Das Dilemma kennt jeder, der freischaffend arbeitet: Zu Hause saugt man eher Staub oder guckt fern als sich an der Schreibtisch zu setzen, um dringende Aufgaben zu erledigen. Bald wird die Wohnung zum manifestierten schlechten Gewissen. Man will fliehen und unter Leute. Letzte Zuflucht: Cafés mit WLAN-Hotspot. Oder ein Gemeinschaftsbüro. Doch wer sich nicht lange räumlich binden will, für den sind sogenannte Co-Working-Spaces wie das neue Betahaus in Kreuzberg eine Alternative.

In einer ehemaligen Druckerei in der Kreuzberger Prinzessinnenstraße haben Christoph Fahle und fünf Freunde auf 1000 Quadratmetern 130 Arbeitsplätze eingerichtet, die seit einigen Monaten von inzwischen fast 100 „Usern“ genutzt werden. Sie profitieren nicht nur von der Ausstattung mit WLAN, Drucker, Scanner und Besprechungsräumen, sondern auch von einem bunten Netzwerk. „Es geht bei Computerproblemen los und reicht bis zur Umsetzung gemeinsamer Projekte“, sagt Christoph Fahle. Kürzlich hat zum Beispiel ein Sneaker-Magazin, das im Betahaus entsteht, von den guten Kontakten eines Tischnachbarn zur Sportbranche profitiert und jetzt einen neuen Anzeigenkunden gewonnen. Zu den Mietern gehören außerdem Vereine wie die Politikfabrik, ein Restaurant in der Gründungsphase, Grafiker und Journalisten. Einmal im Monat trifft man sich beim „Betabier“.

Für 79 Euro darf man zwanzig Tage im Monat während der Öffnungszeiten das WLAN und die konzentrierte Arbeitsatmosphäre nutzen, für 229 Euro erwirbt man das „Deluxe-Paket“ mit festem Schreibtisch und eigenem Schlüssel. Das Café im Erdgeschoss ist Arbeitsplatz und Treffpunkt zugleich und kann auch von Nichtmietern besucht werden. Zum DMY gab’s eine große Party und Ausstellung, im August oder September ist ein Spätsommerfest mit Kreativ-Rallye geplant. Christoph Fahle und seinen Mitstreitern schwirren tausend Ideen durch den Kopf, vom Steuerberater über Kinderbetreuung bis hin zu einer webbasierten internen Vernetzung der „User“. Und es sollen weitere Betahäuser entstehen: in Lissabon, Stockholm und Zürich.
Judith Jenner