Für Kölner ist die „Fünfte Jahreszeit“ ein ganz normaler Teil des Jahres, der zu unserer Stadt gehört wie Dom und FC. Zugezogene und Besucher sehen das oft anders und verstehen die Welt nicht mehr: Alkoholleichen auf dem Zülpicher Platz, Stillstand in der Südstadt, sogar das Finanzamt hat zu. Aber keine Sorge, das alles hat System! Unsere kleine Anleitung bringt in zehn Schritten Licht ins Dunkel und macht Sie fit zum Mitfeiern.

>> 1. Der Kölner Karneval hat eine lange Geschichte: Schon die Kelten vertrieben mit Masken und Figuren das kalte Winterhalbjahr und feierten den Beginn des Frühlings. An diesen Feiertagen bedienten die Herren ihre Sklaven, alle waren verkleidet, und die Party endete im großen Saufgelage.

>> 2. Während der tollen Tage ruft der Kölner „Alaaf!“, ein alter Ausspruch, der sich aus den kölschen Wörtern „All“ und „Af“ zusammensetzt und soviel wie „Köln vor allen“ bedeutet. Ist ein Mikrofon in der Nähe, findet sich meist ein Wortführer, der die Menge mit „Dreimal: Kölle Alaaf!“ zum Mitmachen auffordert. Und: Wer in Köln „Helau“ ruft, ist nicht witzig, sondern nervt.

>> 3. Sechs Tage lang dauert Kölns Straßenkarneval. Gefeiert wird von Donnerstagmorgen bis Dienstagnacht. Der erste Tag, „Weiberfastnacht“, ist ganz den Frauen gewidmet, sie dürfen Männern die Krawatte abschneiden und bestimmen, wo gefeiert wird. Höchster Feiertag aller Karnevalisten ist der „Rosenmontag“ mit den größten Umzügen, und am „Veilchendienstag“ wird der Nubbel verbrannt.

WARUM BRENNT DER NUBBEL?
Kopfschmerzen sind an Aschermittwoch oft nicht das einzige Problem: Die Monatsmiete ist versoffen, der Partner wütend auf das Fremdknutschen am Vorabend. Dabei gibt es für diese Probleme eine einfache Lösung: den Nubbel. Diese Strohpuppe hängt während der Feierei über den Kneipen und wird am Dienstagabend in einem Schauprozess für all das verurteilt, was in den Tagen zuvor schiefgelaufen ist.Anschließend wird er verbrannt – und mit ihm all unsere Missetaten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum sich erwachsene Heteromänner ihre Hinterteile aneinander reiben sowie weitere interessante Fakten rund um den Kölner Karneval.

>> 4. Wer früh genug aus dem Bett kommt, kann an Weiberfastnacht zusehen, wie die Jecken symbolisch das Rathaus erstürmen und den Schlüssel der Stadt vom Bürgermeister erbeuten. Bis zum Aschermittwoch regieren dann Prinz, Bauer und Jungfrau die Stadt. Dieses „Dreigestirn“ und wird jedes Jahr von anderen Männern (!) dargestellt.

>> 5. Wer die drei „Tollitäten“ sind, bestimmen die Karnevalsgesellschaften – Vereine, die oft eine sehr lange Geschichte und meist sehr trinkfeste, ausschließlich männliche Mitglieder haben. Frauen gibt’s nur im „Tanzcorps“.

WARUM REIBEN ERWACHSENE HETEROMÄNNER IHRE HINTERN ANEINANDER?
Vielleicht stimmt es wirklich, dass in Köln die Sache mit der Heterosexualität nicht ganz so genau genommen wird.An Karneval reiben jedenfalls gesetzte Familienväter in Uniform ihre „Föttche“, also Hintern, aneinander und „wibbeln“. Das ganze heißt dann „Stippefötche“ und findet nicht in dunklen Ecken, sondern auf Bühnen und öffentlichen Plätzen statt. Der Stammtanz vieler Karnevalsgarden wirkt nicht sexy, sondern etwas unbeholfen und albern, das macht ihn so charmant.

>> 6. In diesen Tanzgruppen findet man die wichtigste Frau an Karneval: das „Funkemariechen“. In den Sitzungen, die die verschiedenen Karnevalsgesellschaften ab dem 11.11. in jedem größeren Hotelsaal von Porz bis Longerich feiern, wird das Spitzenhöschen und Perücke tragende Mariechen bejubelt wie sonst nur Tore des FC Köln.

>> 7. Karnevalszüge finden in jedem Stadtviertel statt, die beiden größten, die „Schullund Veedelszöch“ und der Rosenmontagszug, ziehen am Sonn- bzw. Montag durch die Kölner Innenstadt. Wer zum ersten Mal den Rosenmontagszug besucht, sollte nicht enttäuscht sein, wenn er kaum Kamelle fängt. Egal wo man steht, ältere Damen im Clownskostüm schnappen die einem „für die Enkel“ weg.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wieso „gebützt“ wird und warum alle mit „Kamelle“ schmeissen.

>> 8. Zwei Sachen machen an Karneval schlagartig nüchtern: regendurchnässte Kleidung und eine geklaute Tasche. Gegen das eine hilft der Zwiebellook, beim anderen gilt: Was nicht unbedingt gebraucht wird, bleibt zu Hause!

WIESO WOLLEN MICH ALLE „BÜTZEN“?
Küsschen, also „Bützje“, sind besonders für Frauen eine wichtige Währung an Karneval. Für einmal Bützen beim Rosenmontagszug gibt’s von Karl-Heinz von der Ehrengarde Blumen, einen Schnaps von Willi und die Schachtel Pralinen von Günther. Und weil’s alle machen, ist es auch ganz unverbindlich und brav.Woher der Brauch kommt, wildfremde Menschen auf die Wange zu küssen, ist nicht zu klären.Vermutlich hat das Kölsch etwas damit zu tun.

>> 9. Wichtigstes Werkzeug aller Feierwütigen: Karnevalslieder! Die einen reißen die Arme hoch und grölen mit (Tipp: Vorher Songtexte googeln!), Karnevalsgegnern wird übel. Die können nicht verstehen, warum Menschen, die den Rest des Jahres einen tadellosen Musikgeschmack haben, plötzlich enthemmt schunkeln und mitsingen. Selber schuld!

>> 10. Der Kölner an sich neigt nicht zur Bescheidenheit. Das gilt natürlich auch an den tollen Tagen. Wer also meint, eine rote Pappnase sei genug Kostüm, der irrt gewaltig. Im Karneval gilt: Viel hilft viel. Auch nervig: Frauen, die Angst davor haben, kostümiert albern auszusehen und die sich deswegen jedes Jahr als sexy Krankenschwester, Teufel oder Engel verkleiden. Mut zur Hässlichkeit!

WARUM SCHMEISSEN DIE MIT „KAMELLE“?
Wahrscheinlich wird so systematisch der karnevalistische Nachwuchs gesichert.Wer noch zu jung ist, um Kölsch zu trinken, und beim Schunkeln übersehen wird, versteht vielleicht nicht sofort den Reiz der tollen Tage und will gelockt werden.Kostüme sind zwar gut, Süßigkeiten aber viel überzeugender. Die andere, langweiligere Theorie: Karneval wird vor der christlichen Fastenzeit und Ostern gefeiert, und bevor am Aschermittwoch alles vorbei ist, liefern die süßen Kamelle noch einmal Zucker im Überfluss.

Text: Anna Peuckert