Es war 1993, da fiel Evan Dando bei einem Konzert mit seiner Band The Lemonheads im Hamburger Docks im Drogenrausch in den Bühnengraben – eigentlich hätte man wissen können, was eines Tages kommen würde. 16 Jahre später liegt er auf einem Bett in einem Hotelzimmer in Berlin. Es ist zwei Uhr nachmittags, die Vorhänge sind zugezogen. Draußen ist ein warmer Sommertag. Auf dem Boden steht eine halb leer getrunkene Flasche Beck’s, daneben liegen verstreut Geldscheine. Dando ist eben erst aufgewacht und nuschelt nun übermüdet Sätze zu seinem neuen Coveralbum „Varshons“ ins Aufnahmegerät: „Ich hab mir gerade ein teures Gemälde gekauft und gedacht, dass ich es doch für etwas Sinnvolles gebrauchen könnte. Also habe ich eine neue CD aufgenommen, damit ich das Bild für das Cover benutzen kann.“ Während er spricht, zieht er sich die Bettdecke bis zum Kinn hoch und schaut starr an die Zimmerdecke. Große Lust auf das Interview scheint er nicht zu haben.

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Der einstige „Posterboy des Grunge“, der 1993 vom „People Magazine“ zu einem der 50 schönsten Menschen der Welt gewählt wurde, ist alt geworden. Er hat zerzaustes Haar und tiefe Ringe unter den geröteten Augen. Schaut man ihn an, bekommt man ein Gefühl dafür, was wohl aus Kurt Cobain geworden wäre, wenn er heute noch leben würde. Berühmt wurden Dando und Cobain zur gleichen Zeit. Anfang der Neunziger schwappten Nirvana und die Lemonheads aus dem Untergrund in den Mainstream. Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Mudhoney begründeten gerade den Grunge – wie auch Cobain mit seinem wütendem Rock, während Dando sonnengeküssten Gitarrenpop spielte, den man eher als Bubble-Grunge bezeichnen könnte, so fröhlich und sorglos klang seine Musik.

An das Genie von Cobain reichte Dando nie heran. Statt sich der Musik mit Leib und Seele zu verschreiben und einen neuen Sound zu definieren, ließ Dando die Dinge einfach geschehen und hatte mit den Lemonheads ungeplant seinen größten Hit: ein Cover von Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“. Beiden Stars gemein war jedoch, dass sie mit ihren Ruhm nur schwer umgehen konnten. Cobain brachte sich 1994 um, Dando verkündete 1997 beim Reading-Festival in England bekifft das Ende der Lemonheads. „Der Erfolg, den wir hatten, hat mir gereicht. Ich bin froh, dass wir nie eine Zehn-Millionen-Dollar-Single hatten. Wenn du zu viel Erfolg hast, zerstört es dein Leben für immer“, sagt Dando heute mit 42 Jahren. Er nimmt einen Schluck aus der Bierflasche und fährt fort: „Wenn ich zu viel Geld habe, werde ich faul. Deshalb versuche ich, es so schnell wie möglich wieder loszuwerden.“

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Wenn er Geld braucht, geht er auf Tour. Entweder zieht er allein mit seiner zerschrammten Akustikgitarre durch kleine Clubs oder lässt die Lemonheads in stets neuer Besetzung wieder aufleben, um größere Hallen zu füllen. Das Leben als Rockstar fühle sich heute immer noch genauso an wie damals, sagt er. „Ich bekomme immer noch nicht genug Schlaf und mache so viel Party wie sonst auch.“ Feiern – das war bei Evan Dando lange Zeit gleichbedeutend mit Drogen nehmen. Dem US-Magazin „Spin“ verriet er 2006: „Ja, ich bin verrückt, und ich nehme immer noch Drogen. Schon mit zehn Jahren wollte ich alle Drogen von A bis Z ausprobieren.“

Der Sohn eines Anwalts und eines Models aus Boston hatte bereits als Kind Vorbilder wie Charles Bukowski oder James Brown und setzte sein Vorhaben in die Tat um, als er berühmt wurde. „Spin“ gestand er: „Eine Zeit lang fand ich es super, sämtliche Rockstar-Klischees auszuleben: Mit so vielen Frauen wie möglich Sex zu haben, im Chateau Marmont zu wohnen und Drogen zu nehmen.“ Heute will er nicht mehr über Drogen reden: „Ich hätte niemals darüber sprechen sollen“, grummelt er unter seiner Bettdecke. „Ich will über gar nichts reden. Ich bin müde und will einfach nur schlafen, damit ich heute Abend ein Konzert geben kann. Du haust jetzt am besten ab.“ Dando schaltet das Aufnahmegerät aus und beendet das Interview nach nur knapp zehn Minuten. Im Hotelfoyer steht sein Manager Kevin und sagt: „Oh nein, nicht schon wieder. Bis heute hat Evan die Tour eigentlich gut durchgehalten.“ Juliana Hatfield, Musikerin und gute Freundin von Evan Dando, formulierte es einmal so: „Evan ist sehr launisch, deshalb weiß man nie, welchen Evan man bekommt.“

Abends beim Auftritt im „Bang Bang Club“ will sich Dando immer noch nicht von seiner sonnigen Seite zeigen. Sein einst vom „People Magazin“ als „Laissez-faire-Hair“ gefeiertes langes Haar hängt ihm strähnig ins Gesicht, in seiner Jeans klafft ein großes Loch. Sein Publikum schaut er nicht an, stattdessen eilt er durch sein Repertoire aus alten und neuen Songs, ohne eine Pause zu machen: „The Outdoor Type“, „Drug Buddy“, „Why Do You Do This To Yourself“ folgen so schnell aufeinander, als würde man eine Kassette vorspulen. Das Publikum hört ihm trotzdem gebannt zu. Einer raunt: „Es ist, als wäre wieder 1993.“ Nach etwa einer Stunde ist das Konzert vorbei.

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„Evan war gestern mental nicht ganz da“, sagt Kevin am nächsten Tag im Hotel. Das Interview soll heute erneut stattfinden. Dando öffnet im Pyjama die Hotelzimmertür und stolpert fast über seine Gitarre, die hinter ihm im Flur liegt. Er entschuldigt sich für „all den Ärger“ gestern. „Keine Angst, heute bin ich ausgeschlafen“, sagt er, als er auf der Bettkante Platz nimmt. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er sei glücklich, dass seine Musik immer noch etwas bei seinen Fans auslöse. Aber es sei schon ein bisschen unfair, dass man bei ihm immer gleich an die Neunziger denke. Das müsse daran liegen, dass er Teil der Grunge-Bewegung gewesen sei. „Es hat alles seinen Preis“, sagt Dando und zieht an seiner Marlboro. An den Tag, an dem Kurt Cobain starb, erinnert er sich noch gut. „Wir waren auf Tour und mussten abends ein Konzert geben.“ Kurt Cobain habe er sehr gemocht. „Es war, als hätten wir einen Anführer verloren“, gestand er einmal in einem Interview. „Wir hatten das gleiche Management wie Nirvana, das uns ständig einreden wollte, dass einer von uns sterben würde. Sie sahen es wohl kommen, weil wir damals alle sehr viele Drogen nahmen.“

Mit Cobains Witwe Courtney Love schnupfte er noch drei Monate nach dem Tod ihres Mannes gemeinsam Kokain in einem Hotelzimmer. „Sie schenkte mir einen Pullover von Kurt, den ich bis heute nicht getragen habe. Es hätte mich viel zu traurig gemacht. Sechs Jahre habe ich ihn in einer Schachtel aufbewahrt, bis ich ihn meiner Frau geschenkt habe. Sie ist die einzige, der ich ihn überhaupt geben konnte“, erzählt Dando. Zu seinen Füßen liegen zerknüllte Zigarettenpäckchen, Bierflaschen und getragene Socken. Fans mögen ihre Stars gern wild, aber der Anblick von Dando würde sie traurig stimmen. Er sieht ausgebrannt und kraftlos aus. Immerhin: Gedanken um sein Image scheint er sich nicht zu machen. Im Vergleich zu einigen Bands von heute, die erst bei einer Modenschau von Karl Lagerfeld auftreten, bevor sie in dunklen Kellern spielen, ist Dando einer, der sich nicht nur als Rockstar verkleidet, sondern wirklich einer ist. Mit allen Höhen und Tiefen.

Eine letzte Frage: Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn alle denken, man sei längst tot? Dando muss lachen: „Ich finde das lustig. Diese Leute wissen einfach nicht, wer ich wirklich bin.“ Die Frage ist, ob er es selbst weiß.
Aileen Tiedemann

Über die Autorin:
Aileen Tiedemann, PRINZ-Redakteurin in Hamburg, hat die Karriere der Lemonheads seit den frühen Neunzigern mitverfolgt. Als Evan Dando 1993 im Docks von der Bühne fiel, war sie live dabei.