Mo, 14. Oktober 2019 Uhr
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PRINZ im Interview: Lacrimosa

Spätestens Ende der 90er-Jahre etablieren sich Lacrimosa als eine der einflussreichsten deutschen Gruppen von internationalem Format!



Dass sich Tilo Wolff noch nie mit Vordergründigem abgegeben hat, ist kein Geheimnis. Somit dürfte es auch nicht wundern, dass hinter dem Namen Lacrimosa mehr steckt, als einfach nur der Name. Für den Lateiner ergeben die Worte lacrimae und mosa den Ausdruck fließende Träne. Für denjenigen, der sich mit Mozarts Werken auskennt, dürfte Lacrimosa auch Erinnerungen an dessen letztes unvollendetes Requiem wecken, welches einen Teil enthält, der mit Lacrimosa betitelt ist. Dieser unvollendete Teil wurde später von Mozarts Schülern abgeschlossen.

Der aus Frankfurt am Main stammende Tilo Wolff und seine Band Lacrimosa machen zum ersten Mal 1990 von sich reden. Tilo, der eine klassische Ausbildung am Flügelhorn und an der Trompete hinter sich hat und auch was vom Klavierspielen versteht, nimmt in einem kleinen Studio in der Nähe von Basel zwei Songs komplett im Alleingang auf und zeichnet sogar das Cover für das Tape selber.

Lacrimosa haucht der in den letzten Zügen liegenden Gothic Szene neues Leben ein. Was Tilos Musik von Beginn an auszeichnet, sind klassisch angehauchte, schwermütige Melodien in Verbindung mit seinem tragendem Gesang und poetischen Texten, die trotzdem nie an der Realität vorbei ziehen. Trotzdem dauert es bis zum 27.02.1993, ehe Tilo den Schritt auf die Bühne wagt. Sein erstes Konzert gibt er in Leipzig, durch den Erfolg ermutigt, lässt er diesem bald weitere folgen.

Über 20 Jahre später stehen Lacrimosa noch immer auf der Bühne und verzaubern nicht nur auf ihren Studioalben die Zuhörer.Die melodisch-weitschweifigen Hymnen, die mit elektronischen Beats, Klassik-Elementen oder Chorgesang verknüpft werden, sind gerade in der Live-Situation ein Hörgenuss sondergleichen. Doch gerade weil die Band um Tilo Wolff und Anne Nurmi auch in Asien und Amerika eine Riesenfangemeinde unterhalten muss, sind die Gelegenheiten, Lacrimosa in unseren Breitengraden zu sehen, immer seltener geworden und sollten mit sofortiger Ticketreservierung bedacht werden. Am 26.07.2014 stehen Lacrimosa nochmals in Deutschland auf der Bühne – im Schlosshotel Klaffenbach in Chemnitz! 

Infos und Tickets findet ihr hier!

Wir trafen Tilo Wolff auf ein musikalisches Gespräch und wollten mehr über das Songschreiben, das neue Live-Album und Zukunftspläne wissen:


Lacrimosa sind international eine der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt. Hierzulande scheint das kaum jemand mitbekommen zu haben.

Ja, das führt manches Mal zu lustigen Situationen. Vor einiger Zeit wollten wir auf einen Markt in Mexiko Stadt und kaum waren wir aus dem Auto gestiegen, kamen Menschen auf uns zugelaufen und wollten Autogramme und machten Fotos und während wir so eingekreist standen, hörte ich, wie sich deutsche Touristen, die sich das Ganze anschauten, unterhielten: „Kennst Du die?“ – „Nein, keine Ahnung, das ist sicher eine mexikanische Band.“    

Wie würdest du euren jetzigen Musikstil in ein paar Sätzen selbst beschreiben? Ist es noch Gothic oder ist es schon eher moderne Klassik?

Grenzenlos. Wir verbinden Rock mit Klassik, mit Metal und sogenanntem Alternative und Texten mit etwas Tiefgang. Gothic hatten wir eigentlich nie wirklich gemacht, wir wurden nur immer in dieses Genre gesteckt, weil ich ursprünglich aus dieser Szene komme, was man mir optisch auch noch immer ansieht. Aber musikalisch war LACRIMOSA immer schon recht eigenständig und deshalb auch Stil prägend für manche anderen Bands.  

  

Deine Texte haben sich im Lauf der Jahre verändert. Würdest du sagen, dass sie insgesamt positiver geworden sind?

Ich würde sagen, die Blickwinkel sind vielseitiger und differenzierter geworden. Für den Betrachter macht es einen großen Unterschied, ob er die Wurzel oder die Blüte einer Blume sieht. Der Blume ist das hingegen relativ egal. Und wenn man den Bogen weiter spannt, dann sieht man in der Raupe, die man berührt und beschreibt, bereits den Schmetterling. Mit 17 hatte ich einen anderen Blick auf die Welt als ich ihn heute mit 41 habe, aber die Augen, das verarbeitende Gehirn und die zugrunde liegende Seele sind die Selben, aber eben nicht mehr ganz die Gleichen. Und dementsprechend haben sich meine Texte entwickelt. Trotz allem war und ist der Schmerz seit jeher die größte Energiequelle des Künstlers.      

Wie gehst du an das Schreiben eines neuen Stückes heran? Komponierst du eher klassisch mit Noten oder nimmst du Tonfolgen auf und spielst diese deinen Musikern vor?

Meist setze ich mich mit einem Gefühl oder einem Text an das Klavier oder nehme die Gitarre und spiele blind drauf los. Sobald die ersten Harmonien oder Melodien entstehen, die das gesuchte Gefühl oder den Inhalt des Textes wider geben, beginne ich mit dem Arrangement das direkt in die Komposition mit einfließt und hierfür arbeite ich oft mit Noten, damit die Orchester Musiker aber auch die Band die Musik direkt umsetzen kann und jeder gleich weiß, wer wann wie gefragt ist.   

Wenn man sich den Lacrimosa-Konzertfilm „Lichtjahre“ anschaut, sieht alles danach aus, dass ihr die verrücktesten und anhänglichsten Fans in Mexiko habt.

Ja, da sind wir wirklich sehr gesegnet. Ich glaube man hat es uns in Mexiko auch nie vergessen, dass wir eine der ersten europäischen Bands waren, die zu ihnen rüber gekommen sind und für sie gespielt haben. Mit LACRIMOSA haben viele Mexikaner ihren ersten Kontakt mit Musik abseits des Mainstreams gehabt.

Habt ihr euch deshalb auch für das Konzert in Mexiko entschieden, als es um die Planung des neuen Livealbums ging?

Ja, in Deutschland hatte wir 1998 unser erstes Live-Album aufgenommen und nun wollten wir einmal auf Platte pressen wie es klingt, wenn ein mexikanisches Publikum deutsche Texte mitsingt. Und ich finde, das klingt verdammt gut!

Warum habt ihr euch generell für ein weiteres Live-Projekt entschieden?

Dafür gibt es eigentlich vier Gründe: Der Erste ist, dass unser letztes Live-Album bereits 7 Jahre alt ist. Viele kannten uns damals noch nicht und die Songs, die wir auf den letzten Live-Alben gespielt haben, bedeuten ihnen weniger als die neuen Songs.

Der Zweite ist, dass ich die Live Versionen der neuen Songs archivieren wollte. Zudem haben wir auch wieder tief in das Repertoire von LACRIMOSA gegriffen und es ist spannend zwischen den Live-Alben zu vergleichen, wie sich ältere Songs in den Jahren entwickelt haben. Drittens habe ich in den letzten Jahren einige Konzerte anderer Künstler gesehen und wenn ich dann anschließend wieder zuhause war, hätte ich viel dafür gegeben, noch Mal in diese Konzert-Stimmung eintauchen zu können. Als dann LEONARD COHEN von seiner Tournee gleich zwei Live-Alben veröffentlicht hat, habe ich mir die sofort besorgt. Und genau das wollte ich unseren Konzertbesuchern auch anbieten, denn die letzte Live-Platte war ein Zusammenschnitt der damaligen Welt-Tournee aber nicht das Einfangen eines einzigen Konzertes mit all seinen Stimmungsbögen, ganz ohne Schnitte, pur und genau so, wie die Konzerte dieser Tournee stattgefunden haben. Deswegen habe ich auch unseren Live-Tonmann Nils Rieke, der jeden Abend am Mischpult gestanden hatte, gebeten, dieses Album abzumischen, damit es genau so klingt, wie die Konzerte geklungen haben. Ja, und viertens der schon genannte Grund: In der Musikgeschichte gab es noch nie ein Album, auf dem ein mexikanisches Publikum deutsche Texte mitsingt.

Können wir auch wieder ein Studioalbum mit neuen Songs erwarten?

Klar, ich schreibe gerade eine Nummer die mich schon wieder total fasziniert… ich glaube ich verliere nie diese Faszination für das Komponieren von neuer Musik. Das ist einfach ein wunderschönes Gefühl, als ob man in ein Meer voller Träume springen darf!

Wie schätzt du selbst die Bedeutung von Lacrimosa für die Szene ein? Was glaubst du hast du für diese Musikrichtung bewirkt? Wo liegt das Geheimnis des Erfolges?

Ich selbst möchte mir nicht anmaßen, derartige Spekulationen zu machen, aber ich darf vielleicht die einen oder anderen Berichte zitieren, in denen LACRIMOSA zusammen mit zwei weiteren Gruppen als die Bands beschrieben wurden, die Anfang der Neunziger die Szene wieder belebt und vor dem Aussterben gerettet hätten. Später hat man LACRIMOSA als Mitbegründer des Gothic-Metal und als Erfinder des Symphonic-Metal bezeichnet, wobei ich selbst in diesen Kategorien nie überlegt habe. Ich höre gerne GUNS’N’ROSES, MOZART und JOY DIVISION und ich wollte einfach nur Musik machen, in der das alles zusammen kommt. Beim Metal fehlte mir oft der Tiefgang, bei der Klassik der Kontrast und beim Gothic die Härte.

  

Was möchtest du mit Lacrimosa noch erreichen? Gibt es noch Ziele oder genießt du einfach die Zeit, dass eure Musik noch immer soviel Gehör findet?

Ja, ich genieße und wünsche mir, dass die Reise noch ein paar Jahre weiter geht. Nächstes Jahr feiern wir unser 25jähriges Jubiläum. Das ist ein unglaubliches Geschenk! 

Wo siehst du selbst deine Einflüsse – Welche Bands oder Komponisten haben dich beeinflusst? 

Das ist so eine lange und breite Liste. Ich erinnere mich so gut daran, wie ich mein erstes Album gekauft habe. Das war „The Final Cut“ von PINK FLOYD. Nur daran zu denken macht mir schon wieder Gänsehaut. Als ich hörte, wie Roger Waters Gesang in ein Saxophon-Solo mündet ist mir die Kinnlade runter gefallen. Ich war damals 11 Jahre alt und konnte nicht fassen, was ich da gerade hörte. Alleine dieses Album hat mich so unendlich tief beeinflusst, und dann habe ich DAVID BOWIE kennen gelernt, und dann AC/DC und MARILLION und BAUHAUS. Und dann habe ich mich in ein Violinenkonzert von BACH verliebt und bald fing ich an, Nachmittage lang in meinem Zimmer zu sitzen und Opern zu hören. Und wenn ich mir heute ein Album kaufe, das frisch raus gekommen ist, dann bin ich fasziniert, dass es immer wieder neue Musik gibt, die einen bis ins Mark berühren und begeistern kann. Und das, obwohl es schon so viel schöne Musik gibt. Das ist Wahnsinn!     

Ein sehr schönes Zitat von dir ist „Es ist der Traum, der mich geführt; und folgen werde ich bis in die Glut“. Was bedeutet dieser Satz für dich?

Keine Angst zu haben für das einzutreten und zu kämpfen, das in einem brennt. Wir Menschen haben nebst unserem Geist, der uns hilft zu überleben, die wunderbare Welt der Emotionen. Wir sind begeisterungsfähig, wir können träumen, mitfühlen, lieben! Selbst wenn ich für das Erleben dieser Emotionen sterben müsste, ich würde es nicht bereuen, denn ein Leben ohne Liebe ist kein Leben – um dieses Gespräch mit einem weiteren LACRIMOSA-Zitat zu beenden. 

Vielen Dank Tilo! 

Ich danke Dir! Deine Fragen haben mir sehr viel Spaß gemacht!


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