Mi, 16. Oktober 2019 Uhr
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PRINZ im Interview: Bürger Lars Dietrich

Pünktich zum 25-jährigen Jubiläum von Mauerfall und Wiedervereinigung kommt endlich die erste ultimative DDR Comedyshow auf die Bühne. PRINZ sprach dazu mit Bürger Lars Dietrich!



Bürger Lars Dietrich sieht sich selbst als Entertainer – Rappen, Singen, Tanzen, Comedy oder Schauspielerei – die Liste seiner Talente ist lang. Nun geht der gebürtige Potsdamer zurück auf die Bühne und präsentiert die D.D.R. – „Dietrichs Demokratische Republik“!

Nach seinem Schulabschluss absolviert Lars eine Ballettausbildung an der Palucca-Schule in Dresden. Seine klassische Tanzausbildung führt er an der Staatlichen Ballettschule Berlin fort. 1992 orientiert er sich um und wird bei den DEFA-Studios in Babelsberg Stuntman. 1995 wird er Co-Moderator von Stefan Raabs Sendung Vivasion beim Musiksender VIVA. Zu dieser Zeit entsteht auch die Neuauflage des Jürgen Drews Titels „Ein Bett im Kornfeld„. Der musikalische Durchbruch gelingt 1996 mit dem deutschen Cover „Sexy Eis“ – eine Parodie auf „Sexy Eyes“ von Dr. Hook. Seitdem ist der Tausendsassa in vielen verschiedenen Medien zugegen. Er moderiert im Kinderfernsehen, er macht Comedy, singt und tanzt sich durch viele Formate!

Pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum von Mauerfall und Wiedervereinigung kommt er nun mit seinem Programm „D.D.R. – Dietrichs Demokratische Republik“ zurück auf die Bühne! In authentischer Kulisse und mit „modernsten“ technischen Mitteln – zwischen Neubau-Sitzecke und dem ersten „Luxotron“ Flachbildfernseher – präsentieren Bürger Lars Dietrich und seine befreundeten „Genossen“ Volker Zack, Matthias Schlung und Tanja Wenzel eine Gagparade mit persönlichen Anekdoten, Sketchen, Songs und Filmen rund um die „gute alte DDR“. Regie führt mit Matthias Kitter, ein Spezialist für szenische Comedyformate, er wurde bereits zweimal mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Kitter war Regisseur von legendären Sendungen wie „Schmidteinander“, „Die Wochenshow“, „Die Dreisten Drei“, „Mensch Markus“ und „Die Kurt Krömer Show“.

Dietrichs Demokratische Republik“ ist ein brodelnder Kessel bunter Osterinnerungen und zeigt den täglichen Überlebens- und Klassenkampf des kleinen Mannes. Wir trafen Bürger Lars Dietrich und wollten mehr über das Leben in der DDR, Breakdance in der DDR und natürlich mehr über das neue Programm erfahren: 

Moderation, Schauspielerei, die Arbeit mit Kindern bei Nickelodeon, Musik, jetzt ein neues Programm. Man kann nicht behaupten, dass du faul bist. Was macht dir eigentlich an deiner Arbeit am meisten Spaß?

Das ist eben diese Vielseitigkeit, die ich ausleben kann. Ich habe schon als Kind alles in mich aufgesogen. Natürlich auch all das, was aus dem West-Fernsehen kam, denn da waren meine ganzen Vorbilder. Die fanden sich in der Moderation, aber auch in Komikern wieder. Ich fand grundsätzlich Bühne toll und wollte alles mal ausprobieren und machen. Und das kann ich und mach das nun auch schon seit langer Zeit.

Du bist ja Jahrgang ’73, gehörst also zu der Generation, die in der DDR Kindheit und Schule noch gerade so vollständig mitgemacht hat. Wie würdest Du das Grundgefühl deiner Kindertage beschreiben?

Unschuldig – verglichen mit dem heutigen. Nicht nur weil ich jetzt um Tausend Erfahrungen reicher bin, sondern weil man damals auch ein bisschen verschont wurde von schlechten Nachrichten, bezogen auf Länder, die weit von uns entfernt waren zum Beispiel. Wir fühlten uns behütet, würde ich mal behaupten. Das war einfach ein positives Gefühl, mit dem man aufgewachsen ist. Mord und Totschlag gab es, nach unserer Kenntnis, nur im Westen. Was natürlich Quatsch ist, aber unsere negativen Geschehnisse im Osten wurden nicht so in den Vordergrund gestellt – fast schon verschwiegen. Dadurch war die Grundstimmung lockerer und man war dann doch offener und nicht ganz so misstrauisch.

Für deine Generation kam die Wende ja auch gerade rechtzeitig, um den Weg ins „Erwachsenenleben“ frei wählen zu können. Bist Du eigentlich geworden, was Du werden wolltest oder hat die Wende alle Pläne zu Nichte gemacht?

Naja, meine Pläne hat sie nicht zu Nichte gemacht. Meine Pläne waren schon ähnlich. Ich hatte damals ja schon mein künstlerisches Talent entdeckt und schon eine Einstufung als Breakdancer gehabt. Später dann auch als Unterhaltungs-Act, den man buchen konnte. Für Geld. In der DDR (lacht). Man wurde bei der Einstufung je nach Qualität der gezeigten Leistung beurteilt und dann wurde festgelegt, wie viel Geld man nehmen durfte. So konnte ich mir mein Taschengeld schon ein bisschen aufbessern. Das was ich gemacht habe, war eigentlich Breakdance, hieß aber in der DDR „akrobatischer Showtanz“.

Akrobatischer Showtanz – Das klingt voll lahm, wenn ich das mal so sagen darf!

Ja, ja , ja (lacht). Mir war das damals auch ziemlich peinlich. Man schmunzelt darüber, aber genau aus solchen Sachen entstand mein neues Programm.

Worauf wir jetzt auch mal zu sprechen kommen wollen!Was gibt’s denn da zu sehen? Wird das ein reines Stand-Up-Programm oder worum geht es genau?

Nein, nein, nein – das wird gar nix reines. Das wird ein bunter Abend voller DDR-Erinnerungen, bei dem wir aber nichts beschönigen oder nur auf der nostalgischen Schiene fahren wollen. Wir zeigen, wie es eben damals in der DDR war. Wer aus der DDR kommt, kann sich darin wiederfinden und –entdecken und auch in Erinnerungen schwelgen – aber auch gleichzeitig froh sein, dass es eben nicht mehr so ist wie damals. Wer es nicht kannte, der wird die DDR bei uns kennenlernen.

Also erleben wir Bürger Lars Dietrich mit all seinen Talenten wie Moderation, Musik, Comedy…

…genau. Fast schon ein Kessel Buntes. Ich hab mir ja für das Programm auch Verstärkung rangeholt. Jemand, der für die Sache ideal geeignet ist. Michael Zack Michalowski wird mit mir auf der Bühne stehen. Nicht nur weil er so ein toller Charakter ist, sondern eben auch weil er ausm Osten kommt und den ganzen Mist mitgemacht hat. Dadurch wirkt das alles auch absolut authentisch und macht Spaß sich anzugucken. Das ist auch kein gezwungener Ost-Humor und wir machen uns auch nicht über Erich Honecker lustig und dann lachen alle und gehen nach Hause. Bei uns herrscht die Liebe zum Detail! Wir haben eine Schrankwand auf die Bühne gebaut – also eigentlich ein komplettes DDR-Wohnzimmer, das jeder noch kennt.  Schrankwand, Fernseher, auf dem Fernseher noch ne Blumenvase, Couchtisch, Lampenschirm – alles dabei! Zusätzlich habe ich dann noch einen West-Kollegen dabei, das ist der Mathias Schlung, der den undankbaren Part des Wessis übernehmen muss! Wenn wir das Programm in den „alten“ Bundesländern aufführen, kann er die Sicht der Wessis vertreten! Und er ist dafür da, Sachen zu hinterfragen, die man vielleicht nicht verstehen würde, wenn man aus dem Westen kommt.

Wie viel Improvisation ist denn in der Show?

Das ist wie beim Theater halt. Das Grundgerüst steht und es wird nicht viel Platz gelassen für Improvisation. Die Texte und Pointen sind natürlich festgelegt, aber in der Darstellung kann und soll es natürlich variieren. Man entwickelt ein Stück ja auch während den ganzen Vorführungen und das ist das, was dann wirklich spannend ist und Spaß macht. Im Programm ist natürlich auch ein kleiner Stand-Up-Teil, wo ich mit Hilfe von Dias meine Kindheit beschreibe und so – da herrscht dann freie Wortwahl.

Gibt es dann eigentlich auch noch Fernsehprojekte in nächster Zeit? Oder widmest du dich erstmal deinem Programm?

Fernsehen ist schon noch wichtig. In nächster Zeit geht es da allerdings mehr um Promo-Auftritte. Vor allem für meine Musik, denn ich habe ja auch ein neues Album gemacht.

Hast du irgendwie vorher heimlich auf meinen Stichpunktzettel geschaut? Du nimmst mir meine Fragen weg!

Tja…(lacht)…ich wollte echt nichts vorwegnehmen!

Also! Du bringst ja, parallel zur Tour, auch ein neues Album raus! Da freue ich mich persönlich ja besonders drauf. Du hast dich ja schon länger nicht mehr in dieses Metier gewagt. Was können wir denn da erwarten?

Eine schöne Frage und gut, das du weißt, das es auch ein Album geben wird. Das wird ein reines Musikalbum, aber Inhalt ist DDR! Da rappe ich auch – Ich habe musikalisch also ein bisschen zu meinen Ursprüngen zurückgefunden – Da rappe ich über das Leben in der DDR, aus persönlicher Sicht natürlich. Auf dem Album können sich die Leute halt auch wiederentdecken. Da geht es auch um Probleme, die man als Jugendlicher in der DDR hatte. Klamotten zum Beispiel, also das Textilproblem und wie wir das gelöst haben oder Musik oder wie ich zum HipHop gekommen bin und allgemeine Geschichten – alles verpackt in Musikform. Ich hab in letzter Zeit von mehreren Leuten gehört, dass ich doch wieder mehr Musik machen soll und nun ist es auch endlich wieder soweit. 

Spielen Gastmusiker?

Ja eben. Das wollte ich gerade noch erwähnen. Da bin ich ganz stolz darauf, das ich auch ganz wichtige DDR-Figuren aus der Musik gewinnen konnte. Legenden sozusagen. Die Puhdys spielen zum Beispiel mit mir auf dem Album und treten übrigens auch zusammen mit mir auf. Da fällt mir auch ein richtiger Stein vom Herzen das das geklappt hat. Angelika Mann ist mit vertreten. Jürgen Karney wird mich auf dem Album anmoderieren, Sebastian Krumbiegel von den Prinzen macht mit und nicht zu vergessen Frank Schöbel. Auch mit ihm habe ich eine Nummer performt.

Jeder hatte doch damals diese Weihnachtsplatte von Frank Schöbel im Regal oder? Mit diesem gruseligen Weihnachtsmann drauf. Mit so ner hässlichen Maske.

Der gruselige Weihnachtsmann spielt auch ne große Rolle im DDR Leben. Vor dem hatte ich zum Beispiel immer Angst.

Ich hatte deshalb als kleines Kind auch richtig Angst vor dem Weihnachtsmann.

Diese Maske wurde ja immer universell eingesetzt von irgendwie jedem Weihnachtsmann im Osten. Im Kindergarten, wenn der Weihnachtsmann kam, hatte er genau dieses Gesicht. Zu Hause, die Verwandten, haben Weihnachtsmann gespielt und hatten diese Grusel-Maske. Ich hab immer geschrien wenn der kam.  Aber um mal wieder auf Frank Schöbel zu kommen, die Musik hat das Ganze ja auch wieder gut gemacht. Und deshalb bin ich umso glücklicher all die Künstler auf meinem Album versammelt zu sehen. Die gehen alle total mit und freuen sich, dass ich das Thema musikalisch angehe.

Das klingt auch so, als ob es vom Musik-Stil auch eine bunte Mischung geben wird!?

Ich halte mich ja sowieso nie gern in der Beziehung an irgendwelche Regeln. Das Album könnte man auch als Mischung zwischen DDR-HipHop und BigBand beschreiben. Ja, du hast richtig gehört. Ich habe einen eigenen neuen Musikstil erschaffen: DDR-HipHop (lacht). Da kann mir keiner was vormachen (lacht).

Was war eigentlich deine erste gekaufte Schallplatte?

Nach Alfons Zitterbacke meinste jetzt? Ja, naja, wir hatten ja nun mal das Problem mit der Musikbeschaffung. Ostmusik hab ich damals eigentlich kaum angemacht. Die erste Musikschallplatte waren in der Tat die Puhdys. Aber nicht weil ich die so toll fand, sondern weil es nichts anderes gab. Die Musik war ja schon ein wenig westlich angehaucht und ging ein bisschen in die Richtung 80er Jahre Elektro-Pop, aber schlecht nachgemacht in meinen Augen. Jetzt hat diese Musik natürlich einen ganz anderen Stellenwert, denn das war ja damals so ein ganz eigener Sound und hat heute defintiv Kultstatus. Meine erste Westschallplatte, die ich mir mitbringen lassen habe, war die „Breakdance-Sensation „84“! Ich wollte damals irgendwas mit Breakdance-Musik oder HipHop haben. Wir hatten eine Bekannte, die für uns im Westen immer eingekauft hat. Der haben wir immer einen Wunschzettel mitgegeben. Oft hat sie vergessen mir eine Platte zu kaufen, dann war ich enttäuscht und irgendwann kam sie dann mit der „Breakdance-Sensation“. Das war ein Soundtrack zu nem italienischen Breakdance-Film (lacht).

Der Legende nach sollst Du bereits 1985, also in der fünften Klasse, den Breakdance entdeckt haben. Welche Interpreten hatten denn da Dein Herz gewonnen und wie hast du dir die Musik dafür besorgt?

Da haben wir den ganzen Tag und auch Nachts vorm Radio gesessen und einfach abgewartet und gehofft, dass jemand ne Breakdance-Nummer abspielt. Das war ja in den 80er nicht unbedingt üblich im Radio HipHop zu hören, auch nicht im West-Radio. Das war echt schwierig an Musik zu kommen. Entweder man hatte Connection und man konnte mit seinem Tonbandgerät zu irgend jemanden fahren, der irgendwo einen tanzbaren Titel bekommen hat oder man saß halt nur vor dem Radio oder hatte eben das Glück eine Schallplatte zu bekommen. Grandmaster Flash „New York, New York“ war das erste Stück, das ich im Radio aufgenommen habe. Meine ganzen Kassetten habe ich übrigens jetzt noch – in die heutige Zeit gerettet!

Wann hast du denn „Beat Street“ das erste mal gesehen?

Ich wusste ja von seiner Existenz. Der wurde ja im West-Fernsehen immer beworben und ich war total traurig, dass ich den nie hätte sehen können, wenn sich nicht Harry Belafonte damals dafür eingesetzt hätte. 1983 gedreht, 1984 in die West-Kinos gekommen und ein Jahr später hieß es auf einmal: „Der kommt auch in die DDR!“. Das Problem war, der lief ab 14 Jahren. Und ich war erst 12 oder so. Ich wollte den aber unbedingt sehen, weil ich der allergrößte HipHop-Fan der DDR war. Ich habe es dann erstmal geschafft meinen Vater zu überzeugen mich zu begleiten, was nicht so leicht war, und er hat mich dann ins Kino geschmuggelt.  Es war eine riesen Schlange draußen vorm Kino und als wir dann dran war, stand eine alte Frau vor uns die fragte: „Ist der denn schon 14?“. Mein Vater antwortete dann ganz cool: „Der hatte Jugendweihe, also muss er ja wohl 14 sein!“ Und dann war ich drin und dann kam der geilste Moment, als der Kinovorhang aufging und ich „Beat Street“ gucken konnte. 

„Dietrichs Demokratische Republik“ ist mehr als eine Bühnen-Show. Es ist auch das neue Album von Bürger Lars Dietrich, welches ab dem 26.09.2014 im Plattenladen steht. Wer sich die Show nicht entgehen lassen möchte, kann sich Bürger Lars Dietrich hier anschauen:

Sonntag 02.11.2014 – Gera Comma
Montag 03.11.2014 – Neu-Isenburg Hugenottenhalle
Donnerstag 13.11.2014 – Hemer Sauerlandpark
Donnerstag 16.11.2014 – Wahlstedt Kleines Theater am Markt
Donnerstag 20.11.2014 – Potsdam Lindenpark
Donnerstag 01.01.2015 – Berlin Die Wühlmäuse
Freitag 02.01.2015 – Berlin Die Wühlmäuse
Freitag 06.02.2015 – Dessau Anhaltisches Theater


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