SO 36 IM AUFBRUCH

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Als im Frühjahr Anwohner mit Unterstützung des grünen Bundestagsabgeordneten Christian Ströbele den Burger-Krieg ausgerufen haben, weil an der Skalitzer Straße Mc Donald’s seine erste Filiale in Kreuzberg eröffnen wollte, war zu spüren: Kreuzberg tickt immer noch anders. Doch der Kultbezirk SO 36, so die nach wie vor gebräuchliche Bezeichnung für den ehemaligen Postzustellbezirk Südost 36, ist im Wandel. Von der Berliner Mauer einst von drei Seiten umschlossen, entwickelte sich hier eine alternative Subkultur, die bis heute das Straßenleben prägt. Mit dem Fall der Mauer rückte der Bezirk dann quasi über Nacht ins Zentrum der neuen Hauptstadt. Dennoch avancierten Bezirke wie Mitte und Prenzlauer Berg zu den neuen Szene-Hotspots, während Kreuzberg sich am alten Status quo festzuklammern schien. Kreuzberg gehört zwar immer noch zu den ärmsten Bezirken der Stadt, doch es kommt Bewegung in die Gegend. „Hier ziehen gerade ganz viele neue, junge und kreative Leute in die Ecke“, erzählt Paula aus dem Wrangelkiez. Angelockt vom alternativen Image, vom Boom und den Freiräumen rund um die neue Amüsiermeile Schlesische Straße, verändern derzeit hippe Neuankömmlinge (mit Einkommen!) das Schmuddel-Bild dieser Gegend. Während hier früher kaum jemand freiwillig tot überm Zaun hängen wollte, schieben sich heute ganze Hundertschaften junger Leute am Wochenende die Schlesische Straße rauf und runter. Angesteuert werden die Party- und Konzertlocation Lido, die urige Eckkneipe Zur fetten Ecke, Berlins schrillste Karaoke-Bar Monster Ronsons Sing Inn oder das Barbie Deinhoffs.

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Ein bisschen Kunst und etwas Mode machen das Ganze rund. Und der Spirit schwappt über, breitet sich bis in den Kiez rund um die Oranienstraße aus. Viele Neueröffnungen haben das Bild auch dort inzwischen verändert. Im Luzia ist es seit dem Opening immer rappelvoll. Moderne Boutiquen wie UVR Connected oder Cherry Bomb bringen Chic, die Restaurants Amrit und Mirchi überschwänglich Farbe und Orientkitsch. Das romantische Engelbecken wurde im Sommer aufwendig neugestaltet und zeigt sich jetzt mit dem gleichnamigen Café von seiner idyllischen Seite, verspielte Wasserfontänen inklusive. Und in der Wiener Straßegibt es seit neuestem im Let It Bleed unter anderem sogar Mode von Vivian Westwood zu kaufen. Das gab’s noch nie! Besondere Beachtung verdienen aber die Macher der Paloma Bar, die mit ihrem neuen, kleinen, wilden Tanzlokal die unheimliche Szenerie am „Kotti“ aufmischen. Von Donnerstag bis Samstag drängeln sich im Miniklub diejenigen, die sich nicht gefürchtet haben, den Weg durchs düstere Treppenhaus zu finden. Gleich nebenan lockt die Monarch Bar, ein Neuzugang im Gebäudekomplex, mit Blick auf die Hochbahn. Mittwochs legen dort bisweilen stadtbekannte DJs auf. Das West Germany, Klub und Kunstprojekt in einem, komplettiert das Ensemble, die Entertainment-Triade am früher hoffnungslosen Kottbusser Tor. Pioniere wie die skurrile Trinkhalle Möbel Olfe profitieren natürlich von dieser Entwicklung. Viele ausländische Touristen suchen hier den Mythos Kreuzberg. Und sie werden fündig: Nach wie vor werden in alteingesessenen Bars wie dem Roses feucht-fröhliche Abstürze bis in den Morgengrauen zelebriert. Im traditionsreichen „SO36“, dem Gründungsort der Band Die Ärzte, spielen Punkrock-Bands, da tanzt die Community auf schwul-lesbischen Orientpartys oder bieten Anwohner auf dem Nachtflohmarkt ihre mitgebrachten Waren feil. Auf dem Heinrichplatz, der durch zentrale Szenen des Romans „Herr Lehmann“ und seine Verfilmung überregionale Bekanntheit erlangte, tummeln sich etliche Cafés, Bars und Kneipen. Zum Beispiel die Orient-Lounge versteckt im ersten Obergeschoss der Roten Harfe. Auf der folgenden Seite haben wir für Sie die besten und wichtigsten Adressen für lange Kreuzberger Nächte zusammengetragen.