Mo, 26. August 2019 Uhr
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PRINZ im Interview: Selig

Selig starten ihre „20 Jahre Selig – Die Besten Tour“. Wie es zum Cut und zur Wiedervereinigung kam und warum viele Reunions einfach nur bescheuert sind, erzählt der Selig-Gitarrist Christian Neander.



Selig starten ihre „20 Jahre Selig – Die Besten Tour“. Dass die Hamburger Band die 20 voll macht, ist keineswegs selbstverständlich. Denn nachdem die Rockband Erfolge feierte mit Songs wie „Wenn ich wollte“, „Ohne dich“ und „Knockin‘ on Heaven‘s Door“ trennten sich ihre Wege für ganze 10 Jahre. Sänger Jan Plewka initiierte 2008 die Reunion. Wie es zum Cut und zur Wiedervereinigung kam, wie sie „den ganzen Mist aufgeräumt“ haben und warum viele Reunions einfach nur bescheuert sind, erzählt der Selig-Gitarrist Christian Neander.

Ist man nach 20 Jahren eigentlich Freunde oder eher Kollegen?
Das schwankt immer mal so ein bisschen. Meistens sind wir eine verschworene Freundebande. Und manchmal ist es eher kollegial. Es gibt ja auch viel zu erledigen – dann geht es geschäftlich zu. Aber es gibt auf jeden Fall auch mal so Phasen, wo man sich über hat.

Was hat sich in den 20 Jahren am meisten verändert? Was ist gleich geblieben?
Ich glaube, ich war früher viel getriebener und hatte das Gefühl, das und jenes noch machen und durch die Wand gehen zu müssen. Jetzt nehme ich alles viel mehr wahr, es macht viel mehr Spaß. Ich war immer so gejagt: Immer das Beste und Wildeste. Und jetzt: Die Musik ist genauso geblieben, aber die Wahrnehmung ist eine andere geworden.

Meinst du das liegt auch am Alter?
Es hat auf jeden Fall einen Einfluss darauf. Aber auch Kinder zu haben, hat einen Einfluss, weil man sein Ego besser in den Griff kriegt. Man ist ruhiger und auch dankbarer geworden, was man hat. Man nimmt sowieso jeden Tag bewusster wahr – versucht das zumindest.

Was sind denn so die typischen Reibungspunkte bei euch in der Band, wo es auch schon mal richtig krachen kann?
Ich glaube, die unterschiedlichen Lebensentwürfe.

Sind die so unterschiedlich bei euch?
Wir haben zwar alle Kinder, aber bei einigen ist schon mehr Rock’n’Roll als bei anderen. Auch die verschiedenen Auffassungen von Musik führen manchmal zu Schwierigkeiten. Hauptsächlich ist es so, wie bei einem alten Ehepaar, dass es zwar Sachen gibt, die einen an dem anderen aufregen, man weiß aber genau, dass man das nicht mehr ändern kann. Und dass es auch albern ist, sich darüber aufzuregen, aber man tut es halt trotzdem irgendwie immer wieder (lacht).

Noch mal zu dem Reibungspunkten: Ihr habt ja mit Jan einen omnipräsenten und exzentrischen Frontmann. Nervt das, dass er die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht?
Nein. Ich bin z.B. ganz froh darüber – ich muss gar nicht so viel Aufmerksamkeit haben. Ich habe mir eh immer eher gedacht, dass das für ihn ziemlich stressig ist. Nee, das war eigentlich nie ein Reibungspunkt.

Entscheidet ihr alles demokratisch in der Band – oder sagt dann irgendeiner: Das wird jetzt so und so gemacht?
Nein, das wird schon alles demokratisch entschieden und das funktioniert auch ziemlich gut. Manchmal muss man sich auch mal länger unterhalten. Wir haben uns ja aufgelöst und sind dann wieder zusammen gekommen und haben auch ganz viel gesprochen, wie es sein muss – und zwar, dass auch jeder seinen Raum bekommt und Verständnis dafür da ist. Früher gab es Selig für 24 Stunden und jetzt produzieren wir auch sehr viel selbst und schreiben für andere. Alle machen ihren Kram und haben ihren Raum neben Selig.

Kriegt ihr das denn auch zeitlich hin, Selig zu haben und eure eigenen Projekte durchzuführen?
Ja, das geht sogar sehr gut. Man muss halt aufpassen, dass nicht alle den Kalender vollballern. Es ist alles immer sehr scharf getimed – aber gut.

Ihr hattet euch für 10 Jahre getrennt. Was war der Grund?
Es war einfach zu viel von allem. Man hätte sich mal eine Pause gönnen müssen. Wir haben viel zu viel gemacht. Und es war manchmal wie so ein Wahn. Jan konnte dann auch nicht mehr, der war einfach total ausgebrannt. Und dann haben wir irgendwie immer weiter gemacht, viel übertrieben. Ich habe das zwar gesehen, aber ich wollte das nicht wahrhaben. Es hat jemand von außen gefehlt, der sagt: „Leute, ihr seid so müde und verrückt – jetzt macht mal eine Pause! Wir haben genau das Gegenteil getan. Es wurde immer mehr. Wenn man mit fünf Leuten unterwegs ist, stauen sich natürlich Probleme an, über die man reden muss und das braucht auch Zeit. Und wenn man aber nur noch wie so eine Maschine durch die Gegend rast, dann vergisst man, aufeinander aufzupassen. Den Punkt haben wir deutlich überschritten und dann explodieren halt so Sachen. Ich habe mich damals mit Jan und Leo auch ganz schlimm gestritten. Und das war etwas, das eigentlich nicht nötig war. Das hätte man vorher klären können.

2008 gab es die zur Reunion. Wie kam das? Wer ist denn auf wen zugekommen nach 10 Jahren?
Jan hat mich tatsächlich angerufen und gesagt: „Hallo Christian. Wollen wir das noch mal machen? Lass uns treffen, ich hätte total Lust – 10 Jahre sind vorbei.“ Ich war sehr skeptisch, weil wir uns auch 10 Jahre nicht gesprochen haben.

10 Jahre Funkstille?
Ja, 10 Jahre lang. Einmal haben wir uns auf einem Festival getroffen und haben uns so ganz bescheuert die Hand gegeben und das war’s. Das war echt schlimm. Deswegen war ich sehr verwundert über den Anruf. Jan hat dann alle anderen angerufen – er war der Initiator – und dann mussten wir erstmal sehr lange sprechen. Wir mussten erstmal ein dreiviertel Jahr miteinander sprechen, wie denn quasi die Regeln dafür sind oder was schiefgegangen ist – also so eine Art Psychoanalyse. Und dann haben wir das alles bereinigt, und sind in den Proberaum gegangen, um zu gucken, ob wir musikalisch was zu sagen haben. Weil einfach nichts schrecklicher ist, als Reunions, die komplett nur auf Geld aus sind – und einfach bescheuert sind (lacht). Dieser erste Tag im Studio war toll! Da musste ich selbst zugeben, wie stark ich das vermisst hatte, mit dieser Band zu spielen. Es sind einfach alles tolle Musiker.

Würdest du im Nachhinein sagen, dass die 10 Jahre genau richtig waren? Oder bereust du die lange Zeit?
Das ist eine komplexe Frage. Ich glaube, das war genau richtig für uns. Jeder konnte seine Wege gehen und herausfinden, wer er denn unabhängig von Selig ist. Das braucht ja auch seine Zeit. Und alle haben Kinder. Wahrscheinlich war es genau richtig, das als Basis zu haben. Sonst wäre uns das um die Ohren geflogen. Oder aber: hätte, hätte, Damentoilette … (lacht). Ich bin eigentlich sehr froh, so wie es jetzt ist. Im Nachhinein war das alles sehr gut so. Es war einfach nur krass. Das war auch echt harte Arbeit, diesen Mist irgendwie aufzuräumen.

Selig – Von Ewigkeit zu Ewigkeit

20 Jahre Selig – Die Besten Tour

Freitag 22.08.2014 – Aachen Stolberg (Kulturfestival X)
Samstag 23.08.2014 – Leipzig Parkbühne
Sonntag 24.08.2014 – Hamburg Stadtpark
Dienstag 02.09.2014 – Braunschweig Kulturzelt
Freitag 10.10.2014 – Bremen Hemelingen
Samstag 11.10.2014 – Wuppertal Live Club Barmen
Sonntag 12.10.2014 – Köln Live Music Hall
Dienstag 14.10.2014 – Wiesbaden Schlachthof
Mittwoch 15.10.2014 – Stuttgart – Wangen LKA-Longhorn
Donnerstag 16.10.2014 – Zürich Complex 457
Samstag 18.10.2014 – München Theaterfabrik / Optimolwerke
Sonntag 19.10.2014 – Wien Arena
Montag 20.10.2014 – Dresden Reithalle
Mittwoch 22.10.2014 – Berlin Huxleys


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