PRINZ: Wie kamst du auf die Idee, ein Buch über Techno, Clubs und Berlin zu schreiben?
Tobias: Ich habe es geschrieben, weil mir drei Sachen aufgefallen sind: Zum einen der Easyjet-Raver als neues soziales Subjekt. Dann die Tatsache, dass die Clubs am Spreeufer wieder aufeinandergerückt sind, so eine Clubmeile gab es in Berlin seit den frühen Neunzigern nicht mehr. Ein weiterer Punkt war die veränderte Afterhourkultur. All das kam zusammen, als ich einen Text über Ricardo Villalobos für die „Spex“ schrieb. Und ich dachte mir, dass das noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

PRINZ: Du hast Ricardo Villalobos ein eigenes Kapitel gewidmet, weil der „mit seinen epischen Sets, seiner radikalen Musik und seinem Willen zum Exzess die Berliner Szene geprägt hat“. Es gibt so viele gute Berliner DJs und Produzenten, warum ausgerechnet er?
Tobias: Zum einen ist Ricardo Villalobos der einzige wirklich DJ-Star, den Berlin in den Nullerjahren hervorgebracht hat. Zum anderen hat er eine ganz besondere Gabe: Er kann mit dem Publikum kommunizieren, ohne dabei populistisch zu werden. Jemand wie Sven Väth kann das auch, aber bei Ricardo ist das total subtil. Ein prägendes Erlebnis hatte ich mal, als er im Berghain sein Stück „Fizheuer Zieheuer“ gespielt hat: Im Grunde ja nichts als ein ewiger Hornloop, der immer neu gedreht und gewendet wird. Man denkt sich: „Was ist das denn jetzt?“, dann öffnet sich der Track und die Sonne geht auf. Das war sehr toll.

PRINZ: Du lebst seit 1990 in Berlin.Was sind die Unterschiede zwischen damals und heute?
Tobias: Anfang der neunziger Jahre waren die Clubs unprofessionell, vom E-Werk und vom Tresor einmal abgesehen. Heute sind sie fast alle sehr gut geführt. Zum ersten Mal seit ich hier lebe, sind die Soundanlagen gut. Die Wichtigkeit von Geheimwissen hat abgenommen, man muss die Clubs nicht mehr suchen. Das ambulante und konspirative Nachtleben der Neunziger ist verschwunden. Die ersten Jahre nach dem Mauerfall war der Ostteil ein Abenteuerspielplatz für westdeutsche Bürgerkinder und ein paar Engländer und Amerikaner. Das ist heute komplett anders. Es ist zwar immer noch eine Bürgerkinderveranstaltung, aber es ist eine europäische Bürgerkinderveranstaltung. Der dritte Unterschied ist die geographische Lage: Nach dem Mauerfall begann die Selbstentdeckung der Berliner in die Stadt hinein, insbesondere in den Teil der Stadt, der historisch codiert war. Viele Clubs waren in der Spandauer Vorstadt oder rund um die Leipziger Straße. Das Spreeufer, das ja eigentlich toll ist, hat damals keinen interessiert. Das war eine Brache und für die Berliner Selbstbeschreibung völlig uninteressant.

PRINZ: Lass uns noch mal auf die Professionalisierung kommen: Viele Clubs und Labels sind inzwischen mittelständische Unternehmen, dennoch wird die Techno- und Clubszene noch immer mit Bumbumbum, Drogenkonsum und jugendlicher Ausprobiererei gleichgesetzt. Woran liegt das?
Tobias: Das hat einen einfachen Grund: Man kann Techno nur schwer erzählen. Rock hat die Rebellengeschichte, HipHop handelt vom heterosexuellen Mann aus der Unterschicht, der Sichtbarkeit einfordert. Selbst Gothic oder Metal lassen sich einfacher erzählen: Die Welt ist gemein, also muss die Musik auch gemein sein. Bei Techno gibt es die Bilder von der Love Parade und das Vorurteil, dass Leute Drogen schlucken und nächtelang tanzen. Was ja nicht falsch ist. Aber auf die Dauer etwas eintönig. Ich versuche, das etwas anders zu erzählen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie die Clubs in Berlin gegen das „Clubsterben“ ankämpfen und warum man selbst als Clubgänger mit Würde älter werden kann.

PRINZ: In Berlin machen immer mehr Clubs auf: Das Dice und der Vault Club öffnen bald und unterscheiden sich mit ihren Konzepten kaum von den anderen Läden. Wer soll die Clubs füllen?
Tobias: Es gibt wirklich unglaublich viele Clubs und ich habe mich bereits letztes Jahr mit DJs und Betreibern unterhalten, die sich gewundert haben, wo die Leute alle herkommen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass nicht alle Neueröffnungen das Jahr 2009 überleben werden.

PRINZ: Wie siehst du die Zukunft der Berliner Club- und Technoszene? Es gibt Partyveranstalter und Clubbetreiber, die sich beklagen, dass ihnen von Amts wegen sehr viele Steine in den Weg gelegt werden.
Tobias: Es gab in den späten Neunzigern dieses Stichwort vom „Clubsterben“. Damals mussten einige Läden in Mitte zumachen und viele Leute dachten: „Jetzt sind die schönen Jahre vorbei.“ Dann ging es aber erst richtig los. Klar: Es gibt immer Leute in irgendwelchen Behörden, die sich querstellen, und natürlich könnte alles besser sein. Aber im Vergleich zu New York, London, Paris oder zu deutschen Städten wie Frankfurt, Köln oder Hamburg geht es in Berlin sehr liberal zu.

PRINZ: Diese Städte sind in ihrer Entwicklung aber auch schon viel weiter als Berlin.
Tobias: Natürlich, wobei es keine logische Entwicklung gibt, die alle Städte in die gleiche Richtung treibt. Dass Berlin ein so lebendiges Nachtleben hat, ist zunächst mal dem historischen Zufall geschuldet – wenn die Freiflächen nicht da wären, wäre die Politik eine andere. Die Stadt hat kaum Industrie und ist auch kein Finanzzentrum. Es gibt eigentlich nur die Regierung, Kunst und Techno. Das, was Gentrifizierung genannt wird, findet statt, aber ich wüsste jetzt nicht, woher ein paar tausend reiche Leute herkommen sollten, um Mitte in ein zweites Soho zu verwandeln. Für die gibt es hier schlicht keine Jobs. Berlin ist eine Stadt, die in bestimmten Bereichen – vor allem in bildender Kunst und in elektronischer Musik – wahnsinnig kosmopolitisch, weltstädtisch und toll ist, in anderen Bereichen aber einfach nur Cottbus.

PRINZ: Was ist in 20 Jahren? Dann bist du 57, Ricardo Villalobos 59.Stehst du dann tanzend vorm DJPult oder hält dann die saturierte Liebhaberei Einzug, die mit einem guten Glas Rotwein im Sessel den neuesten Track runterspült?
Tobias: (Lacht) Wenn ich ehrlich bin, habe ich da schon jetzt eine Tendenz zu entwickelt. Aber die Berliner Techno-Kultur ist stärker als in anderen Städten durch die schwule Subkultur geprägt, die auch im Alter noch viel ausgeht. Das macht es einfacher, im Club mit Würde älter zu werden. Ich gehe viel weniger mit meinen Heterofreunden als mit meinen schwulen Freunden aus. Das kann durchaus noch zehn bis fünfzehn Jahre weitergehen. Ich setze mir da kein Alterslimit. Ich hoffe, dass ich mit 50 noch in einem Laden stehen kann, ohne dass es peinlich ist.

Interview: Jonas Gempp