Es gibt wohl keine andere Straße in Berlin, die solch einen durch Vielfalt und Widersprüchlichkeit bestimmten Charakter besitzt und die abrupten Brüche in der Geschichte der ehemals geteilten Stadt besser versinnbildlicht als die Brunnenstraße. Bis 1989 war sie durch die Mauer zweigeteilt. Im Westen gehörte sie zum Wedding, im Osten zu Mitte. Das ist zwar heute immer noch so, aber die Aufbruchstimmung strahlt von Mitte in den Weddinger Teil aus. Vor allem hat sich die Brunnenstraße jedoch zu einer der Adern Berlins entwickelt, die wohl weit über ihre Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Fast schon ist man geneigt zu behaupten, dass sie zum heimlichen Star unter den namhaften Straßen dieser Stadt avanciert ist. Während sich der Wedding-Teil erst langsam vom West- Berliner Muff der Vorwendezeit befreit und überwiegend von Videotheken, Supermärkten und der funktionalen 60er-Jahre-Architektur bestimmt wird, präsentiert sich die Brunnenstraße vom Rosenthaler Platz ausgehend als lebendiger, bunter Kiez. Hier reiht sich Galerie an Galerie; Bioläden wechseln sich mit skurrilen kleinen Wohnzimmerdiskotheken wie dem King- KongKlub oder dem verwinkelten ZMF ab. In kleinen Bars wie dem Kim oder der Stella Bar, spürt man den künstlerischen Geist, der in dieser Straße herrscht. Das Publikum ist eine illustre Mischung aus Bohemiens, Müßiggängern und Studenten. Nicht zuletzt diese Vielzahl an Inspirationen und Entfaltungsmöglichkeiten hat die ehemals heruntergekommene Rosenthaler Vorstadt mit der Brunnenstraße als Magistrale zum Magnet für internationale Künstler und Interessierte werden lassen. Behutsam wurde die Bausubstanz des Sanierungsgebietes modernisiert und eine funktionierende Infrastruktur geschaffen. In den unzähligen Ateliers und Showrooms wird gebastelt, kollagiert und ausgestellt, was das Zeug hält.

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Dieses kreative Biotop zieht Künstler, Galeristen und Modemacher aus aller Welt an. Und wenn man an den Schaufenstern vorbeischlendert und ein wenig den Passanten lauscht, springen einem sofort englische, französische, japanische oder spanische Wortfetzen ins Ohr. Es gibt wahrscheinlich keinen Ort in der Hauptstadt, an dem es kosmopolitischer zugeht. Hier treffen Studenten aus Barcelona auf Galeristen aus New York; Models aus Paris schlürfen ihren Soja-Latte-Macchiato gemeinsam mit schrulligen irischen Bauarbeitern, die sich ein wohlverdientes Feierabendbier genehmigen. Wenn man die Brunnenstraße weitergeht, den Grenzstreifen überquert und den Wedding betritt, ändert sich das Bild schlagartig: Auch hier ist Multikulti angesagt, doch es geht weitaus weniger hip zu. Der herbe Charme des Weddings spiegelt sich in Handyläden und Dönerbuden wider.

Doch langsam, aber sicher tut sich hier etwas: Bereits zum zweiten Mal veranstaltete das Wohnungsunternehmen Degewo im Frühjahr im Rahmen des „Wedding Dress – Festival of Urban Fashion and Arts“ den Wettbewerb „Create your own Wedding Space“. Erklärtes Ziel ist es, das Brunnenviertel zu beleben und von den Nachbarn Prenzlauer Berg und Mitte zu profitieren. Angesprochen waren „Kreative, Designer, Architekten, Modemacher, Künstler ebenso wie Projektinitiativen oder einfach Menschen mit einer guten Geschäftsidee“. Diese konnten ihr Konzept einreichen und die Sieger ziehen nun für ein Jahr in eine Parzelle im Gebäudekomplex nahe der U-Bahn-Haltestelle Bernauer Straße, um dort ein Ladenlokal, ein Atelier, eine Galerie oder einen Shop zu eröffnen. Am West-Ende der Brunnenstraße liegt der Volkspark Humboldthain. In unmittelbarer Nähe zun Gesundbrunnencenter finden hier bei gutem Wetter am Wochenende Open-Air-Partys statt, bei denen namhafte Electro-DJs auflegen. Man kann auf der Wiese aber auch wunderbar relaxen, grillen, ein oder besser gleich mehrere Bier trinken und die Sonne genießen. All das macht sich bemerkbar: Immer mehr modisch gekleidete junge Menschen mit starken Frisuren finden den Weg in den Wedding. Die Brunnenstraße ist der lebendige Beweis für kulturelle Vielfalt und das sukzessive Zusammenwachsen von Ost und West.