Für Liam Gallagher haben wir schon so oft applaudiert. Schließlich haben viele seit 1997, als die Jungs auf dem Höhepunkt ihres Ruhms aus der Telefonzelle auf die Bühne stiegen, keine Tour verpasst. Und wenn der beste Rock-Sänger seiner Generation mit dem Enthemmungsgrad der Menge zufrieden ist, stellt er sich zum Ende eines Songs gerne ganz vorne an den Bühnenrand und klatscht gönnerhaft mit seinem Schellenkranz in die Hände. Denn so sehr Liam das arrogante Gockeltum perfektioniert hat, so konsequent Noel in Interviews seinen herrlichen Zynismus zur Selbstverteidigung verwendet: Oasis haben uns nie das Gefühl geraubt, dass wir uns auf Augenhöhe befinden. Sie sind normale Typen, die sich auch nur mit „Cigarettes & Alcohol“ die Zeit vertreiben – nur dass sie darüber dann auch einen Song- Klassiker schreiben.

All die Schlauberger, die den Gallaghers und ihrer wechselnden Rest-Bandbesetzung schon seit „Be Here Now“ die musikalische Relevanz absprechen, haben nicht verstanden, dass Oasis vor allem ein Konzertereignis sind. Ihre Stücke, die sie für diese Tour besonders liebevoll kompiliert haben, klingen live seit jeher mindestens doppelt so kraftvoll. Und die Show, die hier nicht abgezogen wird, ist die eindrucksvollste Haltung, die man von einer klassischen Rockformation erwarten kann. Hier geht es darum, den Arm um seinen besten Kumpel zu legen und „Don’t Look Back In Anger“ mitzugrölen. Oasis ist die Band, bei der wir auch in Zukunft immer 16 sein werden. Für jede weitere Tour werden wir die Trainingsjacke wieder rauskramen. Und Liam wird uns dafür den nötigen Respekt zollen. Wie er es immer schon getan hat.
Tim Sohr

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