Gentleman ist derzeit mit seinem neuen Album „New Day Dawn“ auf Tour. Wir trafen Tilmann Otto in Leipzig, wo er uns verriet, warum er vom Skateboardfahren nur noch träumt, Tee momentan eine größere Rolle spielt als Drogen und welchen Einfluss die „nervige, aber wichtige“ Homophobie-Debatte auf jamaikanische Songs hatte.

Gentleman im PRINZ-Interview

Gentleman tourt derzeit deutschlandweit mit seinem Album "New Day Dawn"

Viele Künstler gehen mittlerweile ihren Weg ohne Major Label. Du bist bei einem (Universal). Warum?
Man muss das Team, mit dem man arbeitet, fühlen können und man muss eine gemeinsame Vision haben. Eine Zeit lang passt was und dann mal wieder vielleicht nicht. Ich war 10 Jahre bei dem Independent Label Four Music, das aber im Grunde auch an die Sony angedockt war. Ich glaube, es ist ganz wichtig, eine Plattenfirma zu finden, die einem wirklich in dem unterstützt, was man machen will. Wenn es jetzt ein Major ist, OK. Wenn es keins ist, dann ist es auch in Ordnung – solange du deine Visionen umsetzen kannst. 

Aber das geht doch meistens nur, wenn der Künstler bereits etabliert ist.
Man darf nie was verallgemeinern, aber ich würde schon sagen, da hast du wahrscheinlich Recht. Für etablierte Künstler macht es mehr Sinn. Und für Newcomer macht es wirklich auch Sinn, ein Plattenlabel aufzubauen. In der heutigen Zeit wird es für neue Künstler immer schwieriger. Wenn das erste Album nicht funktioniert, ist es eher unwahrscheinlich, dass dann noch ein zweites gemacht wird. Damals war es eben noch so, dass man an den Künstler geglaubt hat und dass dann trotzdem weitergemacht wurde. Das war bei mir ja auch der Fall. Mein erstes Album war auch nicht erfolgreich. Der Stern hatte damals geschrieben: ‚Ein neuer auf dem Fanta-Vier-Label, man stelle sich das Ganze so vor: Wie der Rhein davon träumt, die Karibik zu sein.’ (lacht)


Da gab es doch dieses Jahr auch den Artikel „Der Pfarrersohn Gentleman und sein Pseudo-Reggae“. Wie ist das so, wenn du solch einen Verriss liest? Berührt dich das?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es geht mir am Arsch vorbei. Vor allem war das so geschrieben, als wenn ich was mit seiner Frau gehabt hätte. Das war ja richtig persönlich. Ich glaube, ich kann mit Kritik umgehen, zwar nicht sofort, aber ein oder zwei Tage später dann. Dann sehe ich auch ein, dass z.B. ein Konzert oder die Singleauswahl nicht gut war. Aber das ging unter die Gürtellinie. Und das tut natürlich schon weh. Aber ich versuche, generell Kritik und Lob nicht zu sehr an mich ranzulassen. Mir gelingt das immer besser. 

Spielt das Alter oder Älterwerden für dich eine Rolle?
Ich glaube, ich werde gelassener. Zwar gibt’s auch Phasen in meinem Leben, wo ich das Gefühl habe, dass ich überhaupt nicht mehr wachse. Aber im Allgemeinen fühlt sich das Älterwerden gut an. Und auch immer noch dasselbe zu machen, immer noch Leidenschaft zu haben und viele Ideen, die ich musikalisch noch manifestieren will – das ist das, was mich auch lebendig hält. 


Du sagtest mal, dass du heute vom Skateboardfahren nur noch träumst. Warum tust du es nicht mehr?
(lacht) Och, ich glaube, da macht der Kopf das Älterwerden, der auf einmal denkt: Wenn ich jetzt umknicke, dann ... Und das war früher nicht. Ich habe schon noch ein Longboard und fahre damit auch manchmal rum. Aber ich werde ängstlicher, was Stunts angeht. Ich hatte früher andere Ängste, die ich heute überhaupt nicht mehr habe, aber dafür gibt’s im umgekehrten Sinne auch Ängste, die heute da sind, die früher nicht da waren. 


Was tust du z.B. heute nicht mehr, was du früher gemacht hast?
Ich nehme keine Drogen mehr. Ich bin hier voll auf Tee gerade (lacht). Ich werde jetzt auch niemals nie sagen, ich werde vielleicht schon mal wieder meine Phase haben, wo ich auch mal wieder Lust auf einen Rausch habe. Aber im Allgemeinen kann ich sagen, ich will einfach wieder was mitkriegen. Ich fühle mich dadurch auch besser: bin wacher und kommunikativer.



In „You Remember“ hinterfragst du die Sozialen Medien wie Youtube, Facebook und Twitter. Nutzt du Facebook und Co. auch privat?

Nein, Tilmann Otto hat keine Facebook-Seite und ich habe auch nur vier enge Freunde, mit denen ich alles teile. Und das sind dieselben wie vor 20 Jahren. Ansonsten gibt’s einen Facebook-Gentleman-Account. Das finde ich super spannend, um zu wissen, wie die Fans das Konzert fanden und auch um Informationen und Emotionen zu teilen. Ich finde Facebook jetzt auch nicht schlimm, wenn man es als Informationsquelle benutzt. Twitter benutze ich nicht, nee, das ist mir ein bisschen suspekt – dieses Kurzding (schmunzelt). Aber ich finde schon, dass wir drauf achten müssen, das Individuelle und Persönliche zu erhalten. Das geht so ein bisschen flöten. Ich habe schon das Gefühl, dass es viele – auch junge Leute – nervt, wenn alle irgendwie nur noch nach unten auf ihr Handy gucken.

Schreibst du Briefe?
Nein.

Hast du früher Briefe geschrieben?
(lacht). Nein, ich bin auch raus beim Postkarten schreiben. Das war auch nur eine Metapher in dem Song. Einen Brief zu schreiben, ist eben was Persönliches. Aber es ist ja auch persönlich, dass wir jetzt hier sitzen und uns in die Augen gucken und das eben nicht per Skype machen.  

Die Debatte über homophobe Texte in Reggae- und Dancehall-Songs ist wieder abgeflacht. Denkst du, das Thema ist in Deutschland durch?
Nein, das Thema wird nie durch sein. Aber mittlerweile ist es so, wenn du mal nachguckst, was in Jamaika die letzten 5 Jahre an Songs released wurde, wirst du es schwer haben, einen Song zu finden, der homophobes Gedankengut beinhaltet. Es gibt eigentlich kaum noch Künstler, die homophobe Texte machen, weil sie mittlerweile begriffen haben, dass die Welt da einfach anders denkt. Es gibt in diesem Land, wo Schwule verfolgt werden, mittlerweile auch ganz viele mutige Menschen, die sich outen. Das war vor ein paar Jahren unvorstellbar. Und das sind ja positive Entwicklungen. Zum Glück hat die Diskussion, auch wenn sie manchmal nervig war, stattgefunden.

Auch in Jamaika?
Ja, natürlich! Wenn irgendwann keine Visa mehr verteilt werden und die Künstler nirgend wohin mehr reisen können, ist natürlich klar, das sich was ändern muss. Ich glaube, in Jamaika haben es mittlerweile auch alle kapiert. Es gibt immer noch viel zu viel Homophobie dort, nach wie vor. Aber was Musik angeht, hat das Extreme abgenommen – darüber bin ich sehr glücklich. Die meisten in Jamaika sind homophob, jetzt auch immer noch. Aber die Wenigsten verfassen noch ihr intolerantes Gedankengut in Songs.

Gab es da auch persönliche Debatten zwischen dir und z.B. Sizzla?
Ja, wir haben oft Diskussionen gehabt, bei denen ich gesagt habe, dass ich es nicht nachvollziehen kann, wie man jemanden aufgrund seiner Sexualität so verurteilen kann. Ich sage immer: ‚Chillt euch doch mal, wo ist denn das Problem?’ Aber das stößt halt auf Unverständnis. Es ist eine ganz tief verwurzelte Einstellung – diese Mischung aus dem Old School Gesetz gegen Homosexuelle, aber auch das Christentum und die Bibel, das den Leuten aufgezwungen wurde. Trotzdem habe ich schon das Gefühl, dass sich da einiges tut gerade. Und da bin ich froh drüber.