In Interviews fläzt sich Frau Lewis gerne breitbeinig aufs Sofa, erzählt Zoten wie ein Maurer und lacht wie ein Fernfahrer beim sechsten Bier auf dem Autohof. Die unpassendste Beschreibung für die 36-jährige Actrice wäre „damenhaft“. Auf ihren Konzerten sprang Juliette einst wie eine wilde Furie, die der Exorzist einfach übersehen hat, vor ihre damalige Band The Licks und empfahl sich als legitime Nachfolgerin von Patti Smith, die vor 30 Jahren auch mal so angefangen hatte. Den Männern in den vorderen Reihen wurde Angst und Bange, aber sie starrten trotzdem wie paralysiert auf die zarte Nymphe im Trägerhemdchen. Wirklich schön war sie zwar nicht, aber sie suggerierte jedem, mit ihr könne man was erleben, das einem sonst überall verwehrt bliebe.

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Musikalisch hatte man das, was Juliette & The Licks zu bieten hatten, schon dutzendfach gehört, nur ganz so dreckig und selbstbewusst wurde es selten präsentiert, und nur in ganz wenigen Fällen von einer Frau. „Meine Musik ist kein dummer Witz“, sagt Lewis, die sich inzwischen von ihrer alten Band getrennt hat und nur noch unter eigenem Namen firmiert“ für sie würde ich sogar die Schauspielerei an den Nagel hängen.“ Im Interviewzimmer hegt man da noch Zweifel, vor ihrer Bühne ein paar Tage später nicht mehr. Mit ihren neuen Songs und Sounds, denen sie bei ihrer Tour ein paar umgeschriebene Licks-Nummern an die Seite stellen will, sorgt Juliette bestenfalls für trügerische Ruhe. Bis irgendwer das Licht zu ihren düsteren Songs abschaltet. Als es wieder angeht, sehen wir eine hoch talentierte, vom Leben schnell gelangweilte Frau, eine Jolie-Laide aus Hollywoods Underground, die lieber Leute aufmischen geht, als sich ein gediegenes Make-up zu verpassen. Herrlich.
Stefan Krulle