Bereits an den Imbissbuden Ecke Skalitzer Straße werden die ersten Flaschen Bier geköpft und die ersten Flirts beginnen. Die Nacht ist jung und auf den nächsten 800 Metern liegen noch etliche Bars, Clubs und Restaurants. Die Auswahl ist groß. Sie reicht vom chilligen Abhängen im Club der Visionäre bis zum lauten Rockkonzert im Lido. Mit dem Barbie Deinhoff’s wird die schrille Queer Community bedient. In fast allen Bars und Restaurants gehört am Wochenende mindestens ein DJ zum Programm. Und: In lauen Sommernächten wie dieser ist das Barhopping bereits auf der Straße ein quirliges Open-Air-Happening. Neue Kontake sind da schnell geknüpft. Wenn’s passt, zieht man eben gerne gemeinsam weiter. Das Phänomen „Schlesi“, wie viele das Nightlife-Areal nennen, hat seine Erwähnung mittlerweile auch in einschlägigen Reiseführern gefunden. Dementsprechend international ist das Publikum. „Wir haben auf einer Stadtrundfahrt von diesem Ort erfahren“, erzählt uns Maria, 25, Studentin aus Spanien, die hier mit zwei Kommilitonen auf der Suche nach dem wahren Berlin unterwegs ist. Sie stehen vor der Fetten Ecke, einer urigen Kneipe mit Elektro-DJ, und schwärmen. Die Menschen, die Musik, die Atmosphäre: aufregend sei das alles. Aufregend finden das auch viele Berliner.

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Einige aber auch im negativen Sinn. Jacqueline, 28, ist sauer: „Viel zu viele Touristen. Die machen uns den Kiez kaputt!“ Wie jetzt? Vor ein paar Jahren wollte hier niemand tot überm Zaun hängen, dann war der Szene-Kiez Everybody’s Darling und jetzt soll das irgendwie schon alles wieder viel zu viel sein? David, 31, Tourist aus Manchester, interessiert das wenig. Er ist hier, weil „es was zu trinken gibt und viele Leute unterwegs sind“. Einige sehen darin schon den Abgesang, eine zweite Oranienburger Straße mit zweifelhaften Pubcrawls und dergleichen. Inrim, der israelische Barkeeper aus der Barbie Deinhoff’s Bar relativiert: „Vor einem halben Jahr schien die Stimmung noch zu kippen. Da seien die Locals eher unter der Woche in den Bars aufgeschlagen.“ Jetzt sei es aber wieder besser geworden. Klar, ein Geheimtipp ist die Gegend längst nicht mehr. Doch das geballte Szene-Spektrum auf so kleinem Raum ist einfach zu gut und zu vielfältig, als dass der Berliner sich einfach so abwenden könnte. Die ausländischen Berlin-Besucher bereichern die Szenerie. Blieben sie weg, gäbe es womöglich auch wieder etwas zu meckern.

Und: Anders als in der Oranienburger Straße haben die Bars, Clubs und Restaurants ihren typischen alternativen, bisweilen auch künstlerischen Kreuzberger Charme behalten: Das Café Wendel sieht sich zum Beispiel als Clubcafé für gegenwärtige Musik und Grafik, und im Mysliwska sollen schon Die Ärzte abgestürzt sein. Gleich nebenan hat gerade eine neue Restaurant-Bar aufgemacht. Transit hat der junge Portugiese sein Lokal genannt. Es gibt Chili con Carne, Empanadas und House-Musik. Die Gäste drängeln sich bis vor die Tür. Draußen steht auch Marc aus Prenzlauer Berg. Er sagt: „Wenn man unaufgeregt ausgehen will und auf hysterische Teenager verzichten kann, ist die Schlesi genau richtig.“ Dann muss er gehen. Er will seiner Neuen noch seinen Lieblingsplatz zeigen. Ein stilles Plätzchen am nördlichen Ende der Cuvrystraße mit fantastischem Blick auf die Spree und die beleuchtete Oberbaumbrücke. Für uns geht die Party weiter. Im Club 103 und im Watergate. Geschätzte einhundert Wartende stehen in den beiden Schlangen. Einige haben im San Remo nebenan oder irgendwo auf der Schlesi bereits „vorgeglüht“. Alle Unkenrufe über einen Ausverkauf des Viertels scheinen unbegründet. Vermutlich ein Sturm im Wasserglas. Wir hatten jedenfalls Spaß und kommen sicher wieder.