Wenn der Rock’n’Roll seine Klischees und seinen Mythos von der Leine lässt, kommen einige ins Schwitzen. Naked Lunch haben sich hinreichend umgesehen auf diesem Planeten und die Taschen voll mit Anekdoten. Am Anfang standen die Arbeit mit namhaften Produzenten, teure Videos, weltweite Touren, verwüstete Bühnen und Festnahmen. Danach dann der Abstieg, die Obdachlosigkeit von Sänger Oliver Welter und der Bruch mit dem letzten bisschen Alltag. Nachzuhören ist dieses wirklich düstere Kapitel auf dem Album „Songs For The Exhausted“ von 2004. Nebenbei findet man hier „God“, den vielleicht besten Song, den eine Band aus dem deutschsprachigen Raum in den letzten fünf Jahren geschrieben hat. In den kommenden Jahren hat man sich wohl wieder besser ernährt und mehr geschlafen. In der Folge entstand „This Atom Heart Of Ours“, das in seiner Stringenz mit Hoffnung und Glauben hantiert. Man muss ein großes Herz haben, um sich nach einem Drama mit Überlänge wieder so ins Leben zurückzutreten. Gerade haben sie den Soundtrack zum Film von Thomas Woschitz fertiggestellt. Tim Kasher von Cursive hat mal gesagt: „Ich hab die besten Jahre meines Lebens damit verbracht, auf die besten Jahre meines Lebens zu warten.“ Vielleicht sollte er sich mal mit Welter auf ein Bier treffen. Sie hätten sich sicher einiges zu erzählen.

Video-Tipp: „Military Of The Heart“ von Naked Lunch