Zu Beginn des Jahrtausends reimte eine illustre Electro- Kombo namens „Berlin Mitte Boys“ etwas holperig auf die Melodie von Go West (Pet Shop Boys): „Berlin-Mitte-Boy, deine Party kennt kein Ende, du bist in Berlin-Mitte, Boy, Hackescher Markt statt Broadway!“ Mitglieder waren unter anderem die Märtini Brös und Jürgen Laarmann. Mit ihrem ironischarroganten Lied und dem dazugehörigen Video drückten sie das Lebensgefühl eines ganz besonderen Kiezes aus: Es war die Zeit der Internet-Start-ups und der verschworenen Gemeinschaft aus Menschen, die in die richtigen Clubs, auf die besten Vernissagen (die mit dem meisten Gratissekt) und im einst legendären Mitte- Restaurant Cibo Matto um 13 Uhr frühstücken gingen. Das waren essenzielle Bestandteile der Mitte-Identität. Der Rest der Stadt schimpfte derweil über die selbstverliebten Hedonisten und ein Feindbild war geboren: der Mitte- Bewohner.

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Das ist nun über zehn Jahre her und noch immer ist Mitte der Stadtteil, über den am meisten, am liebsten und am leidenschaftlichsten gelästert wird. Jeder Erstsemester-Student, der gerade aus Freiburg, Stuttgart oder München nach Kreuzberg, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg gezogen ist, lernt: Mitte ist böse! Bereits nach zwei Monaten und gefühlten zehn Jahren Aufenthalt weiß der Neu-Berliner Schlimmes zu berichten: Dort, in der Mitte der Hauptstadt, wohnt es nämlich, das personifizierte Böse: die Yuppies, die Agenturtussis, die Bussi-Bussi-Szene, die Vernissagenbesucher, die Auf-den-Gästelisten-Steher und die Aufgestylten. Eines ist klar: In Mitte macht man sich Gedanken über sein Äußeres und schlüpft nicht einfach in die bewährte Uniform des alternativen Studenten (Secondhand-Trainingsanzugsjacke und H&M-Jeans), wie das sonst so üblich ist. Denn gerade die Achsen Alte/Neue Schönhauser Straße und Münzstraße, sind geprägt von vielen gut gekleideten jungen Menschen aus aller Welt. Kein Wunder, denn wohl in keiner Metropole kann sich der Mode-Avantgardist und stilbewusste Kosmopolit besser einkleiden als in den kleinen Straßenzügen zwischen Hackeschem Markt und Prenzlauer Berg.

Ende der 90er Jahre waren es die jungen Designer, die in der Spandauer Vorstadt den typischen Berliner Style repräsentierten: In kleinen Ateliers fertigten sie ausgefallene Einzelstücke an und ebneten den Weg für Ketten wie Acne, Diesel oder American Apparel, aber auch kleine Style-Kaufhäuser wie das Apartment oder der WoodWood-Store sind zu wichtigen Bestandteilen der Mitte-Modeszene geworden. Am Abend, wenn die Läden schließen, verändert sich das Bild: Während sich die Hipster die Straßen tagsüber noch mit den Touri-Horden teilen müssen, nehmen sie in den Abendstunden die Restaurants, Bars und Plätze in Beschlag. Beim Mädchenitaliener bekommt man nur mit viel Glück einen Platz ohne Reservierung. Da stehen die Massen vor Monsieur Vuongs Tür, um sich an einen der engen Tische zu quetschen und das längst nicht mehr herausragende Essen runterzuschlingen. Oder man trinkt ein After-Work-Bier in der Pony Bar, vor der an manchen Abenden gut und gerne an die 100 „Mittis“ ihr kühles Astra schlürfen.

Mehr oder weniger regelmäßig laden die Galerien zu Vernissagen und zum kostenlosen Trinken ein. Vor allem während der Fashion Week ziehen die Eingeweihten von Shop zu Shop und versorgen sich gegenseitig mit den Informationen, wo es denn nun die besten Goodies gibt und ob der Sekt auch noch zwei Stunden nach Beginn in Strömen fließt, wie es die Einladungskarte verspricht, oder ob man zum Tanzen ins Weekend weiterziehen sollte. Trotz Sanierungen und Gentrifizierung hat sich also das Mitte-Gefühl nicht groß verändert, was ja auch das nicht verstummende Geschnatter der Nicht-Mittis beweist. Sie würden halt heimlich doch gerne dazugehören.