günstigem Sekt auf Eis für 2 Euro wie im Flug. Und wen es zum Abschluss einer stilvoll durchzechten Nacht noch nach ein wenig ursprünglichem Neuköllner Eckkneipenflair gelüstet, der macht einen Abstecher ins legendäre Hubble Gubble, zu einem letztem Absacker und einer motorisch derangierten Runde Pool. Aber nicht nur die Nächte sind lang im neu erwachten Neukölln.

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Das schönste Katerfrühstück gibt’s in der Ankerklause am Kottbusser Damm.Nach einer anständigen Ankerklausenportion Eier mit Speck oder einem doppelten Espresso in der ostig schicken Café-Bar Ringo ist der Kopf wieder frei für eine kleine Shoppingtour durchs wilde Neuland. Abseits der schrammeligen Hartz-IV-Einkaufsmeile Karl- Marx-Straße haben sich schöne kleine Berliner Designlabels eingenistet wie das mädchenhaftsportliche Polka, das seine universal einsetzbaren T-Shirt-Kleider im labeleigenen Sei-Mein- Shop in der Sanderstraße verkauft. Auch Schneidermeisterin Barbara Nau verführt mit verspielten Eigenkreationen in ihrem Q-ture- Laden zu unkontrollierter Kreditkartenbenutzung. Und wen dann das schlechte Gewissen bei so viel Konsum plagt, der kleide sich beim politisch korrekten Label Rütli-Wear ein, das 2006 von drei Soziologiestudenten ins Leben gerufen wurde, um dem angeschlagenen Image der Schule mit Erfolg ein Gegengewicht entgegenzusetzen. Das Ergebnis: schöne Streetwear, von Rütli-Schülern entworfen. Und weil ausgedehntes Geldausgeben nach einer stärkenden Belohnung verlangt, lohnt sich zum Abschluss ein kulinarischer Abstecher zum mediterranen 5-Gänge-Menü in der lauschigen Kantina von Hugo. Junge, komm bald wieder! Nach Neukölln.
Katja Krug