Mag es in der Schule auch keine Begeisterungswellen bei Mitschülern ausgelöst haben, so profitiert Joanna Newsom heute davon, sich schon seit frühester Kindheit mit der Harfe verbändelt zu haben. In der zunehmend von elektronischen Klängen dominierten Popwelt ist sie eine bemerkenswerte Ausnahme. Newsom wirkt stets sehr zart, zerbrechlich könnte man fast sagen. Sie singt ihre Lieder und spielt dazu so eigenwillig wie virtuos auf der Harfe. Es mutet befremdlich an, auf den gleichen Bühnen, auf der man sonst wenig zaghafte Indieschrammler bestaunt, eine kleine Person zu sehen, die fast hinter ihrem imposanten Instrument verschwindet und sich eigentlich nur durch ihren Gesang bemerkbar macht.

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Joanna Newsoms Stimme, oft leicht quäkend und manchmal ins Schrille abdriftend, und der harmonische Klang der Harfe sind die beiden Protagonisten, die sich auf der Bühne gegenüber stehen. Das Publikum verfolgt, wie sie ihren Kampf austragen, sich wieder vertragen und im Grunde doch zusammengehören. Für die Ohren ist das Unterhaltung genug, sodass man sich gerne aufs Zuhören beschränkt. Eine aufwendige Bühnenshow vermisst hier keiner. Visuelle Reize wären bei einem Konzert von Joanna Newsom auch nichts anderes als Augenwischerei. Die Kalifornierin hat nicht so viel Zeit auf das Erlernen ihres Instruments, ihre prosaischen Texte und die passionierte Darbietung ihrer Kunstfertigkeit verwendet, um die Aufmerksamkeit an eine Lichtshow zu verlieren. Es geht ihr, wie vielen anderen Vertretern des New Folk, um die Musik, die sich schon mal in eine weltvergessene Hingabe an das Instrument verwandeln kann. Doch gerade in dieser Liebe liegt ihre besondere Qualität.
Tim Pommerenke