Im Supermarkt nach den Bio- Eiern zu greifen und ab und an einen Fair-Trade-Kaffee aus Nicaragua fürs gute Gewissen zu genießen, reicht längst nicht mehr aus. Ob im Bereich Mode oder Architektur, in der Autobranche oder der Nahrungsmittelindustrie – in Berlin rüstet man vielerorts auf ökologisch korrekte und nachhaltig produzierte Produkte um. Ob es sich bei diesem sogenannten Lohas (Lifestyle of health and sustainability) nun um einen Trend handelt, der wie jeder andere kommt und geht, oder ob es sich dabei tatsächlich um eine längerfristige, gesellschaftlich akzeptierte Umstellung alter Gewohnheiten handelt, das bleibt zu diskutieren und abzuwarten. Michael Wimmer von der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin- Brandenburg (FÖL) e.V. meint: „Dass jetzt der Knoten geplatzt ist, hängt vor allem damit zusammen, dass Bio heute ein modernes Image hat und der Verbraucher sich darauf verlassen kann, dass Bio drin ist, wo Bio draufsteht.“ Das bestätigt Werner Schauerte, Geschäftsführer der Berliner LPGBiomärkte: „Öko ist ein Trend, wobei da auf jeden Fall noch Luft nach oben ist.“ LPG hat seinen Ursprung bereits 1994, mittlerweile eröffnete die vierte Filiale, zusammen halten sie mehr als 18 000 Bioprodukte bereit und Europas größter Biomarkt steht in der Kollwitzstraße und heißt LPG. Studentin Anna Cavazzini, die versucht, nachhaltig zu leben, sieht darin aber auch eine Gefahr: „Da Öko im Trend liegt, breiten sich auch die Angebote für Lohas- Menschen aus. Das reicht von Biorestaurants bis hin zur fast schon allgegenwärtigen Bionade in Kneipen und Cafés. Ich persönlich finde es sehr schade, dass die kleinen Bioläden von den großen Biosupermarktketten abgelöst werden. Erst kürzlich hat ,mein‘ Bioladen um die Ecke geschlossen. Damit fällt die ursprüngliche Öko-Idee von einer regionalen Herstellung und kurzen Produktionsketten der Vermarktung zum Opfer. Das sind halt die Vor- und Nachteile dieses Trends und der hohen Nachfrage.“ Während Biosupermärkte expandieren, satteln auch mehr und mehr Restaurants und Cafés auf Bioprodukte um. Im Biorestaurant Elysander, bei der ersten Bio-Fast-Food-Kette Gorilla oder im Biobistro Wilhelm & Medné, um nur einige zu nennen, speist der Ernährungsbewusste ausschließlich Frisches aus der Bioküche. Als Lohas-Anhänger möchte man sich nicht nur nachhaltig ernähren, sondern auch entsprechend kleiden. „Ökomode“ steht hoch im Kurs, wobei sich hinter diesem unglücklichen Begriff viel Hübscheres auftut, als es manch einer vielleicht vermutet.

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Ökologisch korrekte Mode kann heute jedenfalls weit aufregender sein als ihr Ruf. Das beweist beispielsweise die Berliner Modedesignerin Carolin Graening: „Ich habe mir zum Ziel gesetzt, in meinen Kollektionen Ökostrick modern, ungewohnt und weiblich zu interpretieren, also sexy Ökostrick zu entwerfen. Meine Kollektionen sind verantwortungsvoll und vollkommen transparent produziert.“ Diesen Trend hin zu Nachhaltigkeit, der gerade bei jungen Modemachern und Trendsettern sehr beliebt ist, prägt auch das Designerduo Slowmo mit ihrem Atelier in Friedrichshain. Melchior Moss, einer der beiden, erklärt: „Nachhaltigkeit und Gesundheit sind Grundsätze in unserem Alltag. Dass es immer mehr Menschen gibt, die diese Werte verfolgen, so dass man ihnen einen Namen gegeben hat, ist sehr erfreulich.“ Anita Tillmann, Geschäftsführerin der Premium-Fachmesse Berlin, möchte dabei allerdings nicht von einem Trend sprechen: „Öko ist für mich kein Trend, denn Trends kommen und gehen. Bewusst zu leben ist eine Einstellung – entweder man hat sie oder nicht. Wer diese Einstellung lebt, ist auch bereit, für seine Kleidung mehr Geld auszugeben, dafür aber ein klares Statement gegen Kinderarbeit oder Umweltverschmutzung zu setzen.“ Bei der Premium- Fachmesse vom 18. bis 20. Juli wird es bereits zum 3. Mal eine so genannte Green Area mit rund 50 nachhaltig produzierenden Labels geben. Zu den Berliner Green Labels gehören Hut up, Trippen, C’est tout und Sawadee Design. Letztere sind zwei Designer, die aus notwendig gefällten Stadtbäumen Möbel, Kunst und Wohnaccessoires im authentischen Berlin- Style kreieren. Recycling der ganz besonderen Art sozusagen. Christian Friedrich von Sawadee Design betont: „Unsere Möbel sind ein Stück Heimat und das Holz muss keine langen Transportwege zurücklegen wie das Tropenholz.“ Und dieses Stück Berlin sieht noch dazu wie ein echtes Designjuwel aus. Andreas Riege vom Ingenieurbüro Casa setzt ebenfalls auf das Lohas-Prinzip: „Natürliche Baustoffe sind nicht nur schön, sie sind auch schadstofffrei und unbelastet, so regulieren sie das Raumklima und fördern damit unser Wohlbefinden. In Verbindung mit moderner Technik garantiert das Bauen und Modernisieren mit natürlichen Produkten zudem eine deutliche Energie- und Kostenersparnis.“ Geld sparen und gleichzeitig ökologisch sinnvoll handeln, diesem Prinzip folgt auch das Berliner Stadtmobil mit seinen acht Carsharing- Stationen. Die Grundidee: Registrierte Benutzer teilen sich die bereitstehenden Autos. Geschäftsführer Harald Zielstorff erklärt: „Ein Carsharing-Fahrzeug ersetzt 4 bis 10 Privatwagen. Das ist ein spürbarer Effekt. Und da wir immer die umweltgerechtesten Fahrzeuge anschaffen, genießt Berlin durch Carsharing einen doppelten Umweltvorteil, und dies ist in der größten Stadt Deutschlands besonders wichtig.“
Tina Haderlein