Di, 19. November 2019 Uhr
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PRINZ im Interview: Ferris MC

Als er sein Solo-Comeback ankündigte, waren die Erwartungen groß – wir sprachen kurz vor dem Release mit Ferris MC über den Spagat zwischen Deichkind und Solokarriere, die letzten Jahre und die heutige HipHop-Szene.



Kaum einer hat die deutsche Rap-Szene in den 90er Jahren so geprägt, wie Sascha Reimann aka Ferris MC. Seit 2008 ist er Mitglied der Kombo Deichkind und wagt nun mit seinem ersten Solo-Album nach elf Jahren wieder allein den Schritt in das Musikbusiness. Am 29.05.2015 erscheint das heißersehnte Comeback „Glück ohne Scherben“. Wir sprachen kurz vor dem Release mit Ferris MC über den Spagat zwischen Deichkind und Solokarriere, die letzten Jahre und die heutige HipHop-Szene. 

Sascha, wir sprechen heute miteinander, weil du nach elf Jahren dein erstes Solo-Album veröffentlichst…
Ja, das war sogar fast genau auf den Tag vor elf Jahren. Die Schnapszahl stimmt also (lacht).

Liegt der Fokus deines künstlerischen Schaffens momentan eher auf deiner Solo-Karriere? Deichkind haben auch am Anfang des Jahres eine neue Platte veröffentlicht.
Sowohl, als auch. Ich bin im April mit Deichkind auf Tour und wenn ich zurück bin, konzentriere ich mich auf „Glück ohne Scherben“, mache Promo und drehe Videos. Dann fängt ja auch bald die Festivalsaison an, bei der ich viel mit Deichkind, aber auch alleine spielen werde. Zum Beispiel ist es beim Deichbrand-Festival so, dass ich am Samstag mit Deichkind als Headliner auf der Bühne stehe und am Sonntag in den Nachmittag-Slots mein Solo-Programm spielen darf.

Ist es nicht schwer, umzuschalten zwischen Deichkind und Ferris MC als Solokünstler?
Ich habe überhaupt kein Problem damit, beides zu kombinieren. Es wird auch nicht immer so sein, dass so kurz nacheinander zwei Releases und zwei Touren anstehen. Wir werden irgendwann sicher den optimalen Weg finden, wie beispielsweise die Ärzte und das Farin Urlaub Racing Team, deren Modell ein Vorbild für uns ist.

Warum hast du genau jetzt wieder solo veröffentlicht?
Für mich war es wichtig, jetzt zu releasen, weil das Album sonst an Aktualität verloren hätte. Die Entstehungsphase war ein schleichender Prozess. Als Teamplayer bei Deichkind konnte ich mich gut entspannen. Das ganze Projekt ist kein Ego-Ding, bei dem einer im Vordergrund steht. Alle kleinen Rädchen greifen gut einander, sodass sich das große Rad erfolgreich drehen kann. Die Marschrichtung von Deichkind ist eindeutig vorgebeben, was die Qualität der Musik und die Ausrichtung Texte angeht. Das, was aber meine Vergangenheit und meine eigene Geschichte ausmacht, meine Emotionen und die Wege, wie ich Erlebtes verarbeite, kann ich nicht im Deichkind-Kosmos erzählen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mein Alter Ego wieder auszugraben. Bestimmte Knochen davon sollen aber vergraben bleiben.

Welche zum Beispiel?
Vor allem die negativen Knochen möchte ich nicht wieder heraus holen, sondern nur die positiven zu neuem Leben erwecken. Daraus ist dann „Glück ohne Scherben“ entstanden.


Wie lange hast du an dem Album gearbeitet?
Ich habe mein Team umgestellt und mich von meinem alten Management getrennt, um Ende 2013 die Arbeit am Album zu beginnen.

Als du Anfang des Jahres auf Facebook dein Solo-Comeback angekündigt hast, haben gerade die Fans der ersten Stunde große Erwartungen geäußert. War dieser Druck für dich spürbar?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin kein Künstler, um Erwartungen zu entsprechen und habe auch früher immer schon auf Risikobereitschaft gesetzt. Wenn es mir darum gehen würde, den Erwartungen zu entsprechen, hätte ich, so wie es heute bei vielen Rap-Alben der Fall ist, „Reimemonster“ immer wieder in unterschiedlichen Farben veröffentlicht und wäre damit auf der sicheren Seite gewesen. Das ist mir aber zu unkreativ und auch zu risikolos. Bis jetzt verspüre ich keinen Druck auf meinen Schultern und bin gespannt, ob sich der noch aufbauen wird. Vielleicht vor dem ersten Solo-Live-Konzert nach so vielen Jahren.

Wirst du jetzt generell wieder stärker als Solo-Künstler in Erscheinung treten oder war „Glück ohne Scherben“ nur ein kurzer Ausflug?
Das Album soll der Auftakt für eine neue Epoche sein. Ferris MC soll damit wiederbelebt werden und im besten Fall kann ich das gepaart mit Deichkind realisieren. Man weiß natürlich vorher nie, wie lange das funktioniert. Sollte das nicht so klappen, habe ich auch immer noch das Standbein Schauspielerei, bei der es viel weniger Altersgrenzen gibt, als in der Musik.

Bei welchen Projekten wirkst du da gerade mit?
Ich habe 2014 einen Kinofilm abgedreht, der noch in diesem Jahr veröffentlicht wird. Da hatte ich aber nur eine kleine Rolle. Im Herbst wird eine große TV-Produktion anlaufen, zu der ich aber noch nichts genaueres sagen darf. Ein Song vom Album wird dort Titelmelodie sein. Zudem habe ich letztes Jahr mit Eko Fresh die erste Folge einer anstehenden Serie abgedreht, die auf ZDF neo zu sehen sein wird. Von Juli bis September drehen wir die Folgen der ersten Staffel von „Blockbustaz“, das wird eine witzige und zeitgemäße Sitcom.

Apropos Eko Fresh, der hat auf deinem Album den einzigen Rap-Feature-Part übernommen.
Wir haben in den Meetings zum Album viel über Name Dropping und mögliche Feature-Partner gesprochen. Casper, Marteria, Peter Fox waren im Gespräch. Am Ende habe ich mich aber dazu entschlossen, das Album allein zu machen, weil auch die meisten Songs schon fertig waren. Das Fetaure mit Eko hätte auch als Bonus-Track gut funktioniert, weil es vom Rest doch klar heraussticht. Ich wollte generell kein Name Dropping betreiben, nur um eine gewisse Käuferschicht zu erreichen, weil ich mich auf den Schultern namhafter Künstler profiliert habe. Für mich hätten mehr Features die Qualität des Albums eher geschwächt.

Generell ist dein Album eher rockig, als rap-lastig geworden und hin und wieder schwingt ein wenig Deichkind-Sound mit.
Wenn überhaupt, schwingt das für mich bei „All die schönen Dinge“ mit. Sicher könnte man das ganz einfach in einen Topf werfen, wenn man aber alle 15 Songs gehört hat, ist die Aussage klar zu widerlegen. Rein thematisch passt das Album auch gar nicht zu Deichkind, weil ich meine eigene Geschichte erzähle. Ich appelliere mit dem Album an alle Musikliebhaber, die, wie ich, mit unterschiedlichen Genres großgeworden sind. Ich hatte beispielsweise das Glück die Ramones noch live zu sehen und Bands wie Run DMC, Slayer, die Ärzte, die Toten Hosen und viele mehr haben mich geprägt. Gerade Bands wie Run DMC und die Beasty Boys sind genreübergreifend und genau das wollte ich mit meinem Album auch ausleben. Sicher hört man auch verschiedene Einflüsse und genau damit hoffe ich auch die Leute zu erreichen, die so denken, leben und abfeiern wie ich.

Also gewissermaßen eine Abkehr vom Rap?
Früher war ich ein reiner Genre-Rapper und dadurch in einer bestimmten Schublade. Die Pause war nötig für mich, um mich weiter zu entwickeln und zu wissen, wo ich mit meiner Musik hinmöchte. Das gibt mir die Freiheit, alles zu machen, was ich möchte. Mit der heutigen klischeehaften Rap-Szene habe ich gar nichts mehr zu tun. Ich bin zwar Rap-Fan, aber ich habe mich davon befreit.

In „Kill Kill Kill“ sagst du „Deutschrap ist ein Haufen voller Affen geworden“- hörst du noch, was momentan auf den Markt kommt?
Es gibt vereinzelte Künstler, die ab und an einen Track raushauen, den ich dann auch abfeiere. Aber ich höre oft die Kopie einer Kopie. Mich langweilt, dass Rapper auf ihren Alben oft jeden Song gleichklingen lassen, weil es die Fans so wünschen. Das ist nicht sehr inspirierend oder kreativ.

 

Ferris MC live hören:

30.05.2015: Hamburg – Uebel & Gefährlich

27.06.2015: Hannover – Hangover Jam

19.07.2015: Cuxhafen – Deichbrand Festival

14.12.2015: Berlin – Postbahnhof am Ostbahnhof


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