Eigentlich hat Lena das gleiche Problem wie die deutsche Fußballnationalmannschaft: Jeder fühlt sich berufen, seine Meinung über sie zu äußern. Das ist der Preis für den Erfolg im Namen des Volkes. Natürlich ist sie nicht mehr ganz so unbekümmert wie zu den Castingzeiten vor Oslo. Sicher hätte die Suche nach dem Song zur Titelverteidigung etwas spannender verlaufen können. Und dass es über die Erfolgs chancen von „Taken By A Stranger“ zwei Meinungen gibt, war bereits im Vorfeld zu erwarten. Trotzdem sind die Bedenken der Kritiker übertrieben. Denn dass es sich bei allen Songs ihres zweiten Albums um handwerklich guten Pop handelt, ist unbestritten. Zudem bewies Lena bei den „Song für Deutschland“- Shows, dass sie problemlos in der Lage ist, eine abendfüllende Songrevue inklusive zahlreicher Kostümwechsel allein zu tragen. Lena ist damit ein erstaunlicher Popstar im klassischen Sinn. Sie hat Europa in drei Minuten vereinnahmt, mit einem schlichten Popsong, gänz lich ohne Effekte. Nach diesem Prinzip werden auch ihre Konzerte funktionieren. Schon Madonna oder Kylie Minogue haben zu Beginn ihrer Karriere ohne großes Feuerwerk die Bühne ausgefüllt. Auch Lena live bedeutet, dass Lena die Show ist – ihre Stimme, ihre Musik, ihre Ausstrahlung. Manchmal wirkt es leider, als sei Lenas Ausstrahlung zu viel Pop für ihr Heimatland, in dem Bescheidenheit oft als höchster Wert für Unterhaltungskünstler gilt. Aber vielleicht wird ihre Tour die Deutschen daran erinnern, warum sie sich damals in Lena verliebt haben. Denn spätestens am 14. Mai in Düsseldorf wird das Land wieder hinter ihr stehen – als wäre sie die Fußballnationalmannschaft.

Video-Tipp: „Taken By A Stranger“ von Lena