Was glaubst du, ist das Besondere an Fall To Grace?
Die Frage finde ich lustig. Versuche ich gerade, es dir zu verkaufen?

Was ist Besonders für dich? Was war deine Motivation, das Album aufzunehmen?
Naja, es ist ein Kommentar zu meinem Leben. (…) Es fängt einen Zeitabschnitt meines Lebens ein. Und es ist ein Ganzes. Dafür muss ich Produzent Nelly Hooper und Coproduzent Jake Gosling danken. Ich wollte das schon so lange, und nun konnte ich endlich etwas Zusammenhängendes schaffen. Und es ist eine Hommage an Film und Kino, weil ich von diesen Dingen besessen bin. Also wollte ich, dass es nach einer Reise klingt – wie, wenn du einen Filmsoundtrack hörst!

Filme beeinflussen dich sehr. Bist du damit einzigartig oder kenntst du andere Künstler, die so sind?
Ich weiß es nicht, weil ich die Medien nicht so verfolge. Ich lese keine Artikel oder schaue mir die Biographien von Leuten an. Ich weiß es nicht, aber ich würde sagen, dass Portishead viel von der Filmwelt mitnehmen. Sie klingen so.

Was kann dein Musiker-Ich von deinem Schauspieler-Ich lernen?
Vielleicht die Fähigkeit, sich verschiedene Charaktere anzueignen oder an emotionale Orte zu gehen, die andere als unangenehm empfinden. Ich glaube, ich muss in beiden Bereichen emotional sehr offen sein und mir selbst erlauben, verwundbar zu sein.

Ist Singen oder Songwriting eine Art Schauspiel für dich?
Nicht wirklich, weil die Songs, die ich schreibe, sehr ehrlich sind. Ich habe also eher das Gegenteil gemacht, nämlich versucht, mich selbst so zu zeigen, wie ich bin. Die wahre Paloma Faith hinter der Maske. Es ist genau das Gegenteil vom Schauspielern.

Video-Tipp: „Picking Up The Pieces“ von Paloma Faith

In welchem Punkt hast du dich am Meisten vom ersten Album entfernt?
Da gibt’s zwei Sachen: Erstens habe ich entdeckt, wie ich textlich wirklich arbeiten will. Ich fange immer mit den Worten an und dann kommt alles andere. Also wenn es an die Lyrics geht, habe ich mich deutlich entwickelt. Ich war darauf fokussiert, einen Style zu entwickeln, der sehr Erzählerisch ist. Und außerdem glaube ich, zusammen mit Nelly Hooper, der der Produzent ist, einen Sound entwickelt zu haben. Er hat wirklich verstanden, was ich ausdrücken möchte, bezüglich des Klangs. Ich habe bisher noch nicht die richtige Person dafür getroffen, aber ich glaube er ist es.

Eine Art musikalische Seelenverwandtschaft?
Genau!

Kannst du den Albumtitel erklären?
Es gibt dieses Sprichwort “ to fall from grace“. Das sagt man, wenn jemand aus gutem Hause kommt, wohlerzogen, aber es dann versaut. Also entschied ich mich, es umzudrehen: Fall To Grace.

Du erinnerst oft an vergangene Zeiten. Was fasziniert dich daran?
Ich finde, Nostalgie ist etwas ganz Interessantes. Es findet nur in der Fantasie statt, denn ich bin nie da gewesen. Ich glaube, es gibt mir die Freiheit, es so zu drehen, wie ich möchte, denn ich weiß nicht, wie es wirklich war. Weißt du, was ich meine? Die Freiheit in der Nostalgie kommt durch die Verbindung von Fakten und Vorstellungen. Das macht mich glücklich. Was ich meine, bezieht sich auf den Style, wie Film und Songwriting damals irgendwie voller Hoffnung, aber auch tragisch waren.

Gibt es Zeiten, die dich besonders interessieren?
Ja, die 30er, 40er und 50er sind meine Lieblinge.

Du kleidest dich ja auch recht auffällig. Kommt das daher?
Ja, ziemlich. Als ich in die Pubertät kam, habe ich Kurven bekommen und die Mode gehasst – es passte mir einfach nicht. In den 40ern, 50ern und 60ern waren kurvige Frauen das Ideal und die Kleidung war dementsprechend. Ich entschied, dass dieser Stil meine Vorzüge am besten zeigte.

Interessierst du dich für aktuelle Mode?
Wenn sie vergangene Trends aufgreift, dann ja.

Du machst deine Fotos, Videos und Sets selber. Bist du ein Perfektionist?
Wenn ein Perfektionist jemand ist, der alles so haben möchte, wie er sich das vorstellt, dann ja. Aber ich glaube nicht, dass das Perfektionismus ist. Niemand kann besser interpretieren, was ich tue, als ich. Also finde ich, dass das ganze Paket nach meinen Vorstellungen aussehen muss. Das finde ich stimmiger, als wenn ich ein Element machen würde und dann fügt jemand anderes seine Sachen hinzu. Das ist zu unpersönlich.

Ist es da nicht schwierig, mit einem Majorlabel zu arbeiten?
In meinem Fall nicht. Bei diesem Album hat es alles leichter gemacht. Sie haben mich in keinster Weise eingeschränkt.

Du bist sehr aktiv auf Twitter. Sind Social Media ein wichtiges Mittel zur Promotion oder um dich selbst auszudrücken?
Tja, manchmal ist es ein Hindernis und manchmal ist es ganz nützlich. Aber es wird mehr und mehr zur Gewohnheit als etwas, das ich wirklich bewusst mache, aus einem bestimmten Grund oder so. Neulich wurde ich in einer Zeitung falsch zitiert und ich konnte es selber wieder gerade rücken. Das fand ich gut. Aber manchmal ist es problematisch, weil du falsch interpretiert wirst. Es hat, wie alles, Pros und Contras.

Postest du spontan?
Ja, sehr. Das ist das Problem!

Ist Performen für dich als Musiker am Wichtigsten?
Ja, ist es! Ich glaube, ich bin schon immer auf der Bühne gewesen und habe mich da am wohlsten und freisten gefühlt. Das ist die rare Zeit, in der ich keine Sorgen habe. Mein Kopf ist dann komplett leer. Es ist wie Meditation.

„Fall To Grace“ von Paloma Faith erschien am 29. Juni.