Wenn eine so talentierte wie wunderschöne Popsängerin plötzlich den Sex für ihre Kunst entdeckt, staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich. Als Nelly Furtado 2006 mit ihrer dritten LP „Loose“ den Grundstein für ihren Aufstieg zum weltweit erfolgreichsten Pop-Act legte, war das nicht anders. Kritiker unkten, sie klammere sich nach den schwachen Verkaufszahlen des Vorgängeralbums an den letzten Strohhalm. Alle anderen kauften die Platte und damit die schwülen Miami-Beats von Meister Timbaland. Bis hierhin hatte Frau Furtado ohnehin schon einen langen Weg zurückgelegt: vom quirligen Spring-ins-Feld des Debüts „Whoa, Nelly“ über die reflektierende junge Mutter auf ihrem Album „Folklore“ zur selbstbewusst besungenen „Männerfresserin“ von heute. Live ist die Kanadierin mit den portugiesischen Wurzeln schon immer mehr als nur die Summe ihrer diversen Facetten gewesen. Nellys in Interviews häufig anstrengende Hyperaktivität ist für ihre Bühnenshow ein Segen. Und auch wenn die zahlreichen „Loose“-Hits inzwischen den Kern des Sets bilden, verkommen die Shows noch lange nicht zu simplen Disco-Nummernrevues. Schließlich singt die wandelbare Dame dazwischen auch ältere Perlen wie „Explode“ oder „Try“ zur Akustikgitarre – Songs, deren Reife sich mit jedem Jahr mehr offenbart. Nelly Furtado hat am Rande ihres langen Weges eine Menge unwiderstehlicher Einflüsse aufgesammelt.

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