Es gibt Straßen, die sind in aller Munde, weil sich dort hippe Läden aneinanderreihen, wie in der Alten und Neuen Schönhauser Straße. Weil sich dort die Massen betrinken, wie in der Simon-Dach-Straße, oder weil sie auf eine lange Tradition als Prachtstraße zurückschauen können. All diese Straßen tauchen regelmäßig in Artikeln, Gesprächen und in Büchern über Berlin auf. Man kann sich jedoch sicher sein, dass ein Name tendenziell nicht fällt – die Torstraße. Nicht mal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat sie. Eher wird sie völlig zu Unrecht auf ihre Funktion als zweispurige Verbindungsstraße reduziert. Doch die Besonderheit und der Zauber, den diese zugegebenermaßen nicht sonderlich schöne Straße ausstrahlt, ergibt sich erst bei genauerem Hinschauen. Die Torstraße ist definitiv eine der spektakulärsten und vielfältigsten Straßen der Stadt und bietet eine Fülle unterschiedlicher Kneipen, Galerien, Bars und Cafés. Und im Gegensatz zu den sterilen Shopping-Gebieten südlich der Torstraße, in denen der kreative Charme des Aufbruchs längst unter den sanierten Fassaden verschwunden ist, gewinnt man in der Torstraße einen Eindruck, welch magischer Ort Ost-Berlin nach der Wende einmal war.

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Auch wenn das Baiz erst vor fünf Jahren eröffnet hat, erinnert die gemütliche linke Kneipe mit rot-schwarzem Anarcho-Stern im Logo an die frühen 90er Jahre, als es sowohl in Prenzlauer Berg als auch in Mitte heiß her ging und neben den besetzten Häusern die kreative Szene zu wachsen begann. Hinterhof-Galerien und Ateliers ebneten damals den Weg für all jene Kunstprojekte und Galerien, die heute in der Torstraße anzutreffen sind. Bereits seit zehn Jahren existiert hier das Marketingprojekt Möbel Horzon, dereinst angetreten, um mit genau einem Regalmodell „längerfristig Hauptkonkurrenten wie Ikea, Flötotto und Rolf Benz vom Markt zu verdrängen“. Trotz des ironischen Charakters verkauft sich ebendieses eine Modell inzwischen hervorragend. Und so ist Möbel Horzon durchaus als sinnbildlich zu verstehen für den Charakter einer Straße, die zwischen der kommerziellen Verwertung von Kunst und Kultur und alternativen Offprojekten wie dem Theaterkollektiv Gob Squad oszilliert.
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Das ist das Umfeld, in dem sich eine gehobenere Gastronomie etabliert hat, wie etwa die Trattoria Grotta Azzurra oder das Bandol sur Mer, ein kleines französisches Restaurant, in dem kürzlich erst Brad Pitt und Angelina Pitt beim Essen gesichtet wurden. Klar, dass solch eine Umgebung zwischen Szene, Galerien und Nachtleben für Wohnobjekte wie die „Torstraße 140“ attraktiv ist. Auf dem Dach dieses Luxus-Apartment-Hauses können Bewohner wie Regisseur Wim Wenders im Whirlpool planschen und den Himmel über Berlin beglotzen. Noch ist ein gesundes Gleichgewicht vorhanden. Die klassische Berliner Eckkneipe wie das Pik Ass hat genauso ihren Platz wie die skurrile Musikerklause Bresch, deren Betreiber ein riesengroßer Beatles-Fan ist. Einige Meter weiter sitzen die jungen Kreativen bei Latte und Ciabatta mit ihren Laptops den ganzen Tag lang im Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz – zum Surfen durch die Weiten des Internets. Die hervorragend sortierte Filmgalerie 451 spendet an tristen Herbsttagen Trost in Form von seltenen Klassikern der Filmgeschichte.

Es bleibt zu hoffen, dass das Gleichgewicht in Zukunft erhalten bleibt. Denn wenn weitere Investoren den attraktiven Standort Torstraße entdecken, könnte in naher Zukunft auch diese Gegend kaputtsaniert werden. Das alternative Kunstprojekt Fleischerei ist bereits nach Kreuzberg gezogen, und auch der Club der polnischen Versager, in dem sich allabendlich Künstler und Studenten trafen, um Filme zu schauen, zu diskutieren oder auch nur ein Bier zu trinken, musste seine Räume in der Nähe des legendären Kaffee Burger bereits verlassen.
Jonas Gempp