Meine Mutter schickte mich als Teenager zur Berufsberatung, und als ich denen sagte, ich will Cutterin beim Film werden, boten die mir eine Ausbildung zur Krankenschwester an!“ Ellen Allien sitzt in der Oderquelle, isst ihre Maultaschen – „die besten der Stadt“ – und kann sich köstlich über solche Anekdoten amüsieren. Schließlich kam alles ganz anders. Als 1989 die Mauer fiel, schienen die Möglichkeiten in Berlin unbegrenzt. Die heutige Vorzeige-DJane kehrte gerade von ihrem Schüleraustausch aus England zurück und war überwältigt. „Ich wohnte anfänglich in einem besetzten Haus, halb legal, und musste keine Miete zahlen.“ Sie begann eine Akrobatikausbildung, und um diese zu finanzieren, jobbte sie im Fischlabor, das Anfang der Neunziger die ersten Techno-Events veranstaltete.

„Ich begann als Türsteherin, wurde Tresenkraft und landete bald hinterm DJ-Pult, obwohl ich davon keine Ahnung hatte, aber als Kind bekam ich immer Vinyls aus Jukeboxen geschenkt und hatte genug Platten, die ich mixen konnte.“ Was sich in der männerdominierten Partybranche schnell herumsprach: „Plötzlich sollte ich im Tresor und im E-Werk auflegen. Ganz ehrlich, so richtig geheuer war mir das anfänglich nicht, ich wollte am liebsten im Fischlabor bleiben.“ Ein typischer Charakterzug Ellen Alliens: Sie macht am liebsten das, worauf sie gerade Lust hat – ohne Rücksicht auf die Karriere. Selbst ihre Radiosendung Braincandy sowie die Gründung ihres weltweit bekannten Labels BPitch Control sollten nie dazu dienen, möglichst viel Geld zu verdienen. „Natürlich bin ich stolz auf diese Dinge, freue mich aber mehr, dass ich seit zwei Dekaden die Leute unterhalten darf.“

„Einige Leute haben ein Problem damit, dass in Berlin so viele Touristen im Nachtleben unterwegs sind. Ich finde es super! Durch meine DJ-Sets im Ausland habe ich erkannt, wie undergroundig es hier immer noch ist: Clubs, die von Freitag bis Sonntag durchgehend geöffnet haben, gibt es in dieser Form nirgendwo!“ Auf die Frage, wie sie die Zukunft sieht, antwortet sie: „Ich weiß, worauf die Frage hinausläuft“, und grinst. „Eine Familie gründen, dass kann ich mir durchaus vorstellen. Dann wird das Auflegen halt zurückgefahren und ich widme mich Projekten, für die ich momentan keine Zeit habe. Kunst oder so.“ Ellen Allien hat sich immer durchgesetzt, sie liebt Berlin, ihre helle Altbauwohnung im Bezirk Prenzlauer Berg und kann selbst über den Fahrradsturz am Morgen lachen. „Ich bin in die Tram-Schienen gerutscht. Ist mir vorher noch nie passiert, aber im Osten Berlins gibt es einfach so wahnsinnig viele davon und es tat höllisch weh!“ Trotzdem stand sie auf und fuhr weiter.

Unser Autor Marcus Willfroth ist ein guter Kenner der Berliner Musikszene und bewundert erfolgreiche Frauen. Mit Ellen Allien war er Mittagessen in der: Oderquelle, Oderberger Str. 27, Prenzlauer Berg, tgl. 18-1 Uhr, oderquelle.de