FABELHAFTES FRIEDRICHSHAIN

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Die meisten Neuankömmlinge in Berlin, ob nun junge Rucksack- Touristen oder zugezogene Studenten, landen früher oder später in Friedrichshain. Grund dafür ist vor allem die weithin bekannte Simon-Dach-Straße, die mittlerweile in vielen Reiseführern als szenige Kneipenmeile angepriesen wird. Bei den Einheimischen hat dieser Zustand dem Kiez kein besonders gutes Image eingebracht. Es galt als sicher, dass Friedrichshain vom gleichen Hippness-Boom überrollt wird wie bereits Mitte und Prenzlauer Berg.Viele fürchteten deshalb um die Authentizität der Gegend. Doch es kam anders: Die Entwicklung stockte, und neue Boutiquen und Bars blieben lange aus. Sogar von Stagnation war die Rede. Aber nun tut sich was im ehemaligen Arbeiterbezirk. Zwischen alteingesessenen Eckkneipen und Frühstückscafés finden immer mehr Läden für Designerwaren und trendige kleine Coffeeshops ihren Platz. Daneben haben jedoch die Mitglieder der alternativen und autonomen Szene, die immer noch fleißig unfeine Parolen gegen sogenannte Yuppies an Häuserwände sprühen, ein Stück Entfaltungsraum behalten. Zwar nicht in den einst besetzten Häusern, dafür aber zum Beispiel im soziokulturellen Projektzentrum RAW-Tempel in der Revaler Straße.

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Das Kiezpublikum wird auch geprägt von der bewegten Elektroszene, die sich über Jahre im Bezirk entwickelt hat. So schaffen Autonome und Szenegänger in friedlicher Koexistenz eine Mischung, die der Gegend einen ganz speziellen Charme verleiht. „Friedrichshain wird sein eigenes Gesicht bewahren“, prognostiziert Tim Kreutzfeldt, der seit mittlerweile acht Jahren seinen legendären Szene-Friseursalon Ponyclub in der Kopernikusstraße betreibt. Und Friseure wissen ja am besten, was läuft. Auf die Mieten hat sich der ganze Prozess anscheindend positiv ausgewirkt: Momentan sind sie relativ stabil, während sie in Mitte und Prenzlauer Berg mal wieder in die Höhe schnellen. Auch shoppen lässt es sich inzwischen bestens in Friedrichshain, zum Beispiel in der Wühlischstraße. Im Zartbitter gibt es flotte Streetwear für alle, während in der stylischen Aqua- Gefühlsanstalt höchst geschmackvolle Männermode angeboten wird. Das gleichnamige Pendant für Frauen ist in der Simplonstraße ansässig. Dort macht auch das minimalistisch gestylte Restaurant Schneeweiß dem Szene- Image des Bezirks alle Ehre.

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In den Wochenendnächten wälzen sich durch den Simon-Dach-Kiez beständig Massen von feierfreudigen Studenten und Touristen, die ansässige Kneipen abklappern. Die Freunde der elektronischen Clubkultur dagegen treffen sich lieber etwas abseits. Im Stereo 33 und im Sanatorium 23 lässt man sich mit feinen elektronischen Beats auf den Abend einstimmen, damit dann später im Berghain und der Panoramabar ordentlich ausgeflippt werden kann. Die Szene begnügt sich aber nicht nur mit Rumhängerei in rauchigen Technoclubs. Für den Kiezbesucher nicht immer offensichtlich, werden viele spannende subkulturelle Projekte betrieben. Dazu gehören neben kleinen Musikund Designerlabels auch mehr oder weniger legale Streetart und Galerien für moderne und urbane Kunst. Die Galerie Strychnin zum Beispiel zeigt schräge Malerei zwischen Comic, Trash und Tattoo-Kunst.

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Ist Friedrichshain nun ein angesagtes Szeneviertel? Jawohl. Aber anders. Wo sich hippe Clubber, kauzige Eckkneipenwirte, subkulturelle Straßenkünstler und ehemalige Hausbesetzer gegenseitig gute Nacht sagen, kommt man mit Definitionen nicht weit. Der Bezirk lässt sich eben nicht so einfach in eine Schublade stecken, wie gerne behauptet wird. Für jeden hat er seinen ganz eigenen Reiz. „Ich mag die Graffiti von den Streetartists“, sagt Oliver, ein Student aus der Sonntagstraße. „Die geben der Gegend so einen urbanen Schmuddel- Charme.“ Wer es lieber ordentlich mag, sollte sich den Samariter-Kiez ansehen. Der Wohnbezirk wird gerade grunderneuert, und nette Kneipen haben sich auch schon angesiedelt. Wer nun Lust bekommen hat auf einen Streifzug durch Friedrichshain, der findet auf der folgenden Seite die besten Adressen dafür. C.P.