Am schönsten ist immer der Moment, an dem Johnny Borrell sein weißes T-Shirt auszieht, um für den Rest des Konzertes mit freiem Oberkörper und weißer Jeans auf der Bühne zu stehen. Die Reihe-eins-Mädchen kreischen dann selig, Johnny freut sich und klettert zur Belohnung das seitliche Bühnengestänge hoch. Für einen Moment wird seine getragene Stimme, das Markenzeichen der pathetischen Rockballaden, dann noch getragener. Diese Momente sind die Essenz von Razorlight. Denn Razorlight aus London, das sind der schnodderige Schönling Johnny Borrell plus weitere Bandmitglieder, die aussehen wie IT-Studenten von der technischen Universität. Klar, der Frontsänger muss heller strahlen. Neider mögen Johnny Borrell so einiges vorwerfen: seine Eitelkeit, die große Klappe und die Prahlerei mit der Modelfreundin könnten einen glatt vergessen lassen, dass Borrell sein Geld nicht mit der Produktion von Schlagzeilen verdient, sondern immer noch mit Musik.

In der Rolle des exzellenten Performers kommt dem Londoner sein gesundes Selbstbewusstsein sehr zugute. So scheut Borrell auf der Bühne weder Pathosgeste noch Rockstar-Klischee. Andererseits ist genau das ein Zeichen für die Popularität von Razorlight, die mit hymnischen Indierock-Songs wie „In The Morning“oder „Before I Fall To Pieces“ Anhänger begeistern – egal, ob sie in weißen oder schwarzen Hosen auf der Bühne stehen. Und solange Borrell dem Publikum bei „Wire To Wire“ oder „America“ Schauer über den Rücken jagt und dabei hübsche Indie-Mädchen genauso wie deren mitgebrachte Mütter beeindruckt, darf Borrell seinen Schnabel ruhig noch ein bisschen weiter aufreißen.

Video-Tipp: „Wire To Wire“ von Razorlight