Der ehemalige Frontmann der Smiths altert geschmackvoller als Whiskey, gönnt sich aber kein Rentnerdasein: Pro Auftritt schwitzt er immer noch ein halbes Dutzend Hemden durch. Körperlichkeit, die zum muskulösen Britrock seines letzten Studioalbums passt. „Früher konnte ich mit Morrissey nie etwas anfangen, erst heute lerne ich ihn richtig zu schätzen“, verriet kürzlich ein Freund. Mit „heute“ meint er sein Leben als gereifter Musikkenner, mit „früher“ seine Zeit als wüster Indierockfan in den Achtzigern. Damals konnten unreife Jungmänner dem Sänger aus Manchester oft nicht viel abgewinnen. Für sie war sein Leiden an der Welt schon zu Zeiten von The Smiths zu poetisch. Und auch sein Solowerk verschmähten sie zunächst unerklärlicherweise. Erst heute verstehen die ignoranten Jungs von einst, warum Morrissey Dichter wie Oscar Wilde verehrt und mit zynischen Texten über soziales Außenseitertum und unerwiderte Liebe singt – mehr Poet als Popstar.

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Lieben und Leiden liegen dicht beieinander, auf einem Morrissey-Konzert ist dazwischen immerhin der Bühnengraben: Während im Zuschauerraum beiderlei Geschlecht in vollständiger Hingabe zerläuft, unterstreicht der Mozzer im Rampenlicht seine selbstironische Depri-Lyrik mit Peitschenhieben des Mikrofonkabels. Die Frauen waren schon immer von seinem doppelbödigen Pop fasziniert und erscheinen seit mehr als zwanzig Jahren in großer Anzahl zu seinen Konzerten, die stets ein Wechselspiel aus theatralischer Selbstverliebtheit und eleganter Indiepop-Agitation sind. Ein Konzept, das Morrissey bis ins Detail perfektioniert hat und dank dem er noch immer nicht lächerlich wirkt. Denn wenn er glamourös über die Bühne schwebt, wird er zum Frank Sinatra der Gegenwart. Allerdings zu einem, der mit lässigem Pathos zu kraftvollem Post-Punk-Pop tanzt.