Wir treffen Henning und Matthias an einem trüben Donnerstag im Studio von Suprememusic in Hamburg. Hier arbeitet Henning und wenn er nicht mit seinen kreativen Gedanken bei Wilhelm Tell Me ist, unterlegt er Werbefilme mit Musik. Statt einem Mittagessen gibt es für die beiden heute ein paar Fragen und ausgewählte Stücke aus unserer Plattenkiste. Auch wenn wir anfangs noch damit beschäftigt sind, uns an den sarkastischen Humor der Jungs zu gewöhnen, erfahren wir doch ein paar ernstzunehmende Details ihrer aktuellen Arbeit.

SONG #1: „1901“ von Phoenix

M: Nie gehört. (lacht)
H: Mega! Eine der großen Bands, die die gesamte Indie-Szene geprägt haben. Ich glaube, der Sänger hat jetzt auch ein neues Projekt, das heißt The Royal Concept. (Anm. d. Red.: Tatsächlich ist das eine völlig andere Band, die an einigen Stellen Phoenix sehr ähnlich klingt.)

„Gimme Twice“ von The Royal Concept

Ihr werdet häufig mit Phoenix vergleichen – nervt euch das?
H: Nö.
M: Ich frage mich inzwischen eigentlich, warum?
H: Vergleiche sind ja prinzipiell ok, denn die Leute wollen die Musik einordnen. Wenn man dann geshufflete Achtelgitarren hört, denkt man automatisch an Phoenix, weil die den Stil groß gemacht haben. Uns nervt das überhaupt nicht, denn wir mögen Phoenix. Sie sind für uns ein Einfluss unter vielen.

Video-Tipp: „So Into You“ von Wilhelm Tell Me

Auf der nächsten Seite: Wilhelm Tell Me über das Aufstreben des digitalen Markts und ihr Umgang mit dieser Entwicklung.


Henning Sommer und Matthias Kranz

SONG #2: „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ von Artic Monkeys

M: The good old Arctic Monkeys!
H: Ach ja!
M: Ich kenn noch deren erste Demo-Aufnahmen, die sie auf myspace veröffentlicht haben.
H: Über die alle sagten, sie wären besser gewesen als die später veröffentlichten Stücke.
M: Ja, das Ganze ist aber ein Mythos.

Die Arctic Monkeys haben einer Legende zufolge ihre Berühmtheit dank kostenloser Demos auf myspace erlangt. Ihr nutzt für eure neuen Songs ebenfalls eine innovative Vermarktungsstrategie im Bereich der digitalen Medien: Seit dem 8. Februar veröffentlicht ihr, angefangen mit „Kite“, in einem Abstand von etwa sechs Wochen je einen neuen Song. Die Stücke sind als Download in den gängigen Onlineshops erhältlich oder abrufbar über Streaming-Dienste wie Spotify. Warum habt ihr diesen Weg gewählt?

M: Derzeit findet eine Revolution vom physischen zum digitalen Markt statt. Heino zum Beispiel – wer hätte das gedacht – ist kürzlich zum Download-König geworden. Für uns ist das toll, dass der Streaming-Markt immer größer wird, weil wir eine Band sind, die sehr songorientiert arbeitet. Unsere ersten Singles „Oh my God“ und „So into You“ werden heute noch immer viel gehört. Durch Streaming-Angebote wie Spotify können sich die Leute unsere Songs jederzeit und immer wieder anhören und – im Unterschied zu myspace oder Soundcloud – bekommen wir sogar unseren Anteil daran. Toll ist auch, dass unsere Musik im grenzenlosen World Wide Web dabei weltweit vertrieben wird. Als DIY-Band, die alle Prozesse selbst in die Hand nimmt, würden wir das im physischen Markt überhaupt nicht hinbekommen. Wir können so zwar nicht mit den Majors konkurrieren, aber zumindest unseren Share am Markt erkämpfen.

Wie mit „Kite“ wollt ihr nun weiter verfahren, also kein in sich geschlossenes Album produzieren, sondern nach und nach einzelne Songs, die dann über Streaming- und Downloadportale rausgehen.
H: Ja. Im Grunde steckt dahinter sogar noch mehr. Das Experiment ist, dass ihr uns zugucken könnt, wie das Album beziehungsweise die Playlist entsteht, die wir dieses Jahr machen. Die Songs sind noch nicht da, sie werden in einem Zeitraum von etwa einem Monat geschrieben, aufgenommen, gemischt und veröffentlicht. Da kann auch mal absoluter Scheiß bei rumkommen, aber das ist das Risiko des Experiments.

Und das Projekt soll ein ganzes Jahr laufen?
M: Ja, dieses Jahr werden wir durchziehen.
H: Danach liege ich eh im Krankenhaus, weil ich einen Herzinfarkt habe. Schöner Dauerstress, das ist toll! Stell dir mal vor, mich erwischt jetzt drei Wochen lang die Grippe. Scheiße! Dann sind wir richtig am Arsch! (Pause) Naja, dann wird der nächste Song eben ein Instrumentalstück. (lacht)

Zieht ihr in Erwägung, das Ganze am Ende dann doch auf CD zu pressen?
H: Auf CD eher nicht. Wenn wir nachher genug Songs zusammen haben, die theoretisch ein Album wären, könnte man aus Liebhaberei vielleicht eine Vinyl-Platte produzieren.
M: Meinetwegen können wir auch eine CD oder CD-Box machen. Aber eine 150er Auflage Vinyl geht natürlich auch.
H: Die wir dann 55 Mal verkaufen. (lacht)
M: Und wofür wir dann pro Stück 22 Euro…
H: …bezahlen! Und 10 Euro einnehmen.
M: Das ist ein tolles Konzept! (lacht)
H: Ja, total wirtschaftlich.

Auf der nächsten Seite: Wilhelm Tell Me spekulieren über ihre Zukunft.



SONG #3: „Human“ von The Killers (Live at the Royal Albert Hall)

H: Die Killers, toll!
M: Da hab ich Discofox drauf gelernt. Eins, Zwei, Tipp.
H: Großartig! Die Killers sind eine Band, die ich vermutlich anders auffasse als diejenigen, die von Anfang an Fans waren.
M: Ich fand das erste Album gut, der Rest ist Mist!
H: Genau das meine ich. Ich sehe es genau andersherum. Das letzte Album „Battle Born“ ist zwar sehr 80s-mäßig, aber das Album davor „Day & Age“, da hatten sie Mut für große Songs – das hat mir gut gefallen. Als es 2008 herauskam, waren sie die ersten, die wieder Stealdrums benutzt haben. Und dafür muss man echt Eier haben.
M: Ich mochte ihr Debütalbum sehr. Ich will auch gar nicht nur schlechtes über „Day & Age“ sagen, aber bei „Human“ habe ich immer diese Assoziation…
H: …Schaumparty?
M: Schaumparty und Discofox. Deshalb konnte ich mit diesem Stück nie etwas anfangen.
H: Aber der Text ist sehr philosophisch: „Are we human or are we dancer?“ Ich glaube, er hat an Nietzsche gedacht.
M: Ich glaube nicht.
H: Doch, doch. Zumindest bilde ich mir das ein.

Die Killers haben sich ja sehr verändert, wenn man mal von ihrer ersten Single „Mr. Brightside“ ausgeht. Wer weiß, wo eure Entwicklung mal hingeht!
M: Unsere Entwicklung geht ganz stark zum Discofox. Inzwischen habe ich meinen Frieden damit gemacht.
H: Aber Discofox ist out. Wir werden viel langsamer werden, hab ich mir gerade überlegt.
M: Gut, aber lass mal den Mai kommen. „Tanz in den Mai“ und so…
H: Ja, dann müssen wir wieder schnellere Stücke machen. Wollen wir jeden Song zu einem jahreszeitlichen Anlass machen?
M: Ja, das wäre nicht blöd.

Ihr schweift ab!
H: Nö, wir sind voll im kreativen Workflow.

Stichwort Entwicklung: Glaubt ihr, dass es zwischen dem jüngst veröffentlichten „Kite“ und dem letzten Song des Projekts einen großen Unterschied geben wird?
H: Ja, das gehört ja zum Konzept. Soundästhetischer Eklektizismus. Wir bestehen nicht darauf, einen spezifischen Indie-Sound durchzuhalten. Wir machen das, worauf wir Lust haben. Und wenn der Song geiler ist, wenn Streicher dabei sind oder es besser ist, ein in der Garage aufgenommenes Drumset zu haben, dann setzen wir das um.

Video-Tipp: „Kite“ von Wilhelm Tell Me

Auf der nächsten Seite: Wilhelm Tell Me über die Hamburger Musikszene, Pop und Prince.



SONG #4: „Neue Zähne für meinen Bruder und mich“ von Superpunk

H: ???
M: Superpunk!
H: Lass mal an!
M: …“ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen“ (singt mit)
H: Dieser Carsten Friedrichs! Nicht dumm. Das ist super!

Carsten Friedrichs – der Sänger von Superpunk – hat euren Pressetext geschrieben
M: Ja, den ganz ersten. Carsten ist nicht nur ein Freund von mir, sondern auch einer des Disco-Sounds. Er mochte den Song und da hab ich ihn gefragt, ob er nicht etwas über uns schreiben möchte. Das fand ich spannend, denn rein musikalisch würde man uns nicht in Verbindung bringen. Doch Superpunk haben sich nie richtig ernst genommen und wollten vor allem Spaß machen. Carsten sagt immer: „Trist ist das Leben, heiter die Kunst.“ Und ich finde, da treffen wir uns.

Dennoch: Zwischen Hamburger Bands wie Tocotronic, Die Sterne, Die Heiterkeit, Superpunk…
M: …und uns ist ein ganz großer…
H: …eklatant großer Unterschied.

Ja. Zumindest was den Pop-Gestus betrifft.
H: Dass wir nicht klingen wie Tocotronic und die Sterne liegt vielleicht daran, dass wir nicht zur Hamburger Szene dazugehören. Das ist nicht unser Anschlusspunkt.
M: Wir haben alle eher Killers oder Phoenix als Die Sterne gehört.
M: Jan, unser Schlagzeuger, ist beispielsweise großer Prince-Fan.
H: Wenn nicht der größte Prince-Fan der Welt! Ich glaube, er besitzt sämtliche Tonträger.
M: Und Jan weiß auch, dass die erste Demo-Version von „Purple Rain“, die noch in einem Autoradio war als es verkauft wurde, auf einer Kaufkassette von Herbert Grönemeyers „4630 Bochum“ aufgenommen war. Von Prince selber.
H: Das ist kein Witz! Ich finde das mega-spannend. Was sagt das denn über Prince aus? Hat er Grönemeyer gehört und gedacht „Was für ein Scheiß! Ich überspiele diese blöde Kassette“?

Wie passend der nächste Song ist. Schade, dass euer Schlagzeuger nicht hier ist.

SONG #5: „Kiss“ von Prince

M: Jan würde jetzt so machen. (fängt an, wild zu gestikulieren)
H: Ich mag Prince nicht. Da spielt die ganze Zeit eine Basslinie durch… Ich versteh auch Funk generell nicht. (Matthias lacht) Ernsthaft!

Dein Gesang erinnert ein bisschen an Prince, weil Du die Worte auf eine besondere Art ansingst. Es entsteht dann so ein leichtes Vorknarzen.
H: Das ist mir noch nie aufgefallen. Aber das ist interessant, das check ich mal aus. Generell mag ich diesen Duktus des Ansingens, insbesondere bei weiblichem Gesang.

Wie bei Lana del Rey.
H: Ja, das finde ich super! Vielleicht sollte ich demnächst als Frau gehen. So wie Keith Caputo, der jetzt als Mina Caputo auftritt.
M: Wenn man mit Life of Agony aufgewachsen ist, dann ist man sehr überrascht über diese Entwicklung. Er war damals ein extrem heterosexueller Typ.

Henning, Du hast ja auch nicht gerade das heterosexuellste Image. Stört es Dich, dass einige Leute glauben, Du würdest auch auf Männer stehen?
H: Ach, das ist mir eigentlich egal. Einige scheinen immer noch nicht verstanden zu haben, dass man auch als Typ Skinny Jeans tragen kann.
M: Wir sind mal mit einer gemeinsamen Freundin, in Hamburg über die Talstraße gelaufen, zu dritt. Und dann kam uns ein Typ entgegen und sagte: „Ihr beiden seid ja hetero, aber Du, wo ist denn diese eine Schwulenkneipe?“ Henning konnte nur mit Ahnungslosigkeit erwidern.
H: Dann hat er aber einen oben drauf gesetzt und gesagt: „Komm schon, sag doch mal! Du kommst doch da bestimmt gerade her.“ Ich habe dann gesagt, dass ich gar nicht auf Männer stehe, aber der wollte mir nicht glauben. Das war schlimm! Ich habe jetzt noch Albträume deswegen. Nein, Scherz beiseite. Es ist mir echt egal!
M: Wer weiß, vielleicht bist Du ja schwul.

Aber hat Henning nicht eine Freundin?
M: Wer, Henning? Nein!
H: Ja. Nein. (lacht) Mein Bassist sagt mir, ich darf das nicht sagen.

Im Anschluss an das Interview bekommen wir ein exklusives Pre-Listening des neuen Songs „Get Up“. Ab dem 19.03. kann man ihn bei Spotify hören, am 22.03. ist die offizielle Veröffentlichung. Das Stück klingt in jedem Fall vielversprechend – diesmal sogar mit weiblichem Gesang und Chor! Wir sind gespannt, was 2013 noch so bringt!

Das Interview führte Anika Haberecht