Wie traurige Scherenschnitte stehen The XX auf der Bühne. Nachtschwarz gekleidet, schummrig beleuchtet, mit gesenkten Häuptern und nicht der kleinsten Bewegung zu viel. Drei schüchterne Schatten, die mit ihrem Debütalbum „XX“ eines der besten und unstrittig umjubeltsten Newcomer-Debüts seit Jahren hingelegt haben. Kaum eine andere Band nimmt sich so sehr zurück, um ihre Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Keine andere schafft es, mit so wenig Einsatz so viel Intimität zu erzeugen. Intimität, die erst im Schutz der Dunkelheit ihre volle Wirkung entfaltet. Schon die letzten trüben Sonnenstrahlen, wie zu Beginn ihres Southside-Auftritts, wirken dabei fehl am Platz und lassen die nachtschwärmerische Atmosphäre zerbröckeln wie Vampire, die man an die Sonne zerrt.

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Die Musik von The XX verträgt kein Tageslicht. Sie verträgt keine Zwischenansagen, kein Gehampel, keine Posen. Alles konzentriert sich auf die schwer wummernden Bässe, die reduzierten Gitarrenläufe und den kühlen Zwiegesang. Nichts soll ablenken von der Mischung aus Duell und Duett zwischen Romy Madley Croft und Oliver Sim, die sich gegenseitig die melancholischen Textzeilen aus dem Mund nehmen. Nichts soll den dramatischen Bogen durchbrechen, den die circa 20-Jährigen mit ihren puristisch-verträumten Liedern von verwirrenden Teenagerjahren über Freundschaft bis Liebe und Schmerz spannen. Leicht nachzuvollziehen, dass es Sängerin und Gitarristin Croft zu Beginn der steil ansteigenden Karriere Überwindung kostete, ihre Texte mit Tagebuchintimität vor einem großen Publikum offen zu legen. Die Angst davor mag mit jedem Auftritt rund um die Welt ein Stückchen mehr verloren gehen. Das Gefühl aber bleibt.
Sascha König