In Friedrichshain tummeln sich die Wunschkinder der Alt-68er, in Mitte haben es sich schwäbelnde Webdesigner gemütlich gemacht, in Prenzlauer Berg besetzen ökologisch korrekte Kleinfamilien im Dauerstudentenstatus die Kaffeehäuser und in Neukölln regiert die türkische Tradition. Berlin hat viele Seiten und bietet jeder Spezies Mensch ein adäquates Plätzchen. Doch es gibt auch einen Ort, der Berlins soziokulturelle Vielfalt friedlich vereint: der Bergmannkiez. Dreh- und Angelpunkt dieses fast schon mediterranen Viertels ist die Bergmannstraße, die sich quer durchs eher beschauliche Kreuzberg 61 erstreckt. Ein lauschiges Café reiht sich hier an das nächste, was diesen Kiez zu einer der Top-Frühstücksadressen in Berlin macht. Zum intimen Snack unter Einheimischen eignet sich besonders gut das Italo-Café Molinari, nur unweit vom Bergmannstraßen-Trubel in einer kleinen Seitenstraße gelegen. Hier sorgt ein lecker belegtes Riesen-Focaccia und der superfreundliche Service für einen gelungenen Start in den Tag.

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Für Freunde des gepflegten People-Watching empfiehlt sich das direkt an der Bergmannstraße liegende Bagel-Paradies Barcomi’s, von dem aus man beim Latteschlürfen freien Blick aufs vorbeischlendernde Flaniervolk hat. Opulente Frühstücker hingegen kommen nicht an einem Besuch des erst kürzlich eröffneten Tomasa vorbei. Traumschön in einer kleinen Villa am Fuße des Viktoriaparks gelegen, kann man nach einem Monster-Mahl jeder Geschmacksrichtung direkt danach zur Verdauung durch den idyllischen Viktoriapark schlendern, Berlins einzigem Park mit eigenem Wasserfall, im Sommer auch immer gut geeignet zum spontanen Sonnenbad auf den Wiesen oder für einen Abstecher in den Biergarten Golgatha, in dem Samstagabend sogar das Tanzbein geschwungen werden darf. Doch auch wer statt Bein lieber die Kreditkarte schwingen möchte, wird im Bergmannkiez fündig. Klassiker wie der Streetwear-Dealer Faster Pussycat am Mehringdamm oder das etwas mädchenhafte Bergmann mit einer guten Auswahl an angesagten Labels verführen zu unkontrollierten Kartenbelastungen.

Passionierte Kleidchenträgerinnen sollten unbedingt bei For Kings and Queens in der Zossener Straße reinschauen. Für Individualistinnen lohnt sich ein Besuch in Milena Geburzis Modeatelier am ruhigen Ende der Bergmannstraße, in dem die elfenhafte Designerin zarte Kleider wie aus Märchenfilmen verkauft.

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Doch nicht nur wer sich modisch verhüllen möchte, kommt im Bergmannkiez auf seine Kosten. Die erst unlängst auf Hochglanz polierte Markthalle mit ihren zahlreichen Feinkost-, Bio- und Edel-Fastfood-Ständen lässt jedem echten Feinschmecker das Wasser im Munde zusammenlaufen. Knoblauchfetischisten kommen auch am orientalischen Feinkost-Mekka Knofi nicht vorbei, das sich auf leckere Pasten spezialisiert hat. Um akuten Ermüdungserscheinungen während des Shoppingmarathons entgegenzuwirken, bietet sich ein Espresso-Päuschen in der Bar Italia an, einem schlicht-schönen Coffeeshop. Oder in der Feinkost-Bar Il Ghiottone, in der es zudem täglich einen extrem leckeren Mittagstisch fürs kleine Portemonaie gibt. Abends diniert es sich besonders edel unterm Kristallleuchter im neuen Biorestaurant Diwan, das sich der gehobenen kreativen Biokost verschrieben hat.

Traditionellere Gaumen sollten den bezaubernden kleinen Retro-Italiener Zagato ausprobieren, in dem noch original wie bei Mama gekocht wird. Der Absacker darf danach in der Drama Bar eingenommen werden, einer veritablen Bastion pinkfarbenen Kitsches mit großer Cocktailkarte. Und weil man nach dem dritten Caipi ja erfahrungsgemäß erst richtig Bock auf Feiern hat, bleibt als finaler Abschluss nur noch der Besuch im schwul-lesbischen Club SchwuZ, wo auf drei Floors zu allen Musikstilen wild getanzt wird und auch der ansonst bereits überall vertriebene Raucher in der clubeigenen XXL-Raucher-Lounge ein herzliches Willkommen erfährt.

Katja Krug