„Stumpf ist Trumpf“, befindet Dendemann auf seiner gleichnamigen aktuellen Single. Was natürlich ebenso ironisch gemeint ist wie die Lederweste und die Moonwashed-Jeans aus den Achtzigern, die der Wahlhamburger gern trägt, wenn er die Bühne samt Mikro auf und ab spurtet. Denn Dendemann ist weder stumpf noch von gestern. Der 36-Jährige erfindet sich seit dem Karrierestart in den Neunzigern immer wieder neu, veredelt Alltagsanekdoten zu Geschichten auf Gebrüder-Grimm-Niveau. Kein Wunder, ist Dendemann doch als „der erst- und letztgeborene Chefrocker, der fast schon festgefrorene Nesthocker“ einer der wenigen verbleibenden hiesigen Rapper, dessen Konzerte den positiven Geist einer guten alten HipHop-Jam versprühen.

Dendemann ist deutscher Hip-Hop. „Gefährliches Halbwissen“, das Debütalbum von Eins Zwo, klingt auch über ein Jahrzehnt später noch so frisch und mitreißend wie 1999. Hierzulande können es nur Samy Deluxe und Kool Savas mit seinem Flow aufnehmen, seine Texte sind an Witz und Verve gar unerreicht. Die Alltagsgeschichten, die er in seinen Songs erzählt, lassen selbst Plauderkönige wie Fettes Brot so alt aussehen, wie sie tatsächlich langsam werden. Und seine legendären Live-Auftritte sind noch atemberaubender als jede seiner Studioaufnahmen. Dendemann ist kein deutscher HipHop. Er ist mehr. Er ist einer der wenigen deutschen Künstler, bei denen man hinter fast jede Zeile ein Ausrufezeichen setzen möchte – egal ob in Songzeilen oder Interviews. Er hat im Anschluss an den deutschen Hip-Hop-Boom und nach der Auflösung von Eins Zwo auch solo überzeugt und tourte im Vorprogramm von den Beatsteaks und Herbert Grönemeyer.

Video-Tipp: „Stumpf ist Trumpf“ von Dendemann

Beim letztjährigen Berlin Festival stellte er alle Headliner von Deichkind bis Peter Doherty locker in den Schatten. Dendemann ist deutscher Hip-Hop und noch viel mehr. Wenn er Jazz und Soul sampelt, klingt es trotzdem immer noch nach Dendemann. Und wenn er sich heute über mangelndes Gefühl in frühen Eins-Zwo-Songs beklagt, dann nur, weil dieser Tage keiner in seinen Raps so viel Seele transportiert wie er. Anlässlich seines zweiten Soloalbums „Vom Vintage verweht“, begibt er sich jetzt endlich wieder auf ausgedehnte Tournee und wird sich einmal mehr an seinem Interview aus dem Jahr 2006 messen lassen, in dem er sich selbst als „den besten deutschen Live-Rapper“ bezeichnete. Womit er bis heute Recht behalten hat.
Tim Sohr