Hier muss es doch irgendwo sein. Bjørn Pfarr steht im Dämmerlicht vor dem Laternenpfahl 6th Street Ecke Trinity in Austin, Texas, und lässt seinen Blick wandern. Rote Poster, gelbe Poster, schwarze Poster – der Pfahl ist auf das Vielfache seines ursprünglichen Umfangs angeschwollen, ein einziger getackerter und geklebter Wust aus Bedrucktem und Bemaltem. Kein Wunder, dass man nichts findet. Dabei weiß der 31-jährige Hamburger genau, wonach er sucht. Schließlich hat er es doch gestern Abend selbst hier angebracht. Kurz entschlossen schaufelt er mit seinen Händen das Papierdickicht frei. Namen müssen weichen, Uhrzeiten und Orte werden beiseite geschoben. Dann, endlich: „Hier!“, ruft Bjørn, während er die störenden Poster auseinander hält. Ein rechteckiges blaues Straßenschild aus Pappe lugt hervor. Darauf steht: „Reeperbahn“.

Kolumbus hatte einen Kompass, als er vor rund 500 Jahren nach Amerika kam. Bjørn hat Straßenschilder mitgebracht. Mit ihnen in der Tasche hat er gestern Abend Austin entdeckt. Kaum 24 Stunden ist es her, da war der Laternenpfahl noch ein Laternenpfahl und die 6th Street einfach nur eine Barmeile in Austin. Jetzt sind die Straßen so voll wie der Laternenpfahl dick, und Austin ist für fünf Tage die Musikhaupstadt der Welt.

Einmal im Jahr, Ende März, findet das Clubfestival South By Southwest, kurz SXSW, in Austin statt. Was hier in Texas 1987 als Branchentreffen amerikanischer Musik- und Medienvertreter in einem Hotel begann, hat sich inzwischen als Maßstäbe setzendes Newcomerfestival für Bands aus aller Welt etabliert. Wer heute auf dem SXSW überzeugt, kann morgen bereits zu den angesagtesten Bands zählen. Bei Norah Jones, The Strokes und The White Stripes hat das funktioniert. Dafür sorgen neben Tausenden von Musikfans aus dem ganzen Land vor allem die mehr als 12000 Scouts und Booker aus der Musikindustrie, die laut Veranstalter auch in diesem Jahr wieder akkreditiert sind.

Zu dieser Gruppe zählen auch Bjørn und seine Kollegen vom Hamburger Reeperbahnfestival, bei dem Ende September rund 140 Bands über drei Tage lang die Clubs rund um Hamburgs berühmteste Straße bespielen. Das Motto auf dem Kiez lautet: „New International Music – Heute schon hören, was morgen angesagt ist“ Und genau das ist die Philosophie des SXSW. Gemeinsam sind Bjørn und die Reeperbahnfestival-Crew angereist, um in Austin viel versprechende Bands zu sichten und für das eigene Programm im September zu verpflichten. Bjørns Fachausdruck für „viel versprechende Band“ ist „heißer Scheiß“.

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Für Austin hat sich der Booker einen Zettel mit all dem heißen Scheiß gemacht, der in jüngster Zeit irgendwie Thema war – in Expertenkreisen, Fachzeitschriften oder auf Myspace – und der jetzt hier auftreten wird. Er nennt sie seine A-Liste. „Die muss ich unbedingt sehen, weil wir sie schon in unserer wöchentlichen Bookingrunde zu Hause diskutiert haben. Wenn uns der Act dann hier gefällt, hauen die Booker konkret ein Offer raus.“ Wenn man dem gebürtigen Hamburger so zuhört, könnte man glatt vergessen, dass er vor kaum einem Tag das erste Mal in seinem Leben amerikanischen Boden betreten hat. Aber so ist das eben – die schleichende Amerikanisierung macht auch vor einem studierten Kulturwissenschaftler nicht halt. „Im Optimalfall läuft es so“, fasst Bjørn seine Mission noch einmal auf Deutsch zusammen, „wir sehen Bands, die hier auffallen. Die sind dann ein halbes Jahr später auf unserem Festival heiß. Und noch ein halbes Jahr später in allen Zeitungen und Magazinen.“

Knapp 1900 Bands sind dieses Jahr im Programm des SXSW gelistet. Nur wenige kennt man außerhalb der USA, Razorlight aus England zum Beispiel. Die Band hat bereits ihren Zenit überschritten – Gerüchte von bandinternen Streitereien begleiten die Indierocker bis hierher nach Austin. Der Grund, munkelt man, sei der schleppende CD-Verkauf in Europa. Höchste Zeit also, sich mithilfe des SXSW in den USA einen neuen Markt zu erschließen. Die Mehrzahl der Bands im Programm des Festivals sind allerdings Newcomer, von denen man in Deutschland noch nichts gehört hat.

Es gibt also viel zu tun für Bjørn und seine Kollegen. Wichtigeres zumindest, als selbst gebastelte Straßenschilder an Laternenpfählen freizulegen. Der groß gewachsene Hamburger überlässt das „Reeperbahn“-Replikat seinem Schicksal, begraben unter ungezählten Konzertankündigungen. „Ich muss mich echt noch dran gewöhnen, wie hier der Hase läuft“, sagt er. In diesem Moment wird er von einer großen Ente angerempelt. Ein Mann watschelt im Donald-Duck-Kostüm durch die sommerlich-milde Abendluft und hat kurz die Balance verloren. Bereits wenige Sekunden später ist er nicht mehr zu sehen, das Menschengewusel hat ihn verschluckt. Bjørn wirft einen Blick auf seine A-Liste. Zeit zu gehen, das nächste Konzert steht an. Er tritt aus dem Lichtkegel der Straßenlaterne und lässt sich ebenfalls verschlucken.

Mehr als 100 Millionen Dollar spült das Festival jedes Jahr in Austins Kassen, verrät stolz die Internetseite des SXSW. Gefühlte 100 Millionen Soundschnipsel dringen an Bjørns Ohr, als er jetzt die 6th Street hinabläuft. Sie dringen aus den zahllosen Backsteinhäuschen, die links und rechts die Straße säumen und in denen die Konzerte stattfinden. Hin und wieder geht eine Tür auf und entlässt einen Trommelrhythmus, hier und da heult eine Gitarre von einer Hinterhofbühne herüber.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum nach der Meinung von Mirko Whitfield, dem Europa-Vertreter des SXSW, Austin die offizielle Hauptstadt für Livemusik in den USA ist.
Bjørn ist in diesem Moment vor einem knallroten Häuschen angekommen, dem Friends. Ziel erreicht. Der Club steht als Nummer 28 von 73 im „SXSW ’09 Pocket Guide“, den Bjørn zusammen mit seiner A-Liste immer bei sich trägt. Mit seinem Fachbesucher-Ausweis nimmt der Booker die Abkürzung links an der regulären Besucherschlange vorbei und tauscht die blinkenden Lichter und die warme Abendluft der Straße gegen das schummrige Dunkel und die klimatisierte Kühle des Clubs. Bjørn ist hier, um sich Mumford & Sons aus London anzusehen. „Die sind gerade heißer Scheiß“, sagt er. Er sucht sich seinen Platz im hinteren Mittelfeld des kleinen Clubs. So sieht er alles perfekt – die Band, aber auch das Publikum. „Danach schaue ich natürlich auch: Sind da junge Leute? Alte Leute? Viele aus der Branche, die sich für die Band interessieren?“

Bjørn entdeckt in der Menge ein vertrautes Gesicht: Mirko Whitfield, 48, ist der Europa-Vertreter des SXSW. Als Bjørn und seine Kollegen vor vier Jahren das Reeperbahnfestival gründeten, kopierte man das Konzept vom SXSW. Lernen von den Besten. In diesem Jahr ist das Reeperbahnfestival erstmals mit eigener Bühne und eigenem Messestand in Austin vertreten. Man kennt sich also, zumal der Engländer Whitfield in Tübingen wohnt. „Ein freundliches Städtchen“, sagt er, und das klingt nicht nur deshalb sehr höflich-diplomatisch, weil seine Stimme auch auf Deutsch unverkennbar britisch-distinguiert bleibt.

Fragt man Whitfield nach seiner Meinung zu Austin, klingt das schon anders: „Austin ist eine der kreativsten und liberalsten Städte der USA“, sagt er und hebt schwärmerisch die buschigen grauen Augenbrauen. „Einerseits, weil sie zu den fünf größten Universitätsstädten des Landes gehört. Andererseits, weil nach dem Platzen der Internetblase Ende des vergangenen Jahrzehnts sehr viele Kreative aus LA und New York hierhin abgewandert sind. Aber der wichtigste Punkt ist natürlich die Musik: Austin ist die offizielle Hauptstadt für Livemusik. Denn hier gibt es pro Einwohner mehr Clubs mit einer Bühne als in jeder anderen Stadt der Welt.“

Als Whitfield begann, für das SXSW zu arbeiten, stand das Internet noch ganz am Anfang: Seit 1989 ist er dabei, hat mitgeholfen, dem damals weitgehend amerikanischen Festival zu der internationalen Spitzenstellung zu verhelfen, die es heute innehat: „Wir haben Anfang der Neunziger erstmals auch Europäer rübergeholt, nach und nach kam dann der Rest der Welt.“ Der Rest der Schlange von draußen ist inzwischen im Club, es ist rappelvoll. Dem Publikum nach zu urteilen ist die Band absolut massentauglich: Indiekids und Rap-Heads, Althippies in Batikshirts und junge It-Girls in American-Apparel-Leggins. Ein gutes Zeichen, findet Bjørn. Dann geht es auch schon los.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Woran Booker wie Bjørn merken, ob eine Band wirklich etwas taugt oder schnell wieder im musikalischen Nirvana versinkt.
30 Minuten und ein komplettes Konzert später steht die nächste Band auf der Bühne, und Bjørn ist wieder auf dem Weg nach draußen. So schnell geht das hier. Nur eine halbe Stunde bleibt jeder Band, sich möglichst überzeugend vorzustellen. Ob sie etwas taugt, merkt man daher nicht wie bei gewöhnlichen Konzerten am Lärm im Publikum, an den großen Emotionen und Zugabenrufen. Man merkt es eher an der Stille: Je mehr die Zuschauer damit beschäftigt sind, sich Notizen von der Band zu machen – im Kopf, in die Blackberrys und iPhones oder in ihre Blöcke -, desto größeren Eindruck hat eine Band hinterlassen.

Der Plattenboss überlegt, ob er Band X einen Vertrag anbietet. Der Blogger, wie er Band Y in seiner Kritik wegkommen lässt. Und Bjørn, ob er Band Z auf seiner A-Liste markiert. Die Mumford & Sons jedenfalls haben ihn überzeugt. Die Folkband darf sich in seiner Favoritenliste einreihen, hinter Künstlern mit so interessanten Namen wie Temper Trap, BLK JKS, Casiokids, Crystal Stilts, Bear Hands, Grizzly Bear, Shout Out Out Out Out und Katzenjammer.

Auf dem Weg zurück nach draußen trifft Bjørn noch eine Bekannte: Wallis Bird. Die irische Folkpop-Sängerin wird in zwei Tagen auf der Bühne des Reeperbahnfestivals spielen. Jetzt gerade ist sie voll des Lobes: „Was für eine Band! Man hatte das Gefühl, die waren von innen erleuchtet.“ Wenn das kein Argument für Bjørn ist, konkret ein Offer rauszuhauen. Zusammen verlassen die beiden den Club Nummer 28 von 73. „Und was machen wir jetzt Spannendes?“, fragt Wallis. Bjørn studiert seine A-Liste. Es steht gerade kein Auftritt an. Er streift seine Tasche von der Schulter und kramt einen Stapel blauer Pappschilder heraus. „Siehst du den Laternenpfahl da drüben?“, fragt er und lächelt kampfeslustig.
Nico Cramer