Auf der Bühne sei sie alles, was sie im Alltag gern wäre, sagt Anna Calvi. Im Alltag ist die zierliche Londonerin scheu und zurückhaltend, blickt beim Sprechen verunsichert zu Boden. Betritt sie eine Bühne, wirkt sie plötzlich selbstbewusst und gefährlich. Die Haare streng nach hinten gebunden, die Augen tiefschwarz und die Lippen blutrot geschminkt, hat sie etwas Divenhaftes, ist verrucht und verführerisch. „Wenn ich meine Gitarre umhabe, fühle ich mich selbstsicher, so als hät te ich alles unter Kontrolle“, sagt die 28-Jährige. „Das ist ein nahezu meditativer Zustand, den ich nur erreiche, wenn ich auf der Bühne stehe.“

Entsprechend fesselnd sind ihre Auftritte. Egal ob sie mit ihrer durchdringenden, klaren Stimme Songs covert wie „Jezebel“, das einst auch Edith Piaf gesungen hat, oder Stücke ihres Anfang des Jahres erschienenen Debütalbums „Anna Calvi“ spielt – die Intensität und Leidenschaft, mit der sie jede einzelne Note vorträgt, ist faszinierend und bewegend. Gleiches gilt für Calvis Gitarrenkünste, denn ihren sechs Saiten entlockt die Britin zwischendurch die ungewöhnlichsten Töne. Zwei Musiker begleiten sie da bei an Schlagzeug, Harmonium und allerlei Spielereien wie Triangel, Glockenspiel und anderen Percussioninstrumenten. So zitiert Calvis Rock und Pop an mancher Stelle durchaus Oper oder Klassik, und die Dramatik der Songs erinnert an Nick Cave und PJ Harvey.

Damit all das auf der Bühne optisch perfekt aussieht, trägt Calvi übrigens selbst designte Blusen und Hosen, die vom Flamenco- Look inspiriert sind. „Flamenco und die Kostüme, die dabei getragen werden, sind für mich pure Leidenschaft“, sagt die Londonerin. „Da gibt es kein Zurückhalten, man lässt einfach alles raus, alle Emotionen. Das macht zwar verletzlich, aber auch sehr stark.“ Verletzlich und stark, so wie Anna Calvi selbst.

Video-Tipp: „Jezebel“ von Anna Calvi