Es kommt der Moment im Leben eines bärtigen Folk-Musikers, an dem die vertraute Stille nicht mehr genügt. An dem das einsame Zupfen melancholischer Gitarrenmelodien zwar für den Moment taugt, nicht aber als künstlerische Vision für die Bühnen dieser Welt. Bei Barden wie William Fitzsimmons, Ray LaMontagne oder halt dem ebenfalls mit reichlich Gesichtshaar gesegneten Sam Beam alias Iron & Wine kann man die gleiche Wandlung erkennen: Aus dem Alleinunterhalter mit minimalem Aufwand wird der Bandleader, aus dem einst so intimen Klang ein opulenter, kraftvoller Sound.

Bei Konzerten kann man dann Zeuge eines interessanten Schauspiels werden: Während sich die sechs Musiker um Congas, Panflöten, Schlagzeug, Keyboards, Harfen und Marimbas versammeln, teilt sich das Publikum unsichtbar in zwei Teile. Vorn die aufgeschlossenen Fans, die dem 37-jährigen Sänger an den fusseligen Lippen hängen und sich mit den Worten der Indiefolk-Poesie hinfortträumen. In den hinteren Reihen die verständnislosen Anhänger, die sich mit verschränkten Armen und ernster Miene nach dem spärlichen Sound früherer Tage sehnen.

Dabei spielen Iron & Wine doch alles andere als Stadionrock. Selbst mit großem Equipment werden, mal lauter, mal leiser, sämtliche Spielarten melancholischer Folk-Musik seziert. Fein säuberlich und mit allerhand Feingefühl. Am besten verinnerlichen die beiden Fangruppen einfach den Titel des aktuellen Albums: Das heißt „Kiss Each Other Clean“ – bessere und schönere Begleitmusik zum Knutschen gibt es in diesem Monat auf keiner anderen Konzertbühne Deutschlands.

Video-Tipp: „Boy With A Coin“ von Iron & Wine