Eine Nacht im Dezember 1989 im Scheunenviertel rund um die Hackeschen Höfe. Es ist bitterkalt und stinkt nach Kohleöfen. Die Häuserfassaden sehen aus, als wäre eben erst der letzte Schuss des II. Weltkriegs gefallen. Durch die Straßen ziehen aufgekratzte Gruppen junger Leute, teilweise ausgerüstet mit Bauarbeiterhelmen, Taschenlampen und Brecheisen. Sie suchen nach zugenagelten Häusern, wollen „einsteigen“ und sehen, ob es noch Strom und Wasser gibt. Sie sind aus West- und Ostberlin, Italien, Spanien oder den USA. Ganz Berlin ist in diesen Wochen im Ausnahmezustand. Es herrscht nahezu rechtsfreier Raum und das Gefühl grenzenloser Freiheit. Doch der größte Abenteuerspielplatz ist hier, in der Mitte Berlins. Kellerclubs erblühen für eine Nacht und ziehen weiter. Einiges bleibt für die nächsten Jahre.

Skurrile Kaschemmen und Clubs wie die Fensterbar (die man, wie der Name schon erahnen lässt, nur durch ein Fenster betreten kann) oder der Eimer (in dem es genau eine, nicht gerade blickgeschützte, Toilette für alle Besucher direkt neben der Tanzfläche gibt). Mitte ist die Keimzelle eines ganz bestimmten Lebensgefühls, alles ging, man musste nur machen. Das heutige Kulturkaufhaus Tacheles ist noch eine baufällige Ruine, aber mit viel Einsatz wird das Gebäude nutzbar gemacht, Ateliers und Wohnraum eingerichtet. Die alternative Szene hat Teile Mittes okkupiert; für Stadtsoziologe wie den Berliner Professor Hartmut Häusermann stellt dieser Zuzug von Alternativen im Rückblick den Anfangspunkt des Gentrifizierungsprozesses dar. Auch die Modeschöpferin Claudia Skoda zieht Anfang der Neunziger nach Berlin-Mitte: „Herausforderungen gab es in Mitte und etablierte Langweile im Westen. 1992 bin ich von Kreuzberg nach Mitte gezogen um dort zu leben und zu arbeiten. Der Umzug war für mich als würde man in eine andere Stadt ziehen.

Im Jahr 1994 hat sich in der Brunnenstraße mit Kitty-Yo, das Berlin-Label überhaupt, eher zufällig gegründet: Patrick Wagner ist mit seiner Band Surrogat auf der erfolglosen Suche nach einer Plattenfirma, die ihren schrägen Noise-Rock veröffentlichen will. Also tut er sich mit Raik Hölzel zusammen und gründet das Label Kitty Yo, das in den folgenden Jahren Musikgeschichte schreibt und Künstler wie Louie Austin, Peaches, Gonzales oder das Jeans Team groß rausbringt. „Alles, was im Berlin der frühen Neunziger aufregend war, entstand immer unmittelbar. Und in Mitte. Sei es unser eigener Club „Ständige Vertretung“, der „Tresor“, der „Friseur“ oder die zahllosen leerstehenden Läden, die zum Teil als höchst bizarre Kunst- oder Partyräume besetzt und genutzt wurden. Ausgehen ging damals anders als heute, aber auch 24/7.“, erinnert sich Raik Hölzel. Ende der 90er avanciert die Galerie Berlin/Tokyo zum kreativen Wohnzimmer Mittes.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sich Berlin seit Ende der Achtziger verändert hat und welcher Stadtteil zum Alptraum braver, deutscher Spießbürger wurde.Doch die Pionierzeit währt nicht lange. Mit dem Internetboom, dem Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin 1999, der Sanierungswelle und dem ersten Flagship-Store steigen die Mieten. Heute ist das Scheunenviertel das „Dorf der Kreativen“, Agenturmenschen, Film- und Fernsehschaffende, Schauspieler und Architekten bestimmen die Szenerie. Alles ist saniert, restauriert oder mit viel Glas neu gebaut. Der legendäre Ruf des Viertels ist ungebrochen und zieht Massen von Touristen an. Einen Hauch davon, wie es vor zwanzig Jahren war, kann man nur noch im Tacheles oder im Haus Schwarzenberg spüren.
Eine eher gegenteilige Entwicklung vollzieht die Gegend um den Ku´damm und Zoo. Die Geschichte als Prachtboulevard mit einem glamourösen und verruchten Nachtleben reicht zurück bis in die goldenen 20er Jahre (Damals dichtete der russische Literat Andrej Belyj begeistert: „Nacht! Tauentzien! Kokain! Das ist Berlin!“).

Ende der Achtziger herrscht Endzeitstimmung und Inselkoller in der ummauerten Stadt. Gepflegte Langeweile ist die angesagte Attitüde. DAF und Ideal liefern den Soundtrack dazu und feiern im grellen Schein der Neonlichter im Dschungel mit anderen Promis wie Falco und Wolfgang Joop, Türsteher war der junge Benno Fürmann, Boris Becker wird gar nicht erst reingelassen. Mit dem Mauerfall ist es schlagartig vorbei mit der Coolness. Die Euphorie des Umbruchs zieht alle Neugierigen in den Osten der Stadt. Die zentrale Amüsiermeile Westberlins mit ihren vielen Kinos (die es heute nicht mehr gibt) und legendären Diskotheken wie dem Big Eden oder Far out versinkt in Bedeutungslosigkeit. Trotz einiger Neubauten wie dem Swissôtel oder dem Neuen Kranzlereck hat die City-West viel von ihrer Strahlkraft eingebüßt.

Der Bahnhof Zoo wird nicht mehr vom Fernverkehr angefahren und der Ku’damm ist kaum von den Innenstädten anderer deutscher Großstädte zu unterscheiden. Große Ketten und Ramschläden wechseln sich ab. Geblieben ist dem Ku´damm seine Bedeutung als eines der wichtigsten Touristenziele und Einkaufsmeilen der Stadt. Auch wenn jedes Jahr eine neue Edel-Diskothek ihre Pforten eröffnet und in Pressemitteilungen den Aufschwung der City West verkündet, locken die aalglatten Pseudo-VIP-Tempel lediglich ein provinzielles Standardpublikum, das Verfallsdatum dieser Schicki-Clubs ist meistens schnell abgelaufen. Clubs, Künstler und Visionen finden sich heute im Ostteil Berlins oder Kreuzberg. Kreuzberg ist bis zum Mauerfall eine westliche Enklave, an drei Seiten von der Mauer umschlossen. Hier gibt es besetzte Häuser, vor allem türkische Migranten, Bund-Drückeberger und Anarchopunks. Zwei Jahre zuvor gab es die erste große Randale am 1. Mai. Dieser Stadtteil ist der Alptraum für den braven, deutschen Spießbürger.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was sich in Kreuzberg in den letzten fünf Jahren geändert hat und warum sich Berlin aber eigentilch manches nie ändert.Daran ändert sich 1989 nicht viel, denn bis zur Jahrtausendwende befindet sich Kreuzberg im Dornröschenschlaf, dafür ist in den letzten fünf Jahren einiges passiert: Seitdem die Ausgehkultur Mittes tot ist und höchstens besoffene Pubcrawler hier noch Spaß haben, ist Kreuzberg der Ausgehbezirk für junge Menschen aus ganz Europa, hat aber dennoch seinen ursprünglichen Charme behalten. Rund um das Möbel Olfe ist am Kottbusser Tor und in der Oranienstraße eine heterogene Barszene entstanden, dort treffen Studenten, Punks, Schwule, Lesben und Künstler wie Wolfgang Tillmanns aufeinander. Zwar hat sich auch die Schlesische Straße längst zum Touristen- und Studenten-Ballermann gewandelt, aber trotzdem bleibt man sich in Kreuzberg treu: Das SO36 lässt sich nicht unterkriegen und unliebsame Eindringlinge werden nach wie vor aus dem Kiez gejagt, wie die Betreiber der sogenannten Carlofts (Luxuslofts mit Autolift zum Balkon) in der Reichenberger Straße schmerzlich erfahren mussten. Von den elf, ursprünglich zum Kauf angebotenen Lofts, sind lediglich zwei vermietet. Ein Wachschutz muss das Gebäude vor Farbeier-Attacken schützen. Manches ändert sich in Berlin eben nie!
Jonas Gempp, Harry Loschinski