Ich mag manchmal unnahbar wirken, aber ich bin keine harte Nuss. Es kommt zwar nicht oft vor, dass mir ein Mann gefällt, doch wenn, dann hat er leichtes Spiel. Dann muss er kein Feuerwerk vor dem Fenster zünden oder mir Blumenbouquets ins Büro schicken. Dann braucht er keinen hohen Status und auch keine Uniform. Es gibt andere Attribute, die er haben muss, damit er mir gefällt. Mein Nachbar besitzt sie alle.

Zum Beispiel Humor. „Wenn man eine Frau zum Lachen gebracht hat, ist der Schritt nicht mehr so groß, sie auch ins Bett zu bekommen“, hat mein bester Freund Daniel mal in großer Runde verkündet, und wir Frauen haben ihm zugestimmt. Ja, Humor muss er haben. Oder besser noch: Witz. Eine gewisse Grund-Willigkeit macht sich bei mir breit, wenn ein Typ mit gutem Witz auch noch gut riecht.

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Das kann bedeuten, dass er ein angenehmes Aftershave benutzt. Aber nicht zu viel, das ist unangenehm, das riecht nach Turniertänzer. Eher wie mein Nachbar, der eine Mischung aus „frisch von der Wäscheleine“ und „zehn Minuten auf dem Fußballfeld“ ausströmt. Ich hatte vor Kurzem diese provokante Mischung in der Nase, als er mir die Haustür aufhielt.

Seit vier Monaten wohne ich nun drei Etagen über ihm und träume davon, dass etwas passiert zwischen uns. Bisher war außer unzähligen fröhlichen Fußmattenkonversationen nichts, nicht mal ein gemeinsamer Kaffee. Dabei sehe ich doch an seinen unkoordinierten Bewegungen, dass er mir verfallen ist. Um es ihm leicht zu machen, gab ich ihm bereits ein paar Vorlagen. Letztens klingelte ich bei ihm und fragte nach einer Bohrmaschine. Meine Knie wurden ganz weich, als er das mit einem umwerfenden Lächeln bejahte, denn ich habe wie viele Frauen eine Obsession für Männer, die mit Werkzeug umgehen können.

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Während er in seiner Wohnung verschwand, oh da war wieder dieser Geruch, und ich malte mir aus, wie er mir gleich seine Hilfe anbieten wird. Ich war bereit für den Fall der Fälle. Meine Beine waren glatt. Doch er gab mir lediglich behutsam die Bohrmaschine in die Hand und säuselte, er brauche sie erst mal nicht.

„Hast du dir ernsthaft ausgemalt, der Mann kommt mit zu dir in die Wohnung, bohrt dein Bild an die Wand, dreht sich zu dir herum und fällt spontan über dich her?“, fragte mich Daniel, als ich ihm von meinem missglückten Vorhaben erzählte. „Was ist daran so absurd?“, erwiderte ich, genervt von seiner Entrüstung. „Es ist eindeutig, dass es zwischen uns knistert. Er ist nur zu verstockt.“ „Und warum machst du nicht ernsthaft den ersten Schritt, statt Aktionen zu starten, die ihn subtil dazu bringen sollen, es zu tun?“ Ich musste kurz darüber nachdenken, aber die Antwort war klar: „Weil ich eine Frau bin, und Frauen wollen verführt werden. Daran hat sich seit der Steinzeit nichts geändert.“

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Grundsätzlich mochten wir Frauen uns schon immer mit Männern paaren, die selbstbewusst sind und mit Leidenschaft ihr Ding durchziehen. Männer, die wissen, was sie wollen, die eine Sache mutig anpacken. Das schätzen wir auch beim Thema Verführung. Anpacken ist das Stichwort: Wenn es gut läuft, gebe ich Signale – und er greift zu. Bevor er das tut, sind ein paar Grundregeln einzuhalten:

Es fördert zum Beispiel meine Bereitschaft, wenn er einen Plan für unser Rendezvous hat. „Ich weiß nicht, was möchtest du denn heute machen?“ geht nicht. „Hey, ich habe einen Tisch bei Paolo reserviert. Hol dich um 8 ab.“ hingegen schon. Wenn wir zusammen an einem Ort sind, an dem er Leute kennt, dann sollte er mir trotzdem die volle Aufmerksamkeit schenken. Falls es zum Small Talk mit anderen kommt, möchte ich vorgestellt werden. Das gibt mir das Gefühl, bedeutsam zu sein. Dieses Gefühl hält er nur aufrecht, wenn er andere attraktive Frauen ignoriert.

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Vermeintliche Gentlemen, die sich von einem Inder für eine Rose übers Ohr hauen lassen, mögen manche Frauen romantisch finden, mich macht das nicht an. Komplimente halte ich für die besseren Blumensträuße. Schmeichelhafte Worte sind auch viel nachhaltiger. Aber Vorsicht: Bei fantasievoller Amateurlyrik und auswendig gelernten Metaphern wie Sternchen, die vom Himmel direkt in die Augen gefallen sind, verzieht sich nicht nur bei mir das Gesicht, als hätte ich in eine Zitrone gebissen. Und Komplimente, die meine Figur betreffen, möchte ich erst hören, wenn er weiß, wovon er spricht.

Lieber soll er von meiner aufregenden Stimme schwärmen oder meinen guten Geschmack loben. Ein James-Bond-Film kann diesbezüglich ungemein inspirierend sein (Sean Connery: „Ein hübsches Nichts, was Sie da anhaben!“). Manchmal reicht es auch, wenn meine Verabredung mir aus dem Mantel hilft und dabei verwegen wie Connery seine Augenbraue hebt und mir damit zeigt, dass ihn mein Anblick verzückt.

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Bitte Männer, geht forscher ran! Eine Freundin verriet mir zum Beispiel kürzlich ihre Schwäche für Macho-Sprüche. Sie kam leicht verspätet zu einer Verabredung. Er grinste sie zur Begrüßung ungemein frech an. Sie fragte, was denn sei. Er antwortete mit dem Blick auf ihre sich abzeichnenden Brustwarzen gerichtet: „Ist dir kalt oder freust du dich so, mich zu sehen?“ Nicht nur mich kitzelt es, wenn der Mann es schafft, mich sprachlos zu machen. Noch schöner ist, wenn er das schafft, weil er mich überrascht. Mit einem frechen Spruch, wenn er eigentlich ein Gentleman ist – oder wenn er Kerzen anzündet, obwohl er kein Romantiker ist. Wenn er mich nicht das erste Mal bei einem übereilten Kochabend abknutscht, sondern dann, wenn ich nicht damit gerechnet habe. Und wenn schon Kochabend, dann sollten wir uns bereits ohne Annäherung verabschiedet haben und nach einer halben Stunde steht er plötzlich wieder vor der Tür und küsst mich leidenschaftlich. Herrlich!

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Wenn dann endlich der Moment gekommen ist und er mich küsst, es sich gut anfühlt, so gut, dass wir mehr von uns spüren wollen, dann will ich merken, dass er sich zügeln muss, nicht zum wilden Tier zu werden. Dass er trotz ungebändigter Lust in vollen Zügen genießt, meine Bluse aufzuknöpfen. Jeden Körperteil, den er neu entdeckt, soll er loben und würdigen („Ich habe mir schon gedacht, dass sie perfekt sein müssen!“, „Oh mein Gott bist du schön!“). Nur dann hat er es auch verdient, sich daran zu erlaben. Nur dann flattern die Schmetterlinge.

Zugute kommt ihm, wenn er den Eindruck macht, er habe eine lange Durststrecke hinter sich. Wenn dem nicht so ist, sollte er darüber schweigen. Keine Frau will wissen, mit wem er letzte Woche Sex hatte. Das Kribbeln wäre sofort dahin. Bei mir kribbelt es zurzeit ganz gewaltig. Morgen schnappe ich mir die Bohrmaschine und eine Flasche Wein, und frage ihn, ob er den Abend mit mir verbringen will. Schließlich kann ich doch als emanzipierte Frau selbst entscheiden, wann ich verführt werden will.
Marie Franke