Tocotronic sind die hochwertige Konstante in der deutschen Musiklandschaft. Wenn Dirk von Lowtzow das Publikum mit seiner charmanten Art zu Musik und Tanz lädt, führt die Reise von aktuellen Stücken wie „Eure Liebe tötet mich“ bis zu dem frühen Werk „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“. Der Graf höchstpersönlich steuert große Gesten, eine eloquente Moderation und ein elektrisiertes Spiel an der Gitarre mit vielen gut gesetzten Brettern bei. Jan Müller trägt die Songs am Bass, zusammen mit dem über jeden Applaus anrührend erfreuten Arne Zank am Schlagzeug. Auf ewig dankbar darf man für den Beitritt von Rick McPhail 2004 mit seinen begnadeten Gitarrenkünsten sein, der der Band seitdem eine dauerhafte Frischzellenkur gewährleistet. So klingen Klassiker wie „Let There Be Rock“, „Sag alles ab“ oder „Jenseits des Kanals“ heute noch so stürmisch begeisternd wie zu Zeiten bunter, verschlissener Trainingsjacken – und Hand aufs Herz: sogar besser.

Natürlich sind Tocotronic gealtert – und ihre Fans mit ihnen. Während einige wenige im Publikum ungläubig schauen, sobald Arne Zank sich das Mikro schnappt und „Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“ schmettert, stehen anderen Tränen in den Augen. Es ist einer der vielen Nostalgiemomente des Abends. Jeder Song ist irgendwo in der Biografie der Zuhörer verortet. So lässt sich der geneigte Hörer gern zu knackigen Parolen hinreißen wie „Aber hier leben, nein danke“ oder aktueller „Eine Lanze für den Widerstand“. Da geht doch gern noch mal die wütende Fan-Faust hoch, die heute längst das System mitträgt, statt es anzuzweifeln. Drauf geschissen. Ihr Album „Schall&Wahn“ aus dem Jahr 2010 überzeugte live und hat dem umfangreichen Repertoire der Band noch einige grandiose Stücke hinzugefügt. Vereinzelt werden auch noch Unbeirrbare in Trainingsjacke gesichtet.

Video-Tipp: „Auf dem Pfad der Dämmerung“ von Tocotronic